Category: Things you really want to see in Montreal


In Montreal Schwarzfahren zu gehen, ist nach neuesten Erkenntnissen eine sauschlechte Idee.
Als echter Wiener hat man mehr oder weniger die Wahl, ob man einen Fahrschein kauft oder darauf spekuliert, nicht in eine Kontrolle zu geraten.  Kommt man in ca. 2 Kontrollen in 3 Monaten, dann hat sich das Schwarzfahren schon ausgezahlt – eine Monatskarte fuer die Oeffis kostet 45 Euro, eine Strafe fuers Schwarzfahren kostet 60 Euro.

Heute Abend laufe ich mit Fabrice und Sandra, meinen Roommates, in die UQAM-Station, auf dem Weg zu einem Treffen. Ich lege meine Geldboerse auf den Detektor – im Inneren befindet sich eine Magnetkarten-Fahrschein – und werde durch das Drehkreuz gelassen. Fabrice und Sandra brauchen etwas laenger, und ich wundere mich gerade, ob Fabrice ueberhaupt einen Fahrschein benutzt hat. Wir biegen zur Treppe ein, als zwei Typen Sandra anhalten: “Please come here.”

Ich habe keine Ahnung was abgeht, hoere nur aus dem Seitenwinkel “Poutine Marie Antounette, Gioultine putar merde, sacre bleu magnifique” – was so viel bedeutet wie “Lady, Sie sind schwarzgefahren”
Ich warte. Der eine Kerl checkt per Handy ihre Adress- und Telefondaten, schreibt sich alles auf. Dauert ewig. Also beginne ich mit dem anderen zu tratschen. Er erzaehlt mir folgendes:

Fuer das Vergehen, die Absperrung zu umgehen, ueber das Drehkreuz zu springen oder sich unten durchzuwursteln, bezahlt man in Montreal glatte 214$. Zweihundertvierzehn Dollar. Ein Fahrschein kostet 2,75$.
Gibt man sich einsichtig und kooperiert, bleibt es bei den 214$. Muckt man auf, zahlt man 428 – und geraet der Schwarzfahrer ausser Kontrolle (laeuft davon o.Ae.), muss er 642$ zahlen.
Widerholungstaeter zahlen das Doppelte der Betraege

Die Undercover-Schwarzkappler, die die Drehkreuze an zufaelligen Tagen im Auge behalten, zaehlen in der Berri-UQAM-Station, Knotenpunkt der U-Bahnen, siebzehn an der Zahl. In einer Schicht, waehrend eines Tages, schnappen sie bis zu 100 Schwarzfahrer.

Angenommen, alle Schwarzfahrer sind wohlerzogen und muessen den Minimalbetrag berappen – fuer die Oeffis waeren das Einnahmen, an einem einzigen Tag, von 20.000$.

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Nach der Verkehrsmittel-Affaere geht es zur Rue St. Cathrine (der Mariahilferstrasse von Montreal), und zwar zu einem Laden namens Laser Quest.

Bei Laser Quest spielt man alleine oder in zwei Teams, in einer riesigen, festungsaehnlichen Indoor-Landschaft, nur durch Neonlichter beleuchtet, mit fluoreszierenden Farben an Waenden, Decken und Boeden. Man hat eine Laser Gun in der Hand und eine Ruestung am Oberkoerper.

Das Spiel ist unglaublich schnell, wie ein First-Person-Shooter am Computer, bloss um einiges schweisstreibender. Ueberraschenderweise werde ich von einer ansehnlichen Zahl an Maedchen beeindruckt, sodass die Deklaration “Nerd-Sport” auf Laser Quest nicht wirklich zutrifft.
Wird man getroffen, kann man fuer 5 Sekunden nicht schiessen oder getroffen werden – und dann ist man wieder im Spiel.

Vergleichbar ist es vielleicht mit Paintball, wobei hier der Frustfaktor bei einem Treffer um einiges groesser ist, und Paintball auf viel groessere Distanzen gespielt wird. Bei Laser Quest muss man versuchen, den Gegner entweder auf einer leuchtenden Scheibe am Bauch, am Ruecken, auf den Schultern oder auf seiner Waffe zu treffen. Feuert man einen Schuss ab, sieht man in der diesigen Luft der Schwarzlichtlampen einen roten Laserstrahl auf den Gegner treffen. Es gibt Spiegel, durch die man reflektierende Schuesse auf Gegner abfeuern kann, Gitter, durch die man hindurchschiessen kann, Rampen, Stockwerke – alles, was ein Teamsport braucht.

Die fluoreszierende Optik traegt zum Spielgefuehl enorm bei, und man fuehlt sich total im Cyberspace.

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Drei Spiele spielten wir, wobei zummer 2 ein Teamspiel war. Hier mein Score:

  1. GAME ONE: Nickname “PARIS”, Rank 5 (out of 17)
  2. GAME TWO: Nickname “RAGE”, Rank 5 (out of 24)
  3. GAME THREE: Nickname “PRINCESS”, Rank 3 (out of 16)
  4. Wer mich batteln will, muss nach Montreal kommen! 😀

Jeden Sonntag gibt es Tam-Tam in Montreal.
Klingt wie ein japanisches Sushigericht, ist aber ein Drumcircle.

So etwas kennen wir in Europa kaum: Leute treffen sich ohne grossartige Absprache oder Planung und

nehmen ihre Trommeln mit. Andere hoeren von dem Zusammentreffen, haben zwar keine Trommeln, wollen aber tanzen gehen oder sind einfach neugierig – und der Drumcircle samt ekstasischer Stampede ist geboren.

In Montreal steigt ein solcher Drumcircle jeden Sonntag am Fusse vom Berg Royal.
Fuer unsere jungen Leser aus der saubersten Raunzerstadt der Welt – Wien – kann ich folgenden Vergleich machen:
Der Drumcircle in Montreal ist die kanadische Version vom Burggarten an einem sonnigen Schultag.
Junge Kiffer, die die Schule schwaenzen, typisches Drum n’ Bass / Alternative Rock -Publikum, junggebliebene Gschmuftel und Halbsandler, Leute die in einem Van wohnen, junge Paerchen, die im Gras rollen und Rasta-Typen, die Gras rollen. Zusaetzlich dazu stellt euch den intensiven Rhytmus von etwa 30 unabhaengigen und trotzdem im Gleichton gehaemmerten Trommeln vor. Zum Garnieren noch eine Prise Weedgeruch in auf- und abschwingender Intensitaet.


Wolle Rohse kaufen? Oder Gschmuftelbekleidung?


Nach sieben Jahren ruht der kanadische Geist noch lange nicht


“Aeh, drei .. drei Ziffern sind 9/11! Und 2 mal 3 ist 6, und das mal 11 ist 66, und das ist die Zahl des Teufel!”


Intellektuelle Vergewaltigung der Statue vor dem Drumcircle

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Mein persoenlicher Koenig des Drum-Cirlces ist ein etwa 15-jaehriger Junge mit leichtem Down-Syndrom, der zuerst wild vor der versammelten Menge abshaked, bis ein tanzendes Maedchen seine Hand schnappt und mit ihm gemeinsam zu grooven beginnt.. man beachte sein potentes T-Shirt, der Kerl hat Eier aus Beton.


“The #1 Rule in Mexico is … what Happens in Mexico, Stays in Mexico.”

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Ich bin unterwegs mit drei Couchsurfern, und wir warten auf Nummer fuenf – Lena aus Deutschland.

Endlich mal wieder ein echtes, deutsches, blondes Maedel. Als ich sie sehe, werfe ich ihr einen Deutschlandwitz entgegen – sie mir dafuer einen giftigen Blick – und gehe an ihr vorbei. Nicht, weil ich unhoeflich oder gar chauvinistisch bin, nein, nein, meine werten Damen und Herren – sondern weil ich ein Football-Match sehen will, das zufaelligerweise direkt gegebueber von der Drumcircle-Wiese ist. Zum ersten Mal, seitdem ich auf dem nordamerikanischen Kontinent bin, sehe ich ein American-Football-Spiel.
Zach jedoch, dass die Footballer keine Maenner, sondern kleine Hosenscheisser sind… und das Spiel ist nach einer Minute vorbei (hat sich wohl einer der Bengel die Hosen vollgekackt).

Mont Royal ist ein grosser, saftig-gruener Berg in der Mitte von Montreal, und hat an einem Sonntag noch mehr zu bieten als Tamtams.
Zum Beispiel diesen Jungen hier, der, nach seinem Bauchmuskelprofil zu schliessen, locker die Hauptrolle in 300 bekommen haette. Woher er sie hat? Slackline. Ein Sport, bei dem man einen Spanngurt von einem Baum zum anderen spannt, ueber 5-10m, und dann darauf balanciert. Darauf zu balancieren, udn von einem zum anderen Ende gehen zu koennen, erfordert wochenlange Uebung. Dieser Kerl jedoch liess es teilweise wie ein Skateboard in einer Halfpipe aussehen.

Sein Finale, das er alle fuenf Minuten am selben Abschnitt des Seiles widerholte, war ein in-die-Hocke-gehen, gefolgt von einem waghalsigen No-Family-Sprung … udn trotzdem wieder die sichere Landung auf dem Seil.
Ein Weg, viele Frauen anzuziehen, mit den Bauchmuskeln und diesem Koennen? Weit gefehlt. Jeder findet ihn nur beeindruckend und stark, aber kein Schwanz interessiert sich dafuer, mit ihm zu reden.

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Von da aus geht es weiter zu meinem Tagesfavoriten, dem wohl zweitbesten Entertainment, dass ein Mann kriegen kann: Anderen zusehen, wie sie sich im Dreck pruegeln. (Nummer 1 ist, wie ihr richtig geraten habt, halbnackte Frauen, die in einem Plantschbecken voller Schlamm ringen)
Aehnlich wie der Drumcircle scheint es ein sozialdynamisches Phaenomen zu sein, das ohne Organisatoren und aus reiner Mundpropaganda funktioniert: Ein kanadisches Derivat von Jugger.
Der erste Anblick ist bizarr: Vom dreijaehrigen Ex-Footballer-Ex-Hosenscheisser bis hin zum 35-jaehrigen Frauenhelden ist jede Klasse von Alter und sozialem Stand vertreten. Auch flachbruestige Maedchen.

Der Spielinhalt ist einfach: Zwei Armeen, jeder mit einer von Schaumstoff und GAFFA-tape umhuellten Waffe bewaffnet. Ich spreche hier von keinem Mittelalter-Rollenspiel, auch wenn einige der Obergeeks Ritterruestungen tragen, sondern von einem Rugby-artigen Sport im Modus “Team Deathmatch”. Man hat sein Schwert, Lanze, Morgenstern usw. und muss versuchen, einen Gegner damit zu treffen, und selbst nicht getroffen zu werden. Es gibt Bogenschuetzen (die Pfeile haben dicke Schaumstoffpfropfen als Spitzen), es gibt Asassinen, es gibt Cheater – es ist wie ein Computerspiel. Das ganze findet auf einem etwa 20x40m grossen Erdfeld statt, und zieht etwa 150 Zuschauer an, die sich ueber die Laecherlichkeit des Anblicks gemeinsam amuesieren, aber insgeheim natuerlich mitspielen wuerden.


Ich ueberlege mir schwer, in den folgenden Wochen mit haesslichen Klaommen, die ruhig erdig werden koennen, vorbeizuschauen und mir eine Schaumstoffaxt zu borgen.

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Hackeysack ist hier anscheinend ein Nationalsport


Lena, Richard, Master Dipl. Ing. Toby, Christophe und .. mhhh … schlechtes Gedaechtnis 😀

2240 Pitt Street, Montreal.

Das ist die Adresse von B&S, einem Geschaeft fuer typisches Dachboden-Geruempel. Naja, nicht ganz typisch…
In dieser Keller-Lagerhalle kann man alles von Operationslampen ueber Rollstuehle und Zahnarztsitze bis hin zu amerikanischen Soldatenspinden (inkl. Poster von nackten Weibern) kaufen. Dieser Shop ist kein Geheimtipp, sondern ein unbemerktes 8. Weltwunder.

Man kann Gluehbirnen so gross wie der eigene Kopf kaufen, eine Unmenge von Modell-Holzschiffen, abertausende von Schrauben, Aufsaetzen, alten Computern, Augenarzt-geraeten … die Moeglichkeiten sind unbegrenzt.

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Mich fuehrt anfangs ein absolut stereotypischer Biker-Exhippie herum. Hinter einer riesigen Reihe von Regalen vorbei, gerammelt voll mit Ramsch, zeigt er mir eine kleine, feine Tuer. Dahinter sind alle Arten von Heisslicht-Lampen, Duengemittel und .. Palmen. Ja, das ist der Gartenzubehoer fuer den kleinen Kraeuterfritz, den Homegrower.
Sein Boss, dem der Laden gehoert und den ich in einem abgetrennten Raum voller Zettel und mehr Kram treffe, stellt sich als “Boyd” vor. Er zeigt mir eine Harley

Davidson aus Zahnstochern, die ihm einmal ein Kuenstler als Pfand hiergelassen hat, da er nicht genug Geld fuer die erworbenen Artikel hatte.
“Ich habe ihm die Harley fuer 75$ abgekauft”, meint Boyd. Ich sehe auf die enorm fein gearbeitete Harley, die ein x-faches wert ist. “Eines Tages wird er die Harley zurueckkaufen, ich gebe sie ihm dan naber nicht unter 100$.”

Boyd kam vor etwa 40 Jahren nach Montreal und begann wie so viele Nordamerikaner sein kleines Garagen-Business. Aus dem Garagesale wurde bald ein grosser Geruempelverkauf, und jetzt hat er das komplette Untergeschoss einer Fabrik als Verkaufsraum. Er betreibt es zusammen mit seiner Frau, die anscheinend nicht dagegen hat, dass er in seinem Buerozimmer neben dem aufgeraeumten Tisch nicht nur Ueberwachungsvideos laufen hat, sondern auch eine Endlosschliefe von 70er-Jahre Pinup-Girls.

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So sieht’s aus wenn man reinkommt.. man bemerke die Holzschiffchen ueber der Tuer, die sich die ganze Laenge des Raumes ueber weiter ziehen


die Tiefe des Raumes ist nur schwer zu erahnen, da die Regale und vor allem deren Inhalte nicht sehr geradlinig aufgereiht sind..


Computer aus der Vorkriegszeit

Lightbulbs for every occasion


Operationslampe fuer den Hausgebrauch


Boyd Dawe, Godfather von B&S. Vor ihm die Zahnstocher-Harley.