Category: Review


Wer die neuen, knuddeligen Temperaturanzeigen in diesem Blog bemerkt hat, wird den drastischen Temperaturabfall von Montreal zu Los Angeles sehen. 15-20 Grad an der Westkueste, -6 Grad in der Stadt des Ahornsirups.

Nicht verwunderlich also, dass ich anfangs etwas froestelte – zugegebenermassen bin ich aber total gespannt auf den haertesten Winter, den ich je hatte – bei der Vorstellung von Spitzentemperaturen um die minus dreissig Grad schlaegt mein Almoehi-Herz aus den Alpen hoeher. Um die noetigen Vorkehrungen fuer die bevorstehende Kaelte zu treffen, musste ich etwas fuer die Umwelt tun: Die Isolierung unseres Apartments aufbessern. All unsere Fenster sind Einglaeser, sprich, es gibt im Fenster nur eine einzige Scheibe. Ihr kennt diese Art von Fenstern bestimmt aus alten Gebaeuden, in denen sich Eisblumen bilden. So schoen sie auch sind, der einzige Grund, warum es sie gibt, ist, dass es drinnen warm und draussen heiss ist, durch den Temperaturunterschied Wasser an der Scheibe kondensiert und zu Eis gefriert.
(Pardon, danke an den Leser: Natuerlich ist es draussen arschkalt. Das war wohl ne Spur zu viel weisser Rum gegen die Kaelte..)

Ein Doppelfenster hingegen bietet einen schuetzenden Polster aus Luft – durch die extrem schlechte Waermeleitung von Luft dient dieser Zwischenraum als perfekte Isolierung. Man kaufe eine Plastikfolie und gutes Klebeband, und klebe die Folie aussen oder innen an den Rahmen.

Die naechste Challenge wird der dicke Spalt im Holz sein, bei dem man die Kaelte regelrecht hereinstroemen fuehlt – ich muss mir so etwas wie Schaumstoff kaufen und es in die Ritzen kleben, sodass ich das Fenster immer noch oeffnen kann, obwohl es abgedichtet ist.

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In der Zwischenzeit beschliesse ich, mehr ueber Fotografie zu lernen. Die Nationalbibliothek Quebec in Montreal ist ein 33.000 Quadratmeter grosser Irrgarten zwischen Bergen aus Franzoesich und Hecken aus Englisch. Trotz der frankophonen Sprachdominanz findet sich eine gut sortierte Photographie-Ecke – und aus dieser werde ich mir ein Buch nach dem anderen ausborgen, und selbstverstaendlich hier ganz selbstlos reviewen.

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“People” by Michael Coyne

Amazon

Ein exzellentes Buch fuer Reisefotografen. Ich wuerde es nicht kaufen, aber ausborgenswert ist es allemal. Es beschreibt sehr gut, wie man als Reisefotograf mit den Menschen umgehen sollte, die man fotografieren moechte, gibt eine gute Einfuehrung in Reisefotografie und ist kompakt geschrieben. Es gibt Inspirationen fuer Motivwahl, Komposition und eine Menge anderer Grundprinzipien. Der Autor hat ein fundiertes Resumee, das Buch reich bebildert mit teilweise sehr guten Fotografien.

Dieses Buch inspirierte mich zu einem ersten Photo Raid, den ich durchfuehren werde, sobald meine EOS 10D per Post kommt: An einem Wochenends-Tag so viele Menschen wie moeglich ansprechen, ob ich sie fotografieren kann. Willigen sie ein, nicht einfach ein Bild aufnehmen, sondern sie bitten, sich fuer Licht und Komposition hier- und dorthin zu stellen, sie nach Posen fragen oder ihre Kleidung zurechtruecken lassen und so weiter. Erinnert stark an den Acting Test? Ja, der hat mir damals so gut gefallen.

Denn die Devise im Leben sollte sein:
Moechte man etwas koennen, was man noch nicht kann – dann braucht man es nur zu lernen.

Ich kann wunderpraechtig wildfremde Leute anlabern, aber habe noch nie probiert, jemanden Zufaelligen als Sekunden-Fotomodell auszuwaehlen. Die besten Reisefotografien geschehen aber genau auf diese Art und Weise – indem man Menschen fragt, ob man sie fotografieren kann, und im Gegenzug zu ihrer Zustimmung mehr gestalterische Freiheit hat als wenn man einfach nur einen versteckten Voyeur-Shot setzt.

“Don’t look!”, ruft mir Lorena von der anderen Seite des Buecherstandes zu. Wir befinden uns in einem Hipster-Shop fuer Maedchen, der neben suessen Kleidchen auch niedliche Shirts und enge Hosen verkauft – und nebenbei auch noch Kerzen in Handgranatenlook. Sehr weiblich-romantisch. Ich kaufe mir ein Buch, mit dem man angeblich lernen kann, Autos zu knacken und seine Freundin zu betruegen – alltaeglich brauchbare Tipps.

Als wir aus dem laden spazieren, drueckt mir Lorena ein Buch in die Hand. All about Me, heisst es.
Es ist ein Buch mit einem etwas ausgedehnteren Fragebogen ueber das Leben, Moral, Weltanschauung, Sex, Wuensche, Traeume und den eigenen Koerper. Fuellt man es nach und nach aus, lernt man eine Menge ueber sich selbst und kann es moeglicherweise sogar einem nahen Menschen schenken, wenn man die Eier zu so etwas hat.

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Lorena sitzen auf der Couch, auf der ich seit knapp zwei Wochen meine Arbeits- und Blogschreibzeit verbringe. Wir blaettern durch das Buch.

The first time you discovered Power: ____
Your two closest friends: ____
When you are happy, you need: ____
The first time you fell in love. When ____ Where ____ With whom: ____

Ich ueberlege kurz und gebe grinsend zu, mich in die Hauptdarstellerin aus dem Film “Die drei Postraeuber” verliebt zu haben. Damals lag das Buch zum Film auf meinem Nachkaestchen. Ich war neun Jahre alt, sie war damals zwoelf. Richtig kitschig. Naja, das kleine Maedchen ist jetzt fetter geworden, nicht mehr so niedlich und ich bin nicht mehr in sie verschossen: Nicola Etzelsdorfer.

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Die naechste Frage in diesem leeren Buch zieht ein wenig in der Magengegend.

The last time you fell in love. When ____ Where ____ With whom: ____

Ich blicke aus meiner verschobenen Pupille auf das Maedchen, das mir mehr bedeutet als jedes andere zuvor. “I dont know when or where. I just know with whom…”

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“Ich liebe dich” in einer Beziehung ist etwas, was ich zumindest so weit wie moeglich hinauszoegern wollte. Und wie ich herausfinde, wollte Lorena es auch. “I didn’t want to be cheesy.”
War dann wohl doch etwas cheesy.

Nach einem weiteren Film-Meetup [der Film heisst Elegy und ist mit Ben Kingsley (Ghandi) und Penelope Cruz (die scharfe Schnitte kennt eh jeder) – handelt von einem etwas ungleichen Paar mit 30 Jahren Altersunterschied, die durch alle moeglichen Hoehen und Tiefen gehen] gibt es ein feistes Zusammenkommen an einer Tafelrunde. Nicht wie beim letzten Mal 15-20 Leute, sondern ca. 80 Leute nehmen an dem Treffen teil.

Vierzig gehen nach Hause, vierzig bleiben noch auf Bier und Bratwurst (bzw. Ahornsirup und Ahornrinde). Wie es so passieren will, lande ich auf einem interessanten Tisch.

Zu meiner Rechten ein Herr, um die 50, etwas beleibter Musiker namens Robert.
Links ein Typ, nennen wir ihn den Franzosen.
Gegenueber von uns:
Mamadu, 30, schwarz, intellektuell
Tim, 50, Typ chilliger Uniprofessor, und
sagen wir, Liselotte, 35, blonde Locken und etwas ungeschickte Diskussionskultur (aber scharf)

Aus einem unerfindlichen Grund hat Liselotte nur Augen fuer Tim. Ich vermute, sie sassen im Kino nebeneinander, und vielleicht lief da ja was.
Alles beginnt damit, dass ich Robert einen Platz am Tisch anbiete. Er setzt sich, wir diskutieren ueber  Vegetarismus, und in kuerzester Zeit sind wir heftig am Streiten. Durch die schoene Kellnerin und ihre Bestellung abgelenkt, werden wir ploetzlich ganz dicke Freunde.

Meine anfaengliche Meinung war, dass der Film so-lala ist. Nach fuenf Minuten Diskussion realisiere ich, dass mir der Film doch einiges gezeigt hat:
Wie wichtig es ist, handlungsfaehig und abenteuerlustig zu sein.
Keine Angst vor Zurueckweisung zu haben, sondern einfach mit dem Kopf durch die Wand zu gehen.

Elegy ist wirklich empfehlenswert, er bringt dir einiges ueber das Leben und das Altwerden bei.
Dass die Regisseurin eine Frau ist, gibt dem Film einen sehr emotionalen Charakter und stellt Maenner in einer durchaus wahren Art und Weise da.
Hier kommt unsere kleine Diskussionsrunde zum Knackpunkt: “Maenner und Frauen”. Ich werde darueber spaeter einen Post verfassen (meine Klassenkollegen wissen, wovon ich spreche, Stichwort Steinzeit ), aber sei so viel gesagt:

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Ich spreche zur Gruppe ueber die Rollenverteilung von Mann und Frau, und dass viele Maenner oft wie geschlagene Hunde herumtrotten, von der Gesellschaft zu Pussyboys erzogen.

In Amerika sagt man out of the blue, wenn etwas komplett absurdes aus dem Nichts heraus geschieht.
Liselotte wuetet out of the blue:

WHAT?! And yeah, in America the economy is going down, well, in the whole world there is stagnation, and I mean everything gets more expensive, and the gas prices go up, people can’t afford that any more, its all because of the economy, in the US as in Canada, and those fuel prices, there are people who want to make women responsible for that! RIGHT!

What the fuck.
Nicht nur, dass das komplett ueberhaupt nichts mit meinem Statement zu tun hat, sondern auch dass es diesen vorwurfsvollen Ton hat. Igitt, typische Chick-logic-Furien-Attacke.
Diese Attacke war komplett fuer die Katz, vielleicht um mich aus der Reserve zu locken, vielleicht um mich zu testen, vielleicht um ein bisschen Hass an der Gesellschaft der Frauenverachter loszuwerden (die auf mich projiziert wird, ja, ich bin der Judas schlechthin).

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Dass sie komplett daneben liegt, weiss sie selbst. Ich reagiere, indem ich sie nicht wirklich ernst nehme – und bekomme prompte Unterstuetzung vom Rest der Maenner auf dem Tisch. Robert, obwohl locker 30 Jahre aelter als ich, spricht, als wuerde er mit einem Strohhalm aus meinem gehirn saugen – unsere Mann-Frau-Ansichten sind erstaunlich ident.

Durch die Diskussion, und vor allem durch die eigenen Aussagen, lernt man unglaublich viel dazu; man spricht mit Ueberzeugung und formt die Worte trotzdem nur einen Sekundenbruchteil zuvor im Gehirn… der Argumentierende lernt dabei bestimmt genausoviel wie der, der ihm lauscht.

Das komplizierteste an der durchaus sehr intellektuellen, folgenden Diskussion zu Tische ist, dass ich immer wieder – auf Einspruch des Franzosen und Mamud – anmerken muss, dass ich mich bei meinen Ueberlegungen auf heterosexuelle Maenner und Frauen beziehe. In Oesterreich haette ich das nicht zu erwaehnen gebraucht, dort ist das ja selbstverstaendlich…

Joox.net ist eine Seite, bei der man sich Filme online ansehen – in der Geeksprache “streamen” – kann.

So aehnlich wie deezer.com, wobei Deezer fuer streambare Musik gedacht ist. Joox verfuegt ueber eine riesige Datenbank – und wer mich kennt, weiss von meiner unerklaerlichen Scheu vor jeglichen Sharingprogrammen wie BitTorrent oder Kaazaa. Well, mit joox und deezer habe ich zwei Seiten gefunden, die mein Gewissen beruhigen; fuehlt es sich doch bei beiden Seiten so an, als wuerde jemand anders Verantwortung uebernehmen, und man involviert sich nur temporaer.

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Die Gewissensbisse mal beiseite gestellt, koche ich mir wie beinahe jeden Abend Nudeln, werfe mich auf unsere knarrige Couch und suche nach einem Film. Auf einer A-Z Liste mit derzeit 1375 Filmen und keiner Ahnung, was man sehen will, ist die Wahl keine leichte. Komplett zufaellig stosse ich beim wahllosen Scrollen auf einen Film, den ich schon seit langer Zeit sehen wollte:
American Beauty.

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Jeder Mensch hat eine andere Interpretation fuer kreative Werke; fuer Gemaelde, fuer Songtexte, Melodien, Romane oder auch Filme. Dass dieser Film geradezu perfekt in meine derzeitige Gedankenwelt passt, ist eine unerklaerliche Fuegung.
Ich verweise dabei auf den vorigen Blogpost ueber die Macht, lebendig zu sein – etwas an seinem Leben aendern zu koennen, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen und das Leben nicht nur einfach vorueberziehen lassen. American Beauty ist voll von diesen Gedanken, und sollte ich mich als Cinemast bezeichnen duerfen, so zaehlt er jetzt ganz bestimmt zu meinen engsten, wohlerlesenen Lieblingsfilmen.

Dass mir Lorena kurz darauf erzaehlte, dass in dem Haus, in dem der Film gedreht wurde, eine von ihren Freundinnen wohnt – Los Angeles Area -, braucht mich nicht mehr zu wundern. Manchmal ist das Leben einfach wie ein Film…
Und diesen Film sollte man sich unbedingt ansehen!

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Trailer von American Beuty

Samstag. Wochenende. Zeit, mal wieder etwas zu erleben. Mein Google Calendar und mein Gmail-Account informierten mich gleichzeitig ueber ein Picknik, das am Berg in der Mitte von Montreal – klassischerweise Mont Royal, was der Stadt auch ihren Namen gibt – stattfinden soll.
Ganz nach dem Motte von Meetup, “Das Internet nutzen, um weg vom Computer zu kommen”, fahre ich hin – keine Ahnung, was mich erwartet.
Ich steige aus dem Bus aus und stelle fest, dass der romantische, kuenstlich angelegte Beaver Lake (an dem das Festgelage steigt) nur zweihundert Meter vom gigantischen Zentralfriedhof Montreals liegt. Logistisch perfekt also, falls jemand im See beim Tretbootfahren kentern und ertrinken sollte.


Moi, ist der lieb! Und zutraulich. Wie im Maerchen…

Nach kurzer Suche steht es fest: Das Meetup wird von etwa vierzig Personen bevoelkert, im Alter von 5 bis 70 Jahren. Na toll. Kleine Kinder und Pensionisten anstatt paarungswilligen Teenagern.

Aus der anfaenglichen Truebsal wird jedoch bald ein interessanter Nachmittag, da ich

  1. Mal wieder ein paar Deutsche treffe und
  2. zum ersten Mal waschechte Southerners zu Gesicht bekomme – Menschen, die aus dem Sueden der USA kommen. Florida, um genau zu sein.

Die Deutschen haben eine Vorliebe fuer die Bratwuerste, die jemand zum Picknik mitgebracht hat, und eines der deutschen Maedels – seit 18 Jahren in Kanada – erzaehlt mir, dass sie nach etwa 15 Jahren im Ausland versucht hat, sich wieder in Deutschland zu beheimaten. Und sie konnte es nicht; all das, was so besonders am amerikanischen Kontinent zu haben ist, fehlte ihr in Deutschland. Sie erzaehlt mir, dass sie nach so langer Zeit in Kanada Deutschland als kleinkariert, kleinbuergerlich wahrnimmt. Alles in unserem deutschsprachigen Kulturkreis ist in einem kleineren Massstab gebaut, funktioniert in kleineren Skalen.
Gut oder schlecht, sei dahingestellt. Was ihr in Deutschland fehlte, war die amerikanische/kanadische Offenheit, die ich ebenfalls absolut fuehle und bestaetigen kann.
Es sind unbestreitbar verschiedene Ways of Life, die wir in Europa und Nordamerika haben.

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Die Southerners waren die untypischsten Southerners, die man sich vorstellen kann: Sie schimpften auf Amerika, auf die Gesellschaft, auf das Gesundheitssystem, auf ihre Nachbarn, auf den american Way of Life, auf das Militaer und die amerikanische Aussenpolitik, auf das Bildungssystem … kurz gesagt, sie haetten Europaer sein koennen.
Interessant natuerlich, das von der amerikanischen Warte zu hoeren. Der Southern-Stereotyp ist weiss, 50, fett, haesslich, steht auf Waffen und dicke Burger, wohnt in einem weissen Haus mit einer amerikanischen Flagge neben der Eingangstuere und faehrt am liebsten Auto.
Mr. und Mrs. South – ueberaus ulkige Leute, die ich echt nett finde – erzaehlen mir, dass dort, wo sie herkommen, auf der Grenze zwischen Florida und Alabama, der Grossteil der Eltern sagt: “Ich bin stolz, wenn mein Sohn/Tochter nach der Schule zum Militaer geht.”
Nicht zur Universitaet, nicht auf eine Reise, nein, zum US-amerikanischen Militaer. “Weil das Militaer einfach fuer alles zahlt.”
Jenes Ehepaar muss pro Person 1.000$ Gesundheitsversicherung zahlen. Die Versicherung zahlt so gut wie nichts, wenn sie krank sind. Jedes verschriebene Arztrezept kostet mehr als 150$. Ein Jahr Studium kostet etwa 25.000$. Exklusive Lebenserhaltungskosten, die die Studiensumme noch fast veranderthalbfachen.
Das Militaer kommt fuer all die Versicherungen auf, und mir scheint es fast, als wuerde alles, was wir in Oesterreich als Wohlfahrtsstaat kennen, in den USA einfach auf das Militaer verlagert werden: Sobald man drinnen ist, ist man in einem Wohlfahrtsmilitaer … das einen dann aber dummerweise in den Irak schickt.

Der Stereotyp des Southern US-American wird “Redneck” genannt. Redneck sind die Leute, die Gibberish reden, und einfach komplett doof sind. Diese beiden Suedstaatler waren alles andere als doof, ja, man koennte sie sogar als weltoffen bezeichnen. Allen Stereotypen liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Solange man selbst nicht genug ueber eine bestimmte Gruppe weiss und nicht genuegend Menschen daraus kennt, sollte man keine vorschnellen Urteile faellen.

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Nach dem Picknik geht es ab ins Kino. “The Montreal Singles Movie Fans Meetup” ist ein Kollektiv aus haesslichen, uebergewichtigen 35+ Jahre alten Leuten. Dass ich sie nicht gerne neben mir aufwachen sehen wuerde, heisst nicht, dass sie schlechte Menschen sind.
In groesstem Zeitdruck sprinte ich von der Metrostation bis zum Kino. Ich mache mir durchgehend Sorgen, meine Gruppe nicht zu finden und im Kinosaal laut “Where is the Meetup Group?” schreien zu muessen. Ich renne in das Einkaufscenter. Noch zwei Minuten, bis der Film beginnt. Die Gruppe ist bestimmt schon drinnen. Ich werde wohl im Werbeblock nach ihnen rufen muessen.

Als ich mit meinen Flipflops um die Ecke rutsche, begruesst mich ein schraeger Typ, um die 50, von Akne vernarbt, fahle Zuege in seinem Gesicht. Und auch wenn er so gruselig aussieht, stelle ich bald fest, dass er ein herzlicher Mensch ist.
“Hey, are you here for the Meetup group?”
“Yeah!”
“Ah, you must be Toby!” Wow. Wieso kennt jeder meinen Namen? Damit waere die groesste Last von mir gefallen – kein Schreien im Kinosaal also. Der Film kostet 2$.
Ich gehe in das Kino – alleine. Der Grossteil der Gruppe sitzt schon drinnen. “Nimm dir irgendeinen Platz.”
Angekommen am platz, merke ich, wie verschwitzt ich bin, und kaum sind die ersten fuenf Minuten vorbei, sitze ich ohne Hemd in meinem weichen Kinosessel.
Der Film hiess The Visitor und ist unglaublich empfehlenswert. Genauso wie in den USA, schaetze ich, wird es in Europa kaum Werbung dafuer geben; der Film ist ein Independent Film, gemacht von dem Gruender von ebay, und handelt von Immigration in den USA, von Schicksalsschlaegen und menschlichen Beziehungen. Mitreissend und emotional erzaehlt er die Geschichte eines Universitaetsprofessors, der nach der Reise zu einem Kongress herausfindet, dass ein Paerchen in seinem Apartment lebt. Diese sind Opfer eines Mietbetrugs, und durch diese Verstrickung wird das Leben des Professors von einer grauen Alltagssuppe zu einem bunten Leben voller Rhytmus.
Das klang jetzt wie ein Review in einer Frauenzeitschrift. Cool.
Trailer

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Des Nachts stolpere zuerst ueber ein Konzert in der Mitte der Stadt, gehe dann auf einen fetten Rave unter einer Bruecke, treffe dort einen Deutschen, drei Maedels und ihren schwulen Freund und finde eine Menge ueber die Partyszene Montreals heraus…

Romantisches Outdoor-Konzert in einem Park, 200m von meiner Haustuere entfernt: Klang wie Celine Dion, sang dasselbe Lied wie Celine Dion, kann gut kochen wie Celine Dion, und Celine Dion ist aus Montreal – aber wahrscheinlich ist die Dame auf der Buehne jemand anders.

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Der “Burning Bridge” Rave

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Ein Film, den es in Deutschland erst im Oktober geben wird. Er nenn sich WALL-E, und wurde von Pixar gemacht. Well… diesmal haben sie einen echt umwerfenden Job gemacht. Ich will euch nicht allzuviel verraten, denn ich habe den Film ohne jegliche Erwartungen angeschaut – und ich haette es nicht besser treffen koennen. Ich zaehle den Film zu meinen vier Lieblingsfilmen;

  1. The Matrix I
  2. Butterfly Effect
  3. American Beauty
  4. WALL-E

Wieso? Weil sie alle etwas gemeinsam haben… eine brilliante Idee hinter dem Film. In Matrix geht es um eine uns kontrollierende Parallelwelt, in Butterfly Effect dreht sich die Story um Vergangenheit und Zukunft – und in WALL-E geht es um den modernen Menschen. Auch wenn die Hauptcharaktere Roboter sind, geht es eigentlich um die Schoepfer dieser kleinen Blechbuechsen. Und um das, was mit uns passieren kann, wenn wir nicht vorsichtig sind. Der Film hat unendlich viele Obstrusitaeten, kleine Details und so weiter. Wer ueblicherweise gar nicht auf computeranimierte Filme steht, hat hiermit die Verpflichtung, diesen anzuschauen. Wer ueblicherweise Animationsfilme mag, der sollte sich grob geschaetzte 10kg Popcorn mitnehmen. . Die verpflichtende Ausstattung des perfekten WALL-E Erlebnisses nach dem Toby’schen Filmknigge sind:

  • 10kg Popcorn. Nur ein kg davon essen und den Rest an Obdachlose oder Volkschueler verschenken.
  • Freundin, Date oder eine Handprothese.
  • Laufschuhe oder Hanteln.
  • Fuer Maedchen und Sensibelchen: Taschentuecher.

. Nach dem Film hatten Josh, Winston und ich das unvermeidliche Beduerfnis, vor der Obdachlosenspeisung noch eine Stunde am Strand spazieren zu gehen. Warum wir so einen urploetzlichen Bewegungsdrang hatten, werdet ihr herausfinden, wenn ihr den Film dann seht.

Tja, der Titel dieses Posts klingt ja schon mal nach Heiratsschwindel, Eifersucht, Mord und Totschlag. Hier nun die dramatische Story einer Verwechslung, die Shakespeare lieber gerne selbst geschrieben haette.

Ich lerne zwei Maedels, beide um die 25, kennen. Eine blond und chubby, die andere bruenett und heiss. Gebe ihnen meine Homepage.
Ein paar Tage spaeter bekomme ich eine email, in der sich eins der Maedels meldet. Liz. Roaaar, ein scharfer Name. Wie ungezogen.
Und sie schreibt, dass ihr meine Fotos gefallen, sie aber denkt, dass man “in Prints mehr Details sehen kann”, und gibt mir deshalb ihre Nummer.
Das war echt subtil gespielt, haette unsereins kaum besser koennen. Klar, natuerlich will sie nur Prints mit mir ansehen…

Also rufe ich sie an, sie hat ne sexy Stimme und lacht die ganze Zeit ueber meine geschmacklosen und einschlaefernden Witze – ist wohl ein klein wenig in mich verschossen. Wir labern fuer 15 Minuten und machen uns aus, am naechsten Tag etwas zu unternehmen.
Ich setze Kinogehen fest, und sie soll mich aufklauben.

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“Liz, did you get lost?”, rufe ich sie an, nachdem sie zwei Stunden von Hermosa Beach rauf in den Arts District gebraucht hat.
“Yeah, Toby, I got off the freeway and searched for Porter Street, but couldn’t find it, so I’m driving back and forth on Santa Fe Avenue, and now I’m at 3rd Street…”
“Oh, that’s in the complete opposite direction!”

Suess. Hat sie sich verfahren und ist zu feige, mich anzurufen. Hach, wie niedlich.

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Ich stehe vor dem Garagentor, und kritzle auf eine Pizzaschachtel eine Nachricht fuer meine Roommates:

To my roommate-darlings:

Today Evening there will be a couchsurfer coming, named Brian.
He is hitchhiking and will sleep/surf on our couch for one night.

The couchsurfer Toby

Gerade, als ich die Nachricht fertigstelle, biegt ein Auto um die Ecke. Ich drehe mich um und lasse die

Pizzaschachtel langsam sinken, blicke in die leicht flimmernde Ferne. Ein silberner Beatle. Na endlich!

Und am Steuer sitzt … Blondie!
WAS?! Nein, nein, NEIN, das darf doch nicht wahr sein! Die Stimme, der Name … deutet alles auf ein heisses Maedel hin, aber..

“Hey Toby!”
“OH, ah, hi Liz! Park your car right here, and come in!”

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Okay, was tun, wenn man ein Date hat, das nicht so laeuft, wie man es will? Zugegebenermassen, grosse Glocken hatte sie. Aber auch nen recht grossen Arsch. Und ich steh nicht so sehr auf Maedels, die meine Taillie/Bierbauch ohne Bier ueberbieten koennen.

Ich war mir fuer etwa eine halbe Stunde unsicher, ob ich

  1. Nur auf die Titten achten sollte, und ganz normal loszuflirten. Sozusagen mit den Titten zu flirten.
  2. Eine Ausrede zu finden und schnell abzuhauen.
  3. Einfach das Date wie ein echter Gentleman, ein guter Freund, abzuhalten und meine verfuehrerische Ader ein bisschen abzuklemmen.

Habe mich dann fuer die schmerzfreie Nummer 3 entschieden: Kino gehen, “Get Smart” ansehen und aufs klassisch-glorifizierte Haendchenhalten im Kino verzichten.

Trotzdem, ein gutes Gefuehl, bewussterweise das Flirten unterlassen zu koennen – vor anderthalb Jahren haette ich das nicht gekonnt, damals wusste ich naemlich nichtmal, was flirten bedeutet.
Geiler Film, geiles Kino, und mehr oder weniger geile Verwechslung…!

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Dieses Wochenende war eine kleine Evolutionsgeschichte; so, wie wenn man eine Kuh, einen Eimer Milch und einen Laib Kaese kauft.

Samstag: Zwei Runden Casting. Ich ueberlege mir, wie toll es doch waere, noch einen Autounfall zu machen, waehrend ich zu einer Audition fahre, die Zeit knapp wird, ich keinen blassen Schimmer mehr habe und den Strassenverkehr verfluche. Doch diesmal nicht!

Casting 1

University of Southern California. “Kids, where do I find the Fluor Tower?”, frage ich zwei merklich aeltere Studentinnen. Ich ernte ein Kichern und eine Wegbeschreibung. Ein Typ empfaengt mich in der Lobby – beziehungsweise ich spreche ihn an -, er ist total freundlich, macht zwei Fotos von mir und schickt mich hoch. Ich werde in einem Workshopraum von einem Studenten und zwei Studentinnen empfangen. Er ist der Director, das eine Maedel spricht den Counterpart, und das dritte haelt die Kamera drauf. Ich spiele eine Szene, bei der ich das Maedel mit “Are you famous yet?” aufreisse, und eine – zeitversetzt-, in der ich komplett am Boden zerstoert bin, weil sie die Scheidung will (bloede Schlampe). Ich merke gerade, dass alle Schauspieler immer von “dem Charakter” reden, wenn sie ueber ihre Rolle in diesem und jenem Film sprechen. Mach ich in Zukunft auch, dann bin ich dabei im Ronald McDonald Club der coolen Kinder..

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Casting 2

Los Angeles Film School. Rufe eine Nummer an, werde in den 6. Stock dirigiert. Treffe einen fetten Gschmuftel-Typen, wir gehen in einen kleinen Konferenzraum. Dort sitzt der Producer – XX-Uebergroesse-Shirt, weisse Kappe, Goldene Halsketten-Ausfertigung des Blink-Bling-Imperiums. Mr. Fat ist der Director. Ich auditioniere fuer den Killerclown. Eine Figur, die zwar nichts zu sagen hat, aber ein paar besoffene Collegekids niedermetzelt. Zuerst moechte er eine Performance, in der man Emotionen sieht. Ich spiele ne Szene, wo ich angerufen werde, dass jemand aus naher Verwandtschaft gestorben sei. Zuerst Unverstaendnis, dann Entruestung, Traurigkeit, Verwirrtheit und zuletzt Wut.

Er sagt, yeah, okay, want it more extreme, exaggerate. Das ist das geile bei Castings: Man kriegt fast immer Kritik und versucht es nochmal. Diesmal moechte er aber die folgende Szene sehen: Ich sitze in einem Lokal, hinter mir tratschen ein paar maedels was. Zuerst gefaellt mir, was sie sagen, doch dann nimmt das Gespraech eine unerwartete Richtung an und ich bin total angeekelt. Klappt recht gut. Und zuletzt: Ich sitze in einem Lokal. Neben mir ein kleiner Bub. Ich darf keine Worte verwenden, und soll ihn zu Tode erschrecken, bis er weint. Ich gebe dem unsichtbaren Jungen saugrausige Grimassen und die besten epileptischen Anfaelle landesweit. Nicht umsonst gehe ich frisch beschwingt und voller Ideen, was ich besser machen koennte, aus dem Gebaeude heraus. Nicht umsonst sah meine Email-Bewerbung so aus:

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Sonntag: Ein Casting, eine Arbeit als “Extra”. Das bedeutet, man ist eine Figur im Hintergrund, unscharf, recht unsichtbar, und sorgt dafuer, dass die Zene realistisch und lebendig wirkt.

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Casting 3

LA Film School. Wiedermal. Ich habe in der Bestaetigungs-Email das komplette Script zugeschickt bekommen und keinen blassen Schimmer, welchen Charakter ich lesen moechte. Bei vielen Castings ist es so, dass nicht verlangt wird, textsicher zu sein. Man kriegt eine Kopie vom Drehbuch in die Hand gedrueckt und liest die Szene gemeinsam mit einem Mitglied der Castingcrew. Ich betrete den 5. Stock. Room 204. Ich bin im Zeitstress, weil in etwa einer halben Stunde der Extra-Dreh ein paar Blocks weiter beginnt. Ein schwarzer Junge, um die 20, ist gerade am Rumbruellen fuer ne Rolle. Ich setze mich auf einen Stuhl und warte. Er kommt dreimal heraus, blubbert draussen die Rolle vor sich hin, und geht wieder rein, um dem Director seine Zaehne zu zeigen. Nach fuenf Minuten ist er fertig, und das dicke Maedchen begruesst mich und ruft mich herein. Der Director ist eine Directorin, schwarz, um die 24, sympathisches Grinsen und die typische Regiekappe auf dem Schopf.

Mein erster Task: Spiele den Bekifften Homie der abhaengt und Leute zulabert. Nach der Amsterdam Experience® ist es natuerlich ein Leichtes, stoned zu spielen.

Rolle Nummer zwei ist der Weiberheld-Superarschloch-Typ, der das College unter seinen Fittichen hat und wie ein Zuhaelter herumkommandiert. Ganz mein Ding.

Zu schnell. Langsamer.
Nochmal, uuuuund Action.
ZU langsam.
Okay, und jetzt mit mehr Gemeinheit. Noch mehr Gemeinheit. Action.
Mehr Gesichtsausdruck. Du jagst ihnen Angst ein. Action.
Ja, geil. Gefaellt mir. Wir melden uns!

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Das ist etwas, was man bei Castings immer zu hoeren bekommt: Awesome. You’ll hear from us!
Es zaehlt nichts, ist nichts wert. Entweder man kriegt den Part, oder nicht. Bin schon gespannt, ob ich etwas von den drei Castings wieder hoere.

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Extra-Work

Ein kleines Restaurant am Sunset Blvd. Die Fenster und die tueren sind mit schwarzen, schweren Stoffen verhaengt, sodass drinnen der Director of Photography die totale Kontrolle ueber das Licht hat. Ich betrete den Saloon, werde von der Crew eingewiesen, und der Dreh beginnt recht bald. Ich sitze an der Bar und brate diverse Damen ohne Worte an. Wenn die Audiospur mitlaeuft, ist man im Hintergrund naemlich still, und bewegt nur die Lippen bzw. den Koerper.
Eine grossartige Gelegenheit, um mal wieder die Zeit mit n paar Maedels gemeinsam totzuschlagen, die nicht 35 sind. Eher 25 – “Oh yeah, and in that time when I finished college… now I’m a teacher!”
Was zum Teufel.. in LA gibts nur Frauen ueber 25 oder unter 16. Die dazwischen sind ausgestorben.

Aber immerhin hat es etwas gutes: Ich habe von der einen Japanerin gelernt, wie man mit der Zunge einen Knoten in einen Kirschenstengel macht. Und von dem einen Nerd weiss ich, dass er ein “Personal Relationship with Jesus Christ” hat. Nice.
Die Arbeit ist unbezahlt, Zeit, nach Hause zu fahren und der Lehrerin noch meine Nummer quer ueber den Arm zu kritzeln.

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Lukas und Alexandre verabschieden sich in einem sentimentalen Meer aus metallenen Traenen… oder so. War ein cooler letzter Tag. Und dann, der kroenende Abschluss von Casting und Filmdreh ist natuerlich der Film selbst… Sebastien und ich sehen uns

Into the Wild

an. Bombastischer Film ueber einen Amerikaner, der Oeff-Oeff-maessig (Einsiedler in Deutschland) in die Wildnis aufbricht, um fernab von der Zivilisation zu leben. Er verbrennt sein Geld und faehrt quer durch die USA. Ergreifender Film ueber zwischenmenschliche Beziehungen, der Suche nach Glueck, elterliche Verlustangst und dem Willen, auf sich allein gestellt zu sein. Ich habe diverse Parallelen zu mir selbst gefunden, mit dem Unterschied, dass das Filmende nicht dem meinen entsprechen wird (da ich 120 Jahre alt werde – kein Scheiss – und bei irgendeiner obszoenen Aktion an meinem 120er, in die definitv Adrenalin oder Orangensaft involviert sein wird, draufgehe). Und dieser Blog ist einer der Gruende dafuer, dass diese letzten Worte Sinn machen:

Happiness is real when shared.

Ich liebe dieses Buch. Peter Jazwinski mag es nicht zum internationalen Superstar geschafft haben, aber er hat eines der coolsten Buecher aller Zeiten verfasst – und gibt mir damit ungeahnte Moeglichkeiten.

Wir alle haben Hemmschwellen. In ACT NOW wird ein Autor namens Andrew Salter zitiert. In seinem Buch “Conditioned Reflex Therapy” beschreibt er, wie viele Probleme von unseren Hemmschwellen und Unsicherheiten ausgeloest werden.

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Als Kinder hatten wir vor nichts und niemandem Schiss.

Ich mag die Story, die mir meine Eltern erzaehlt haben – ich selbst kann mich nicht mehr dran erinnern, weil ich noch ein sehr kleiner Fratz war damals. Vorweg muss man sagen, dass meine Eltern beide nicht rauchen, und sie nen ziemlich guten Job gemacht haben, um mich nie dazu zu bringen. Pofeln war einfach nie attraktiv fuer mich. Danke an dieser Stelle an Mama und Papa – ich grinse immer noch ueber die Freunde, die mir erzaehlen, sie haetten jetzt zum neunten Mal mit dem Rauchen aufgehoert.

Wie auch immer, Papa und ich gehen in die Raiffeisenbank-Sparkasse in Ober St.Veit, Wien. Waehrend er beschaeftigt ist, mit dem Bankbeamten zu reden, starre ich Loecher in die Halle. Aus der Tuer des Hinterzimmers kommt ploetzlich der fette Bankdirektor, genuesslich an einer Zigarre paffend. Ich gehe hin zu ihm.

“DU MUSST STERBEN!”

Der Kerl war voellig perplex – da steht so ein scheinheiliger kleiner Racker vor ihm, der sich noch freiwillig in die Hosen kackt, und bringt ihm seine persoenliche Ablebensbenachrichtigung.

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Was ist der Unterschied zu heute? Ich wuerde es nicht tun. Weil ich weiss, dass das den Bankdirektor verletzen wuerde. Obwohl es ihm recht geschieht und wahr ist. Und genau DAS ist eine Hemmschwelle. Soll der Bankdirektor doch abkratzen, selbst schuld…

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Zurueck zum Buch: Mister Salter nennt sechs Methoden, sechs Verhaltensaenderungen, die uns freier und hemmungsloser werden lassen – fuer einen Schauspieler und jeden Menschen sehr erstrebenswerte Dinge.

Und deshalb gebe ich euch diese sechs Punkte.

  1. Feeling Talk – Wenn du etwas fuehlst oder denkst, dann sprich es aus. Wenn du eine Meinung hast, egal ob sie “angebracht” ist oder nicht, dann gib deine Meinung kund. Sie ist es wert, gehoert zu werden. DU bist es wert, gehoert zu werden.
  2. Facial talk – Gesprochen wird nicht nur mit dem Mund. Druecke dich mit deinem ganzen Koerper aus.
  3. Contradict and attack – Nicht kuschen. Wenn dir was nicht passt, dann sieh nicht tatenlos zu, sondern erhebe deine Stimme und mach etwas dagegen.
  4. Deliberate use of the word I – ICH will was. ICH moechte dies und das. ICH habe eine Meinung. Hoeflichkeiten und falsche Bescheidenheit kann man sich fuers Altersheim aufsparen.
  5. Express agreement when you are praised – Glaube an die Komplimente, die du bekommst.
  6. Improvisation – Plane nicht. Was auch immer du sagst oder tust, kommt aus dir, und ist gut wie auch richtig.

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“The inhibitory have collided with too many automobiles on the highway of life and have learned to drive with brakes on.”

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Zwinker, sagt mein Auto.

Wer sich noch daran erinnert, dass ich kitschigerweise ein zerfleddertes Buch ueber Schauspiel gefunden habe, der ist jetzt etwas mehr im Bilde.

“ACT NOW” by Peter Jazwinski.

Ich lese das Buch mehr oder weniger jeden Tag ein bisschen weiter. Nachdem die bodenstaendige Theorie zusammengefasst wurde, kam folgender Abschnitt, der “Acting Test 1:”

Walk to your neighbor’s house and ask to borrow a pair of socks. Why you need them is up to you. Try not to spend any time thinking about your story. Just walk over and ask for a pair of socks. If he asks you why, you’ll have to improvise a reason. If he won’t give them to you, that’s okay. The important thing is to try.

Jetzt stellt euch folgende Situation vor .. ich sitze hier im Wohnzimmer im Bademantel und Boxershorts, es laeuft leiser Electronic, damit Sebastien nicht aufwacht, der schon pennen gegangen ist, und Ernie ist gerade beschaeftigt. Ich denke mir, gut, ich lese ab jetzt nicht mehr weiter, bis ich das gemacht habe. Morgen frueh geh ich einfach rueber.

In Los Angeles gehen die Leute tendeziell frueher schlafen, die Parties hoeren tendeziell frueher auf, und die Clubs machen alle frueher zu. Es ist 10:56, schon spaet fuer eine Stadt wie L.A. – tja, und es ueberkommt mich, ich stapfe die Stiegen hoch, packe Handy und Haustuerschluessel ein und gehe in die kuehle Nacht hinaus, zum naechsten Apartment. Es brennt Licht. Eine Sekunde, nachdem ich klopfe, hoere ich das Gebell einer kleinen Ratten-Toele, und irgendwas, so scheint mir, schlaegt dumpf auf derTuer auf (vielleicht habe ich mir das auch nur gewuenscht). Zehn Sekunden spaeter oeffnet mir eine 50-jaehrige Asiatin die Tuer und ihre Promenadenmischung mit DJ-Bobo-Stirnfransen bis zur Sabberfresse runter komt herausgehuepft.

“Hi! I’m your neighbor, there, #409, and, the point is, I need socks. Can you borrow me socks?”, sage ich und zeige auf die Tuer. “I have to work tomorrow in a museum, and I just have those short socks leftbut I need long ones.”, waehrend ich ihr meine Kasler entgegenrecke und die unter-knoechel-langen Socken praesentiere.

“White ones?” “Black ones would be better” “I will have a look” … und die Tuer geht zu. Ich lache mich lautlos kaputt, als die tuer wieder aufgeht und die Dame zwei Socken zum Besten gibt. “Thanks! Cool, what’s your name again?” “Jenniffer” “I’m Toby, thanks and good night!”, und als ich zurueckwtschle, die Tuer bereits wieder zuging und der nervige Koeter wieder in seiner Wohnung steckt, lache ich wiederholt “Na guuut” vor mich hin. Ich glaube, ich werdehier noch ne Menge Spass haben.