Category: Lifestyle


Wer die neuen, knuddeligen Temperaturanzeigen in diesem Blog bemerkt hat, wird den drastischen Temperaturabfall von Montreal zu Los Angeles sehen. 15-20 Grad an der Westkueste, -6 Grad in der Stadt des Ahornsirups.

Nicht verwunderlich also, dass ich anfangs etwas froestelte – zugegebenermassen bin ich aber total gespannt auf den haertesten Winter, den ich je hatte – bei der Vorstellung von Spitzentemperaturen um die minus dreissig Grad schlaegt mein Almoehi-Herz aus den Alpen hoeher. Um die noetigen Vorkehrungen fuer die bevorstehende Kaelte zu treffen, musste ich etwas fuer die Umwelt tun: Die Isolierung unseres Apartments aufbessern. All unsere Fenster sind Einglaeser, sprich, es gibt im Fenster nur eine einzige Scheibe. Ihr kennt diese Art von Fenstern bestimmt aus alten Gebaeuden, in denen sich Eisblumen bilden. So schoen sie auch sind, der einzige Grund, warum es sie gibt, ist, dass es drinnen warm und draussen heiss ist, durch den Temperaturunterschied Wasser an der Scheibe kondensiert und zu Eis gefriert.
(Pardon, danke an den Leser: Natuerlich ist es draussen arschkalt. Das war wohl ne Spur zu viel weisser Rum gegen die Kaelte..)

Ein Doppelfenster hingegen bietet einen schuetzenden Polster aus Luft – durch die extrem schlechte Waermeleitung von Luft dient dieser Zwischenraum als perfekte Isolierung. Man kaufe eine Plastikfolie und gutes Klebeband, und klebe die Folie aussen oder innen an den Rahmen.

Die naechste Challenge wird der dicke Spalt im Holz sein, bei dem man die Kaelte regelrecht hereinstroemen fuehlt – ich muss mir so etwas wie Schaumstoff kaufen und es in die Ritzen kleben, sodass ich das Fenster immer noch oeffnen kann, obwohl es abgedichtet ist.

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In der Zwischenzeit beschliesse ich, mehr ueber Fotografie zu lernen. Die Nationalbibliothek Quebec in Montreal ist ein 33.000 Quadratmeter grosser Irrgarten zwischen Bergen aus Franzoesich und Hecken aus Englisch. Trotz der frankophonen Sprachdominanz findet sich eine gut sortierte Photographie-Ecke – und aus dieser werde ich mir ein Buch nach dem anderen ausborgen, und selbstverstaendlich hier ganz selbstlos reviewen.

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“People” by Michael Coyne

Amazon

Ein exzellentes Buch fuer Reisefotografen. Ich wuerde es nicht kaufen, aber ausborgenswert ist es allemal. Es beschreibt sehr gut, wie man als Reisefotograf mit den Menschen umgehen sollte, die man fotografieren moechte, gibt eine gute Einfuehrung in Reisefotografie und ist kompakt geschrieben. Es gibt Inspirationen fuer Motivwahl, Komposition und eine Menge anderer Grundprinzipien. Der Autor hat ein fundiertes Resumee, das Buch reich bebildert mit teilweise sehr guten Fotografien.

Dieses Buch inspirierte mich zu einem ersten Photo Raid, den ich durchfuehren werde, sobald meine EOS 10D per Post kommt: An einem Wochenends-Tag so viele Menschen wie moeglich ansprechen, ob ich sie fotografieren kann. Willigen sie ein, nicht einfach ein Bild aufnehmen, sondern sie bitten, sich fuer Licht und Komposition hier- und dorthin zu stellen, sie nach Posen fragen oder ihre Kleidung zurechtruecken lassen und so weiter. Erinnert stark an den Acting Test? Ja, der hat mir damals so gut gefallen.

Denn die Devise im Leben sollte sein:
Moechte man etwas koennen, was man noch nicht kann – dann braucht man es nur zu lernen.

Ich kann wunderpraechtig wildfremde Leute anlabern, aber habe noch nie probiert, jemanden Zufaelligen als Sekunden-Fotomodell auszuwaehlen. Die besten Reisefotografien geschehen aber genau auf diese Art und Weise – indem man Menschen fragt, ob man sie fotografieren kann, und im Gegenzug zu ihrer Zustimmung mehr gestalterische Freiheit hat als wenn man einfach nur einen versteckten Voyeur-Shot setzt.


Lorenas Papa hat eine Art Orgel gekauft (er repariert hobbymaessig Uhren und Instrumente / erzeugt Schmuck) – als ich dem starken Liefermann helfe, die Box in die Garage zu laden und aufzustellen, habe ich eher den Eindruck, dass der Inhalt purer Granit ist. Wenn ich in 60 Jahren Rheuma bekomme, weiss ich, wieso.


Blick von Lorenas Dach


Century City und Westwood


Erst mal weg mit der Matte…


Dann Gesicht anmalen, in einem Anfall von Metrosexualitaet die Haare dauerhaft faerben und die Werbetrommel ruehren..


BAEM!


Zwei Groupies und ein Rockstar


Ich, der chillige Penner und Eurie

Unser Apartment liegt direkt gegenueber vom UCLA-Campus.
Eigentlich kann man das so nicht sagen, man schreibt schliesslicht auch nicht “Mein Haus liegt direkt gegenueber von Frankfurt”.

Der UCLA-Campus ist gigantisch, mit Basketballstadium, Footballstadium, Tennisstadium, Schimmhalle – und das sind bloss die Sporteinrichtungen, die ich gesehen habe, wahrscheinlich gibt es doppelt so viel in dieser Kleinstadt. Die Gebaeude bewegen sich stilmaessig von Modern ueber 60er-haesslich bis hin zu roemisch-antik. Hunderte Studenten gehen, wie in all den kischigen Hollywoodfilmen, unter lauschigen Baeumen und breiten Gehwegen zu den verschiedenen Auditorien oder Sporteinrichtungen, faulenzen in den grossen asenflaechen, verschlafen den Tag in den grossgebauten Dorms, oder beziehen politische Stellung.

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Bevor wir in dieser Geschichte jedoch ins Spiel kommen, gebe ich euch eine kurze Einfuehrung in den Wahlprozess in Kalifornien. Ich hatte davon keine Ahnung, bevor ich nach LA kam, also schliesse ich daraus, dass der Grossteil der werten Leser ebenso keinen Dunst davon hat.

Bei den amerikanischen Praesidentschaftswahlen wird nicht nur Praesident und Vizepraesident gewaehlt, sondern man waehlt auch den obersten Richter, Vertreter des Bundesstaates vor der Regierung, irgendwelche Heinzen, von denen noch nie jemand gehoert hat, und man hat die Moeglichkeit, JA oder NEIN zu Propositions zu sagen.
Propositions sind Gesetzesentwuerfe (Bundesstaats- oder Stadtweit), die dem Voting Ballot (Stimmzettel) angehaengt sind. Jeder Buerger bekommt per Post ein Pre-Voting-Ballot zugeschickt, in dem jede Proposition erklaert und mit einer geschaetzten Summe an benoetigtem Steuergeld versehen wird. So gibt es zum Beispiel eine Proposition fuer einen Hochgeschwindigkeitszug von LA nach San Francisco, oder eine Proposition fuer artgerechtere Tierhaltung in industrieller Landwirtschaft.

Wir sitzen im Apartment und kleben uns “NO ON 8“-Sticker auf. Proposition 8 ist ein Gesetzesentwurf, der die Homosexuellen-Heirat wieder verbieten und ungueltig machen soll (In Kalifornien sind gleichgeschlechtliche Ehen vor ein paar Monaten legalisiert worden). Im Fernsehen flimmern in grosser Zahl No-on-8-Werbefilme und Yes-on-8-Kampagnen.

Die Erzchristen argumentieren, dass so eine Suende die Kinder total plemmplemm machen wuerde, wenn sie in der Schule ueber Schwulenheiraten aufgeklaert wuerden – die Liberalen argumentieren, dass dieses Verbot ungerecht ist und jeder Mensch genauso ein Recht auf ein Buendnis wie auch seine sexuelle Orientierung haben sollte.

Am UCLA-Campus gibt es eine Strasse, die voll mit politischen Kampagnen ist: Kleine Tischchen, Obama-Flyer, McCain-Poster, No-on-8-Anstecker und eineMenge emsiger Demokraten und Republikaner, die quer durch die Gegend werben. In der Mitte: Ein Yes-on-8 Staendchen. Nieder mit dem Staendchen, hoere ich durch den Weedrauch hindurch. Und so schnell ich es realisieren kann, laufe ich schon mit drei anderen zwischen den Internatsgebaeuden hindurch. Brad erklaert mir keuchend die verschiedenen Funktionen der Campus-Einrichtungen, waehrend wir auf einen kleinen Weg zusteuern, ueber dem ein Banner fuer einen juedischen Studentenverband haengt, und in dem man schon von weitem Obama-Slogans und MCCAIN-PALIN-Schildchen sieht (zumindest wuerde man diese schon von weitem sehen, wenn man nicht so schasaugert (wien. f. kurzsichtig) waere wie ich.

Nach einem gescheiterten Versuch und etwas Rekonsideration laufe ich mit einem Maedchen namens Brianna zum Yes-on-8-Tischchen und stelle mich ganz interessiert und beginne, den Tischchenbetreuer zuzulabern. Einige Minuten vergehen, und ich lese schwachsinnige Argumente.
Bund der Ehe ist etwas zwischen Mann und Frau. 66% der Kalifornier stimmten gegen die Homoheirat. Die Kinder sollen so etwas doch nicht in der Schule lernen muessen.

Brad kommt aus dem Hintergrund herangesprintet, reisst das Banner von der Front des Tisches und laeuft ausser Sichtweite. “Actually, that’s Bullshit.”, meint Brianna und wirft die Flyer quer ueber den Tisch. Ich beginne meine Flyer langsam zu zerreissen, bis der Tischchenheld seine Fassung wiedergewinnt und mich von weiterem Vandalismus abhaelt. Politisches Engagement und Miniaturterrorismus fuer den guten Zweck – kaum ein paar Tage in dieser Studentenbude, fuehle ich mich schon wie ein Student mit allen Schikanen.

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Abends werde ich von Lorena abgesetzt und bin ueberrascht: Die Teller in unserer Dreckskueche sind weiter gewaschen worden, Teile des Muells sind verschwunden … granatig. Zeit, sich zu besaufen und dem wohl wichtigsten Wahltag dieses Jahres entgegenzufiebern.

Lorena und ein paar ihrer Freundinnen waren einst im Restaurant CPK – California Pizza Kitchen – essen. Der Kellner, anscheinend fuer die Weibchen ein heisser Feger, war clever genug, seine Nummer niederzukritzeln, die sich die Damen ohne Zoegern krallten.
Einige Wochen spaeter waren die Maedels auf einer Party eingeladen – als sie bei der Adresse ankamen, war jedoch niemand dort – ein sogenannter “Practical Joke”, oder auch, in unseren Breiten “Verarschung” genannt. Nun ohne Party und voller Geilheit, und da sie gerade in der Gegend waren, riefen sie eben jenen Kellner an (der gluecklicherweise auch noch alleine zu Hause war), fuhren zu seinem Hau, bekippten sich mit Alkohol, und Lorena machte mit dem Kellnerjungen Brad herum. Jener warf die Goeren danach einfach hinaus und liess sie davor noch am Alkohol mitzahlen – und seitdem redete Lorena kein Wort mehr mit ihm. Irgendwie verstaendlich, wenn man zuerst gefuegig gemacht wird, und dann fuer den Spass auch noch zahlen muss. Aber so sind wir Kerle eben.
Echte Geschaeftsmaenner.

Well, sie war moeglicherweise nachtragend – zumindest bis vor zwei Tagen, als sie ihn via AIM out of the blue anschrieb und fragte, ob nicht “einer ihrer Freunde auf Brads Couch fuer zwei Wochen crashen koennte.
“That could work … let me talk to my roommates, and make him call me tomorrow!”

Und auch wenn ich ihn noch nicht getroffen habe, wird Braddyboy fuer zwei Wochen mein Roommate sein. Auf dem Weg zu meiner neuen 2-Wochen-Bleibe, mit Lorena hinter dem Steuer und meinen Fuessen in den obligatorisch gewordenen Flipflops, denke ich zurueck an Hostel, in dem ich einen drogenmaessigen Depressionsanfall bekommen habe – mehr als einen Kilometer von meiner Freundin entfernt zu schlafen, hat beaengstigende Aehnlichkeit zur erfolgreich gemaertyrten Fernbeziehung, die ich die letzten drei Wochen so gut wie los war.
Das Hostel war scheisse, die Dusche kalt, die Leute beschaeftigt damit, ihren Paarungstrieb mit leeren Gespraechen und halbherzigen Taenzen zu ueberlisten – und ich gefangen in der Welt der heuchlerichen Maennerprobleme, die man nun mal im Endstadium der praepubertaeren Gefuehle hat.

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Doch als ich diesmal die Tuer oeffne, ist alles anders: Grasgruener Teppichboden, schlampig verlegt oder durch diverse Fluessigkeiten aufgewellt, bedeckt von einer Armee aus Schmutz, Papierfutzeln, Verpackungsteilen, Chinamann-Papierboxen, elektronischem Geruempel, Asche, Tabakreste, besitzerlosen Kleidungsstuecken und Plastikbechern mit eingetrocknetem Bierschaum.

Ich sehe Pflanzen, die seit Dekaden nicht mehr gegossen wurden (und sich anscheinend durch Transpiration von Weed-Daempfen am Leben halten), rote Plastikbecher, die das Fussvolk auf dem Boden und Tischen bilden, leere Flaschen und volle Aschenbecher, die eine menge Vergnuegen dokumentieren.
Auf einem fetten Gschmuftelsofa sitzen meine neuen Roommates: Eingepufft, gmiatlich und faul wie Politiker.  Aus dem kastenfoermigen, brusthohehn Riesen-Plasma-TV rollen die zusammenhangslosen Witze von Family Guy, waehrend sich in der Gegend der Decke eine kleine Wolke der Highness bildet.

Abgesehen von all den Luxusguetern fuehle ich mich nach Amsterdam zurueckversetzt, als ich mit vier Freunden auf einer Interrail-Reise in einem unmenschlich gmiadlichen Hotel abgestiegen bin und trotz meiner konservativen Nichtraucher-Babysitterrolle passiv bekifft wurde. In Amsterdam ist das ja auch so legal wie ne Tasse Kaffee.
Hier in Kalifornien sind nur die Details der Beschaffung etwas anders: Man kann sich legal “Medical Marihuana” besorgen, sprich, man geht zum Onkel Doktor und klagt ueber
Konzentrationsschwaeche, Rueckenschmerzen oder jegliche andere erfindbare Krankheit – und wird prompt mit einer selbst festlegbaren Dosis von Marihuana kuriert. Diese Dosis kann man sich dann alle Tage wieder abholen. Klarerweise zahlt man dafuer und darf das medizinisch angebaute Gras nur zu Hause puffen – aber immerhin kann man sich zuackern wir in good ol’ Amsterdam.

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Ich habe Brad und seinen Roommates angeboten, fuer die Miete etwas dazuzuwerfen und die Teller zu waschen – die Jungs waren aber nur mit den Tellern auch zufrieden. Mit dem Ehrentitel Putzlotteliese koennen sich nur wenige 2-Wochen-Besucher proklamieren. Dass ich fuer zwei Wochen auf der Couch und all die Offenheit nur Teller waschen sollte, obwohl mich die Jungs nicht einmal kennen, kann ich nicht so recht akzeptieren. Also werde die Sache in die Hand nehmen und sehen, was meine Aufwisch-, Staubsaug- und Maedchen-fuer-Alles-Skills so machen, und anstatt nur dem Porzellanbestand die komplette Bude auf Vordermann bringen.

Und, wie viel Wischkraft hat ihre Putzfrau?

http://www.dvlottery.state.gov/

Das ist die Adresse, die viele suchen, aber wenige finden. Das ist naemlich die offizielle Seite der US-Regierung, in der man sich fuer die jaehrliche Greencard-Lotterie eintragen kann. Bis 1. Dezember hat man noch Zeit, sich in den Topf zu werfen. Wer also in die USA moechte, kann das mit obenstehendem Link – neben einem “richtigen” Visumsantrag am naechsten Konsulat – ebenfalls versuchen. Kostet ja nichts.
Die USA verlosen GreenCards (Arbeitserlaubnisse fuer die Vereinigten Staaten) im Sinne einer Diversity Visa Lottery; durch zufaellige Auswahl von Menschen aus anderen Laendern verspricht sich die US-Regierung eine wachsende Verschiedenheit der US-Population. Manche Laender sind voruebergehend auf einer schwarzen Liste fuer die Lotterie, da schon zu viele Menschen aus diesen Laendern die Lotterie gewonnen haben.

Zumindest kostet der Spass nichts, wenn man die offizielle Adresse – erkennbar durch die state.gov-Endung –  findet. Hunderte Webseiten lassen per guter Suchmaschinenplatzierung das Gegenteil erscheinen: “Wir helfen Ihnen zur Greencard”, “Mit unserer Hilfe haben sie Ihre Chance, in die USA zu kommen und die Greencard zu gewinnen”.
Alles Bullshit, wenn ihr mich fragt. Doch wie vieles in der Welt wird aus Unwissen Geld gemacht, und dem mehr oder weniger schoenen Webdesign und Seiteninhalt dieser “Helfer” zu schliessen, verdienen einige Leute ihren Unterhalt mit der Irrfuehrung anderer.

Sehen wir uns mal das Gewinnspiel genauer an. All diese Seiten proklamieren, dem Benutzer zu helfen, ihn fuer diese und jene Zeit up-to-date zu halten, und rund um die Uhr Assistenz zu bieten. Man zahlt bei den “wohlwollenden Helfern” zwischen 50 und 100 Euro fuer eine “Einjaehrige Mitgliedschaft”, bei illegalen Betruegerseiten noch mehr – diese verschwinden jedoch sehr schnell wieder aus dem Internet.
Also, wozu gibt man nun das Geld aus?
Wahrscheinlich ist das Gewinnspiel so komplex auszufuellen, dass man einfach jemanden braucht, der einem dabei hilft. Macht euch selbst ein Bild – das lange Bild rechts ist ein Screenshot. Jedes gelbe Feld symbolisiert eine Frage. Geburtstag, Anzahl von Kindern, Ausbildungsgrad – solche kniffligen Multiple-Choice-Fragen, da brauche ich doch echt eine Telefonassistenz, die mir hilft!
Oh, und ein Foto muss ich auch noch einschicken, das hat ganz komplizierte Spezifikationen… die sollte ich mir besser viermal erklaeren lassen, um ganz sicher zu sein!

Laecherlich. Selbst der aelteste Opa , der eine Maus eher erschlagen, denn zur Bildschirmnavigation nutzen wuerde, kann dieses Formula in weniger als einer halben Stunde ausfuellen.

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Das Weltliche mal beiseite geschoben, hatten Lorena und ich ein langes Gespraech mit ihrer Mama, nachdem das Toechterlein kurz nach meinem Moechtegern-Abflug einen Anruf erhielt. Drei Wochen mehr in Los Angeles bei der Freundin – das passt einfach nicht in das Weltbild der durchschnittlich belastbaren Mutter. Ich bringe das Leben einer ganzen Familie durcheinander, im Positiven und Negativen – und fuehle mich grossartig mit Lorena auf der einen Seite, versuche aber genauso die damit heraufbeschworenen Probleme zu verstehen und Loesungen zu finden.
Mir war von Anfang an klar, dass wenn ich weitere drei Wochen in Los Angeles bleibe, nicht noch einmal in dem Familienhaus bleiben kann. Zwei Wochen einen mehr oder weniger Fremden zu beherbergen ist schon grosszuegig genug. Ich kann, rein aus meinem persoenlichen Moralverstaendnis, keine weitere Zeit Gast bleiben, also lasse ich den Koffer und Rucksack in Lorenas Auto.

Dinge passieren, und man laesst sich gerne zu etwas ueberreden, was man eigentlich will aber inakzeptabel findet – also nehme ich das Angebot von Lorenas Papa an, in seinem Bastelraum (er stellt hobbymaessig Schmuck her) zu uebernachten, bis ich einen Platz gefunden habe.
Ich schlafe mit einem Laecheln und etwas Schuldbewusstsein ein.

Ai ai, mi Tobias…


Discover Miguel Bosé!

Fuer ein intensiveres Leseerlebnis – klicke auf den Playbutton.
Es ist 5:45 in der Frueh. Lorena und ich steigen ins Auto, mit meinem einzigen Koffer, die Kamera fein saeuberlich zerlegt und in meinem Rucksack verpackt. Um 7:20AM geht mein Flieger nach New York City, am naechsten Tag weiter mit der Bahn nach Montreal.
Der Minivan setzt sich in Bewegung und “Amiga” von Miguel Bose umstroemt uns im Inneren des Autos.
Ueberall ist Nebel, wohin das Auge reicht.

  1. Legal Eagle
  2. The discovery of a lost Pop Star
  3. Karottenunterwaesche
  4. Eiskrem-Facial
  5. Cinderella is dead
  6. Bauchnabelpiercing
  7. Die furzende Töle
  8. Room-Makeover, Downtown und Joghurt
  9. The Saddle Ranch Chop House
  10. How is that running with work?
  11. I don’t know where, I just know with whom..
  12. The Museum of Jurassic Technology
  13. Knotts Scary Farm
  14. The last Evening in Los Angeles

Ich war jetzt zwei Wochen in Los Angeles. Vierzehn Tage, in denen ich mich kaum mit meinen alten Bekannten traf, sondern so gut wie die ganze Zeit mit Lorena und ihrer Familie verbrachte. Vierzehn wunderschoene Tage.
In diesen Tagen habe ich die drei Monate Skypen und Belastung einer Fernbeziehung wieder aufholen koennen. So aehnlich, als wuerde man seine Aktien alle auf einmal verkaufen und alles in Bargeld von der Bank abholen.

Doch jetzt ist das Bargeld aus, die Wirtschaft driftet abwaerts, und wir walzen mit 75mp/h ueber den 405er-Freeway – straight to LAX Airport. Es ist ein unwahrscheinlich nebelig-nasser Morgen, Autohecklichter erzeugen einen diffusen Halo, und die Sicht reicht gerade einmal 100 Meter weit. Dieses Wetter habe ich noch nie in Los Angeles gesehen; Nebel ist hier wohl seltener als Regen, und den gibt es bloss ein oder zwei Mal im Jahr. Zufaellig ziehen gerade heute, am letzten Tag meines Ueberraschungsbesuchs, die Nebelschwaden durch den kalifornischen Mega-Vorort. Miguel Bose heult vor sich hin, waehrend mir Traenen in den Augen stehen und sich Lorena auf die Lippen beisst und flach atmet.
LAX ist, so wie alles andere in Los Angeles, riesig. Wir parken auf dem Dachgeschoss eines Parkhauses.

In der Lobby gestatte ich mir selbst einen Toilettenbesuch, komme zehn Minuten spaeter wieder heraus:
“Oh my god, I think I forgot my travelling information folder in your car! Lets get it quickly!”
“Do you want to check in first?”, fragt Lorena.
“I need this folder, there’s everything in there, passport, ticket…”

Wir kratzen mit dem Aufzug wieder hoch auf das Dach der Parkgarage. Nebel stroemt uns entgegen, all die orangen Lichter glimmen diesig aus der vermeintlichen Ferne. Als Lorena ihr Auto aufsperrt, ziehe ich ihr meinen Rucksack von den Schultern, stelle meinen Koffer ab und setze ihr meinen Hut auf.

“I told you, I have a little surprise for you. I hope you like it!”

Aus meiner Hosentasche ziehe ich ein Knaeuel aus Papierhandtuechern, die um etwas gewickelt sind – vorbereitet im Flughafenklo.
DO YOU, steht auf dem ersten.
REALLY THINK…
Unter diesen beiden Tuechern findet Lorena mein Notizheftchen, in das ich alle moeglichen Termine und Anmerkungen hineinschreibe. Auf einer der ersten Seiten findet sie ein abgerissenes Stueck Papierhandtuch
… THAT I WOULD FORGET THE LIFE OF JESUS IN YOUR CAR? (Dieses Buch habe ich auf dem Weg zum Freilichtkino gefunden und mitgenommen)
I AM NOT SORRY FOR… – umblaettern.
… PLAYING ON YOU
… LYING TO YOUR FAMILY
– ein letzter Klopapierzettel ragt heraus.
… I AM A WOMAN.

“That’s it?”, fragt Lorena verwundert. Jetzt verrate ich ihr mein duesterstes Geheimnis und alles, was ich dafuer bekomme, ist ein empoertes Gesicht? Kunstbanausin.
Amiga… friend. Ich schuettle meinen Kopf.
“Look closer.”

“Don’t look!”, ruft mir Lorena von der anderen Seite des Buecherstandes zu. Wir befinden uns in einem Hipster-Shop fuer Maedchen, der neben suessen Kleidchen auch niedliche Shirts und enge Hosen verkauft – und nebenbei auch noch Kerzen in Handgranatenlook. Sehr weiblich-romantisch. Ich kaufe mir ein Buch, mit dem man angeblich lernen kann, Autos zu knacken und seine Freundin zu betruegen – alltaeglich brauchbare Tipps.

Als wir aus dem laden spazieren, drueckt mir Lorena ein Buch in die Hand. All about Me, heisst es.
Es ist ein Buch mit einem etwas ausgedehnteren Fragebogen ueber das Leben, Moral, Weltanschauung, Sex, Wuensche, Traeume und den eigenen Koerper. Fuellt man es nach und nach aus, lernt man eine Menge ueber sich selbst und kann es moeglicherweise sogar einem nahen Menschen schenken, wenn man die Eier zu so etwas hat.

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Lorena sitzen auf der Couch, auf der ich seit knapp zwei Wochen meine Arbeits- und Blogschreibzeit verbringe. Wir blaettern durch das Buch.

The first time you discovered Power: ____
Your two closest friends: ____
When you are happy, you need: ____
The first time you fell in love. When ____ Where ____ With whom: ____

Ich ueberlege kurz und gebe grinsend zu, mich in die Hauptdarstellerin aus dem Film “Die drei Postraeuber” verliebt zu haben. Damals lag das Buch zum Film auf meinem Nachkaestchen. Ich war neun Jahre alt, sie war damals zwoelf. Richtig kitschig. Naja, das kleine Maedchen ist jetzt fetter geworden, nicht mehr so niedlich und ich bin nicht mehr in sie verschossen: Nicola Etzelsdorfer.

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Die naechste Frage in diesem leeren Buch zieht ein wenig in der Magengegend.

The last time you fell in love. When ____ Where ____ With whom: ____

Ich blicke aus meiner verschobenen Pupille auf das Maedchen, das mir mehr bedeutet als jedes andere zuvor. “I dont know when or where. I just know with whom…”

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“Ich liebe dich” in einer Beziehung ist etwas, was ich zumindest so weit wie moeglich hinauszoegern wollte. Und wie ich herausfinde, wollte Lorena es auch. “I didn’t want to be cheesy.”
War dann wohl doch etwas cheesy.

Well, gute Frage. Wie kann ich denn in Los Angeles sein, wenn ich doch fuer die Kleinmann Family Foundation arbeiten sollte? Schreibe ich mir glatt zwei Wochen Urlaub gut?
Nein, mitnichten. Vielmehr ist es der Grosszuegigkeit und dem Vertrauen von meinem Boss Naomi zu verdanken, dass ich hier bin.
Sie hat es mir ermoeglicht, Distanzarbeit uebers Internet zu machen. Wir arbeiten derzeit ausschliesslich an der Website der KFF – ich uebersetze die alte Version auf Joomla, ein Content Management System (CMS) – und diese Arbeit an einer Website kann dank fortschriottlicher Servertechnologie, email und Skype von einem anderen Ort aus erfolgen.
Hier mein derzeitiger Stand.

Waehrend Lorena also in der Schule paukt, tueftle ich an CSS-Files, schreibe magere PHP-Skripte und mache es zukuenftigen Gedenkdienern leichter, die Webseite zu veraendern und zu erweitern.
Heute habe ich den ganzen Arbeitstag im Starbucks verbracht, laecherliche 3,99$ per zwei Stunden Internet gezahlt, und nur einen Becher Tee getrunken. Nach der Schule kommt Lorena in den Starbucks gelaufen, und ich darf ihren Lieblingslehrer in seiner Klasse besuchen.
Damit stehen mir nun endlich die Tueren zur katholischen Maedchenschule offen.
An mir laufen Maedchen in Schuluniformen vorbei, waehrend ich den Raum des Lehrers betrete. Anders in Oesterreich, wo jede Klasse ihren Klassenraum hat, hat hier in den USA traditionsbewusst jeder Lehrer seinen eigenen Raum, und die Klassen sind es, die von Lehrer zu Lehrer ziehen. Lorenas Lehrer ist richtig cool, hat mal in Garmisch-Partenkirchen gewohnt, und ich fuehle mich etwas beobachtet, da eine Seite des Klassenzimmers (die, die zum Gang schaut) komplett verglast ist.
Sicherheit muss sein, willkommen im Ueberwachungsstaat USA.
Trotz des mehr oder weniger offenen Klassenzimmers bringt mir der einen schmutzigen deutschen Trinkspruch bei:
Einen zur Mitte,
einen zur Titte,
einen zum Sack,
tack, tack, tack.

Meine letzte Herausforderung: Eines der zwei Maennerklos am Campus zu finden.

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Kurzer Abstecher bei Yogurtland, danach gehe ich mit Lorena zu einem Teenline-Treffen. Teenline ist eine Organisation wie Rat auf Draht, bei der teenager mit Problemen anrufen und von anderen Teenagern beraten werden – wenn sie Glueck haben, ist Lorena am Apparat. Manchmal rufen auch Perverse an, die sich dann waehrend eines gefaketen Problemgespraechs einen runterholen, und manchmal rufen die notorischen Wiederholungstelefonierer an.
So etwa der Bellybutton-Man, der seit knapp 27 Jahren – kurz nach der Gruendung von Teenline – regelmaessig anruft und die Teenager am Telefon nach dem Aussehen ihres Bauchnabels fragt.

Auf dem Staffmeeting, an dem etwa 40 Teens anwesend sind, wird uns etwas mehr ueber Essstoerungen beigebracht. Zwei Ernaehrungswissenschaftlerinnen und ein Maedchen, das Anorexia Nervosa – Magersucht – hatte, gehen sicher, dass auch dieses Problem am Telefon beantwortet werden kann. In ihren Erzaeglungen ist das Maedchen (das jetzt 28 jahre alt ist) am Authentischsten, ihre Geschichte richtig interessant, sogar fuer mich als fetten Mann.

Die Frage, die man sich stellen sollte:
“Habe ich jeden Morgen die Wahl, ein Fruehstueck zu essen oder nicht, habe ich die Wahl, Sport zu machen oder nicht?”

Magersuechtige sind im Allgemeinen Kontrollfreaks ihrer Selbst. Sie kontrollieren die Menge, die sie Essen, sie kontrollieren den grossen Sportaufwand, den sie treiben – aber sie haben keine Wahl, es nicht zu tun, die Kontrolle nimmt krankhafte Ausmasse an. Und genau an dem Punkt, wo man zwar fuehlt, Kontrolle zu haben, aber jegliche Willensfreiheit zu verlieren, an diesem Punkt wird das Abnehmen krankhaft – und an diesem Punkt sollte man ueber seinen Schatten springen und nach Hilfe suchen, bevor es zu spaet ist.

Lorena fuettert mich gerne. Zum Beispiel mit Tueten-Eis. Aber nicht, dass sie mich schlecken liesse, nein, sie drueckt es einfach in und um meinen Mund herum. Nehme ich ihr das Eis weg und druecke es ihr in und um den Mund herum, lacht sie und schmiert alles in meinen schoenen Pullover.

Der heutige Plan: Auf zum Museum of Tolerance. Wieder ein bisschen zurueckblicken, den Vibe spueren, aber vor allem alte Freunde wieder treffen. Lorena kommt frueh von der Schule heim, gibt uns etwas Zeit, Mittagessen zu machen. Nachtisch.

“Hey Toby, do you want some of the frosty?”

Frosty ist das blaue, klebrige Zeug, das Lorena in einer Schachtel haelt. Im Entferntesten kann man daraus noch einen Rock erkennen. Es handelt sich um den Rock einer Cinderella-Torte, sprich, einer Torte in Cinderella-Form, mit Plastikoberkoerper und Schaumeiskrem-Rock. Unter den Rock zu gucken hat wenig Sinn, da es sowieso nur Frosty zu sehen gaebe. Die Torte hat sie zu ihrem Geburtstag von einer Freundin bekommen.

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“Sure!”

In alter Lorena-Manier fuettert sie mich. Und wie ueblich, schmiert sie mit voller Absicht ein wenig daneben, um den Mund herum. Ich lange ebenfalls in die Schachtel mit den Cinderella-Gerippen, und schmiere es ihr um den Mund herum. Sie langt hinein und schmiert es mir aufs Kinn.
Ich nehme zwei Finger voll und schmiere es ihr auf die Stirn, woraufhin sie eine weitere Ladung grapscht und quer ueber mein Gesicht einwirken laesst.
Wir laufen durch die Kueche, stolpern zwischen Waschbecken und Geschirrspueler umher, sie versucht, die Schachtel von mir zu nehmen. Ich lange hinein, nehme den 30%Frosty-30%Schaum-30%Kuchen-Unterboden, eine ganze Hand voll, und massiere es ihr wie beim Schneeballschlacht-Einreiben geradewegs in ihr Gesicht.

Am Ende ist die Schachtel leer, und unsere Gesichter, Nasenloecher, Haelse, Titten und Gewand voll mit blauer Creme.
“That was my favorite bra!”, protestiert sie.
“That was one of my favorite shirts! Pray that it washes!”, verteidige ich mich mit gespielter Empoerung. Gut, dass keines meiner Hemden mehr wert als 20 Euro ist – ich habe ein Faible fuer Zerstoerung.

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Als wir nach einer kraeftigen Dusche beim Museum of Tolerance auftauchen, ist es geschlossen. Feiertag. Mist.
Immerhin, als ic hzurueckkomme, darf ich fuer die Familie mein typisches Abendessen kochen: Broccoli und Steaks. Ich koche wie ein Meister, das Oel spritzt, Lorena greift sich in den Ausschnitt und wischt heisse Tropfen von dannen, der Broccoli wird gruener als Van der Bellen – und danach hoere ich nur mehr “Mhhh” und “Oh” und “That’s good”.

Nachdem wir Lorenas Freundin Katey (in ihrem Haus habe ich Lorena kennengelernt) bei The Coffee Bean & The Tea Leaf getroffen haben – ein relativ sinnfreies doch konsumintensives Treffen (fuenf Minuten Treffen, aber drei dicke Becher Crushed Mango-Iced-Latte-Caramel-Cream) – geht es ins Fernsehzimmer auf die Couch. Und waehrend ich mich noch wundere, weshalb sie bei Coffeebeans einzelne Kekse – fein saeuberlich verpackt, mehr als 1$ pro Stueck – verkaufen, flimmern die Gesichter der beiden Praesidentschaftskandidaten ueber den Bildschirm, die eine Potenz mehr Disziplin bei ihren TV-Diskussionen haben als die Kanzlerkandidaten in Oesterreich. (Link zu laecherlicher TV-Konfrontation)

Die Wahl ist nahe, die Nation gespannt, und auf meiner Schulter sitzen “Barack” und “Obama” – so hat Lorena’s Papa die Sittiche getauft, die sich ueblicherweise im Kaefig im Wohnzimmer aufhalten und einmal beinahe von einem Dackel gefressen worden waeren – den wir sofort “Sarah Palin” benannten.

Nachdem wir auf dem Sofa umschlungen und verknotet zur Wiederholung des 90%-Chickflicks “Love Actually” eingeschlafen sind ..
(Den Film legten wir ein, damit Lorenas beste Freundin, Rachel, nicht von unserem unablaessigen Schmusen genervt wurde. Ich habe aufgrund von prioritaetsbelasteter Ablenkung vom Film jedoch nichts mitbekommen, speziell nachdem Rachel am anderen Ende des Sofas zu schnarchen begann und wir freie, unzensierte Bahn hatten)
.. greift sich Lorenas Mama an den Kopf. “That is so hard for me, can’t you sit, must it be lying together?”
Lorena ist halt noch ihr kleines Maedchen, und im Hause der Eltern gelten gewisse Regeln. Fuer einen notorischen Rebellen wie mich ein ganzes Stueck Arbeit.

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Ein Traum von Lorena war es schon immer, unter ihr Haus zu kreulen ( [kräun]: wienerisch “kriechen”) – und zwar dort hin, wo siedas letzte Mal als kleines Maedchen mit ihrem Bruder hinkroch. Als kleines Maedchen hatte sie eine Augenklappe in Form eines permanentes Pflasters auf einem Auge, eine Ghandi-Brille und war ein richtig niedlich-haessliches Entchen … jetzt sieht sie ein bisschen anders aus, hat aber immer noch etwas von einer Piratenbraut.
Ich hingegen war mehr der Computerspiele-Nerd und Software-Freak, sammelte Dioptrienpunkte und RAM-Bausteine, und hatte eine kunstvoll geschnittene Stufe in meiner Stirnfrisur. Jetzt sehe ich ein bisschen anders aus, bin aber trotzdem noch mit dem Kram vertraut.

Trotz all dieser abhaertenden Augenklappen ist die weibliche Angst vor Ratten allgegenwaertig. Also sucht man sich als Dame am Besten mal maennliche Verstaerkung, und bekommt sie durch die archaischen Beschuetzerinstinkte von uns Goettergatten prompt geliefert.

Hinter einem Buegelbrett, einem Staubsauger, diversem Putzkram und dergleichen mehr findet sich eine hoelzerne Luke. Oeffnet man sie, sieht man eine Holztreppe, die zu zwei dicken Heiz- oder Gaskesseln fuehrt, mit Glaswolle umschlossene Lueftungsrohre, Abwasserrohre, Balken – all das, was ein Haus braucht, man aber nicht unbedingt jeden Tag sehen moechte. Wir klettern von der Treppe aus ueber eins der mit gelben Daemmmaterial ueberzogenen Rohre und finden uns in einem Meer von Dreck und Staub wieder. Waehrend ich mich als alter Pfadfinder erst einmal akklimatisieren muss, robbt Lorena mit Taschenlampe voraus schon durch den Schmutz… DAMN, denke ich mir, was fuer ein Maedchen. Und robbe hinterher.

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Wir klettern, nur von spaehrlichem Sonnenlicht geleitet, welches durch morsche Ritzen und winzige Oeffnungen sickert, dem schwachen Taschenlampenlicht nach. Es geht leicht abwaerts, immer wieder muss man sich unter einem Rohr und ueber einen Balken hindurchzwaengen. Hinter einer Holzwand finden wir einen ca. 1,5m hohen “Raum”, der direkt unter dem Wohnzimmer liegen duerfte. An der Wand haengen Lakers-Shirts, ein vergewaltigter plueschhase liegt zerfetzt im fahlen Licht eines kleinen Fensters, und mit Staub und Maulwurfsperma bedeckt, liegt da ein Britney-Spears-Poster. Ich sehe ein junges, unschuldig-blondes Maedchen mit 90er-Jahre-Frisur. Mit einem “die guten, alten Zeiten”-Laecheln hebe ich es auf und schiebe es unter den Stoffhasen. Der Plueschkollege hat anscheinend seinen Sexualtrieb verloren und bleibt regungslos liegen. Schade… na, dann muss ich mich eben um mein Maedchen kuemmern, wenn du keine Hilfe annimmst, Gevatter Loeffel.

Pirat und Nerd inmitten von Staub und Dreck.
Romantisch.

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Die anschliessende Wasserschlacht war verpflichtend, der daraus resultierende Wet-T-Shirt-Contest ebenfalls.

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Abends tanzt eine Freundin von Lorena nach der anderen an, und die Stimmung wird ziemlich weiblich. Es riecht nach Tampons, Haarglaetteisen und Frauenzeitschriften – und ich mache mich voruebergehend aus dem Staub. Ich trage einen von Lorenas weiten College-Kapuzenpullovern und fuehle mich pudelwohl, als die Maedels, gehegt und gepflegt, mich, den unfrisierten Wasserschlaechter aus dem Wohnzimmer ins Auto schleifen, um dort von meinen perversen Witzen unterhalten zu werden – wir Maenner haben eine echt gemuetliche Rolle von der Evolution zugewiesen bekommen.

“Pinches Tacos” oder Fucking Tacos heisst das Restaurant, in dem ein kleines Geburtstagsessen steigt. Der Besitzer hat eine Vorliebe fuer Lorena, die das unverschaemt ausnutzt und ein Geburtstags-T-Shirt verlangt.
“You treat him like … like a piece of shit, that’s not nice!”, sage ich halblaut und veranstalte eine Bruchlandung meiner Hand auf ihrem Arsch.
Eine ihrer Freundinnen kommt mit ihrem Freund, den sie hinter sich an der Hand herzieht. Als sie ausser Hoerweite sind, fluestere ich Lorena ins Ohr.
“Did you see that? He’s following her like a dog!”
“Oh, you mean him? That’s the couple I told you about! He’s in the Army and comes home every couple of months, and they’ll get married..”

Bevor ich meine Wuerggeraeusche beende, beugt sich die Hundebesitzerin zu uns herueber.
“So, you are this boy that told me on the phone you would be…”
…in a Whorehouse. Lorena wollte damals, dass ihre Freundin meine Stimme hoert, und als ich den Anruf von den Maedels bekam, wuergte ich das Gespraech ab, indem ich nur die Wahrheit erzaehlte – ich war gerade in einem Puff und bekam drei Blowjobs auf einmal, ist doch ganz normal.
Die Freundin war erbost und ganz wuetend auf mich, bis ihr Lorena erklaerte, dass ich das wohl nicht ganz so ernst gemeint hatte.
Ach, wirklich? Ich hab zumindest noch nie einen Scherz gemacht. Bin eine sehr humorlose Person.