Category: How-to-work


Jene Damen und Herren, die mit mir maturierten – was in Deutschland uebrigens abiturasieren heisst – wissen, dass ich eine Fachbereichsarbeit in Psychologie geschrieben habe, zum Thema “Manipulation in Gruppe und Masse”. Das Thema gab mir mein Psychologieprofessor.
Ich wehrte mich anfangs dagegen, wollte etwas in die Richtung “Farbpsychologie” machen und mehr oder weniger ein riesiges 3D-Grafik-Tutorial schreiben … doch dies blieb mir verwehrt. Also, meinte mein Professor, leg dich besser schnell ins Zeug.
Und ich legte mich ins Zeug. Kurz darauf begann ich, mich wirklich fuer das anfangs unwillkommene Thema zu interessieren.

Das Thema Manipulation ist durchaus brisant, da es jeden von uns 24 Stunden taeglich begegnet. Rassisten und Extremisten, Polemiker, Politiker, Werbespots, Abverkaeufe, oder auch nur einfache Gespraeche. Wir werden ohne Unterlass von anderen beeinflusst.

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12:45AM

Ich sitze gerade an meinem grossen Apple-Screen und erforsche die Kleinmann Family Foundation Website weiter. Das ist die Organisation, bei der ich die naechsten sieben Monate in Montreal arbeite. Meine Chefin lugt zu mir herueber. “Toby, do you have a CV?”
Curriculum Vitae. Lebenslauf.
Aber klar.

Sie ueberfliegt ihn, korrigiert mein Englisch, und bleibt bei der Passage ueber die Fachbereichsarbeit stehen.
“Research about The Third Wave?”
“Yeah, that was an experiment on which this guy, Morton Rhue aka Todd Strasser, based his book ‘The Wave’. And well, I did research about the original experiment which happened in California, in Palo Alto.”

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Bei euch zulande als “Die Welle” bekannt, die Story wurde jetzt auch verfilmt.
So gut wie jedes Kind liest Die Welle in der Schule.
So gut wie jeder Erwachsene weiss, dass Die Welle auf einer wahren Begebenheit basiert.
Und niemand hat es jemals hinterfragt.

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Als ich damals fuer die Fachbereichsarbeit Recherchen auf google und in der Wiener Stadtbibliothek anstellte, musste ich feststellen, dass es keine einzige wissenschaftliche Abhandlung ueber Die Welle gibt. Nichts. Nicht einmal eine Diplomarbeit oder eine kleine Studie – nur eine Kurzgeschichte von dem Lehrer selbst.
Der Lehrer, der das Experiment durchfuehrte, schrieb jene Kurzgeschichte. Neben seinem Job als Lehrer – von den Schuelern stets bewundert und geschaetzt – war er Autor. Und wir alle wissen: Je interessanter eine Geschichte, desto mehr Leute werden sie lesen, richtig …

Ich berichte meinem Psychologieprofessor von dem Dilemma. Er meint, schreibe einfach ueber die Kurzgeschichte und referenziere auf das Buch von Todd Strasser, und merke an, dass beides keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat.
Mir war das nicht genug. Ich wollte die Wahrheit wissen.

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Meine Nachforschungen ueber die Spanne von etwa anderthalb Jahren – das ging dann auch weit ueber die Fachbereichsarbeit oder den Abschluss des Gymnasiums ergaben komplett unterschiedliche Versionen der geschichte. Ich fand etwa acht Zeitzeugen – zu jener Zeit noch Schueler, heute, mehr als 40 Jahre spaeter, 57-jaehrige Frauen und Maenner. Das ist auch der Grund, dass ich Joel kenne.
Der tatsaechliche Schluessel liegt fuer mich aber darin, den Lehrer zu treffen.

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Das war die Kurzfassung, die ich Naomi erzaehlte. Sie sah mich entgeistert an. “Das ist … grossartig. Der Wahnsinn. Das musst du unbedingt weiter verfolgen! Unbedint! Wir koennten daraus eine Publikation machen, ich habe in meinem Leben schon so viel publiziert, ich kenne einen renommierten Verlag, die haetten das bestimt grosses Interesse daran, und …”

Unglaublich. Bloss, weil meine Chefin zufaellig einen Lebenslauf von mir sehen wollte, und bloss, weil ich mich damals entschied, das mit dazuzupacken, obwohl der Lebenslauf fuer Bewerbungen in der Kuenstlerbranche gedacht war.

1:54 PM
Ich schreibe auf Naomis Vorschlag eine Mail an den ehemaligen Lehrer.
Ich habe ihm damals, 2007, einige Emails geschrieben, einmal eine Antwort bekommen. Das ist mehr als ein Jahr her.

Wenn ich eine Antwort von ihm bekomme, werde ich ihn treffen. Interviewen. Ich werde den Mann treffen, ueber den ich anderthalb Jahre geraetselt habe. Es kommt alles nur auf ein Email an. Ein einziges Email.
2:15PM

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Naomi schlaegt mir vor, mitzukommen. Sie will mit mir nach San Francisco fliegen, falls es klappen sollte.
Ich bin aufgeregt, knabbere Fingernaegel, nehme jeden Insektenfurz um mich herum war.
Bin absolut im Moment.

Und sinniere in die Zukunft – San Francisco, moeglicherweise sogar eine Publikation, eine Moeglichkeit, meine Arbeit fortzusetzen, die ich per Zufall in Wien begonnen hatte, und die per Zufall in Montreal wieder ans Tageslicht kam.

Ein einziges Email…

Meine jungen und alten Kollegen beim Museum of Tolerance waren aufgeschlossene Menschen, weise Menschen, lustige Menschen, liebenswerte Menschen, es war wie eine Familie. Dass ich als schwarzes Schaf das Land verlassen musste, heisst nicht, dass ich alle Straenge reissen liess.

Und ueberraschenderweise kam ich, kurz vor meinem Rauswurf, auf die Idee, Dinge zu zeichnen. Typischer Ruhe-ver-dem-Sturm-Komplex. Imaginaere Dinge. Alles begann wohl mit den Kindern, als ich eines Tages die Idee zu einem Witz hatte.

Wir befinden uns vor der Rotunda, und ich bin dabei, die Kinder hinunterzufuehren.
“You see this rotunda there? Okay, we will now go to the exhibit level, roundabout 2000 feet downstairs. i hope you all have good shoes, because it’s a hard walk.”
Ich sehe pruefend die Schuhe der Kinder an. Sie sehen veraengstigt zur Rotunda. 2000 Fuss, das ist eine Million!
“Ah, I’m just kidding with you guys, it’s one level… follow me!”

Tja, und eines Tages wird es Wirklichkeit.


Toby’s Vision: The new Exhibit, 40th Level underground

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Als ich mit Monica an einem Tisch sass, zeigte ich ihr die Zeichnung.
“Nice”, sagte sie und schob sie mir wieder zurueck.
“What do you imagine in the museum?”
“how do you mean ‘imagine in the museum’?”
“What is your dream about the museum.”
“Well … let me think … yes, kids, the kids .. they have Jetpacks.” – und dann steht sie ploetzlich auf und geht.
Sie machte das immer. Mich einfach stehen lassen.


Monica’s Vision: The Kids have Jetpacks

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“Alex, what would be your vision of the Museum?”
“Hmm … we need .. sport … we need something like a box ring and bike trails in here, yes, more sports.”


Alex’ Vision: The Museum of sporty Tolerance
Captions:
-the security cave
-the bike lane of hope
-the running track against fear
-the wrestling ring of peace
-the weights of prejudice
-the plunge of arrogance
-the rock climbing wall to become a tourguide and get certified
-the hole of intolerance
-the giftshop robbing your piggybank and the powerbar of nonviolence
-the floating orientation
-the pool of group pressure
-the ping-pong of diplomacy

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In der Mitte der Rotunda einen Baum mit einem Wasserbecken und Klappsitzen an der Wand zu haben, ist eines jeden Tourguide’s Traum. Zumindest war es meiner.


Toby’s Vision: The Tree of Tolerance

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Wer nicht erfinderisch ist, hat in seinem Leben nichts getan.
Und auch wenn die folgende Idee sicher einigen Tourguides geholfen haette, ihren Gruppen Verhaltensregeln ohne viel Widerstand, aber mit schnellem Verstaendnis beizubringen … naja, ihr wisst schon.

Die ersten Tage in Kanada. Ich fasse sie zusammen, da ich in grossartigem Verzug mit den Live-Berichten bin und den werten Leser nicht im Wartezimmer eine Zwillingsgeburt durchstehen lassen will, und andererseits, weil es hier ruhig und friedlich ist. Letzteres ist leider eine Luege, denn dort wo ich hinkomme, ist es durch Zufall oder Schicksal nie besonders ruhig.

Das ganze begann wohl mit den Friedensverhandlungen um eine 50cm breite Couch mit der Schwedin Johannana, der in Kampfhandlungen endete. Der erste Arbeitstag war unglaublich: Keine riesige Institution, keine 20 Kollegen, keine Parkgarage, keine Securityguards … meine neue Arbeitsstelle, die Kleinmann Family Foundation, ist ein Buero in einem Privathaus. Drei wunderschoene Apple-Computer, zwei davon mit enormen Bildschirmen ausgestattet, ein handlicher Laptop.


Der neue Arbeitsplatz und meine neue Chefin


Im Inneren des Boeros; durch die perspektivische Verzerrung sehen die Bildschirme viel kleiner aus, als sie tatsaechlich sind. ich wuerde den einen auf 22, den anderen auf 30 Zoll Diagonale schaetzen.

Arbeitsumfeld: Gelassen.
Aufgaben: Grafikdesign und Praesentetion vor Schulklassen. Und das ist genau das, in was ich gut bin.

Fuer die erste Woche in Kanada ist Lukas so grosszuegig, um mich aufzunehmen. Dass ich die ersten drei Tage bei der Arbeit etwas muede war, verdanke ich meiner schwedischen Couchgenossin. Diese verflixten Schwedinnen haben kein Verstaendinis oder Erbarmen.

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Eines Abends waren wir dann so weit, einen Klassiker anzusehen: Ilsa, She Wolf of the SS.
Der wohl gestoerteste FilmĀ  unter dem Horizont, nicht nur wegen seiner brisanten Inhalts, sondern auch wegen dem Produktionsland: Kanada. Nach dem zweiten Weltkrieg bildete sich wohl jemand ein, dass es ein grosses Publikum fuer Nazi-Softcore-Pornos gaebe. Ob es Neugierde, abstossendes Interesse oder einfach nur Notgeilheit war, die uns antrieb, wir haben uns den Streifen zu zwei Drittel reingezogen, danach war absolut Schluss.
In der Generation unserer Eltern war dieser Film in Kanada ziemlich bekannt – eine Schande fuer das Land des Ahornblattes, aber was solls… Erfahrungen muss man einmal machen, und das war ganz bestimmt eine.
Das vielleicht bizarrste an der ganzen Geschichte ist, dass ILSA ein ziemlich populaerer Film wurde, auch wenn er grausig schlecht gemacht ist, und dass es ein eigenes Genre dafuer gibt: Nazisploitation. Nazi Exploitation – pornographische Filme, die in der Nazi-Aera stattfinden und oft in Konzentrationslagern handeln. Krank, aber so ist nun mal unsere Realitaet gebaut.
Einer jener Filme, den man sieht und dann Freunden weiterempfiehlt, um das Grausen nicht allein gehabt, sondern auch an die Freunde weitergegeben zu haben.

Wir hingegen machten uns den Abend gemuetlich, ich lernte noch eine Freundin von Chris kennen (sehr nettes Maedel, das was mit nem richtig bekannten Fernseh-Comedian hatte), und Lukas’ Roommate, die dann, anstatt uns Gesellschaft zu leisten, auf ein Date mit einem etwas reiferen Mann ging. Da hat wohl jemand den selben Geschmack wie ich …
Wie auch immer – mit dermassen viel Femininitaet im Haus und einem so anregenden Filmchen im Kasten konnten wir dem Gebrauch von sorgsam eingekuehlten Gesichtsmasken waehrend dem Filmerlebnis unmoeglich widerstehen.


Ich, Johanna, Lukas, Hannah, Chris und ne Menge Facemasks

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Montreal ist eine sehr schoene Stadt, relativ sauber, sehr viel ruhiger als Los Angeles. Ich habe bisher nur einen kleinen Teil davon gesehen – faktisch gesehen ist Montreal eine Insel, und nur etwa ein Viertel davon wird per U-Bahn erschlossen.


Sieht franzoesisch aus, nicht? Willkommen in Quebec.


Ein Reinigungstraktor, der gemuetlich am Gehsteig dahinbraust


Old-Downtown Montreal


“Oh, geiler Schlitten Alter..”

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Und das Beste an Montreal? Das Trinkalter. 18. Endlich.

  • Endlich kann ich wieder fortgehen, auch wenn ich Hausparties lieber mag.
  • Endlich kann ich mich wieder betrinken, auch wenn ich nicht wirklich auf Alkohol stehe.
  • Endlich kann ich in Bars gehen, auch wenn es schoene Frauen im Supermarkt gibt.
  • Endlich kann ich wider selbst Alkohol kaufen, auch wenn er grauslich schmeckt.

Und das muss gefeiert werden!

Die eine im Mondlicht glaenzende Flasche des blubbernden Wundergebraeus in der Hand, stolziere ich wie ein strahlender Kronprinz die nassen Strassen entlang und uebe mein Franzoesisch an jedem vorbeigehenden Passanten. “Bon jour”, “Bon soir” “Salut” aus meinem Munde – und die French Canadians lieben mich. Ich sie auch.

Mein erstes, selbstgekauftes alkoholisches Erfrischungsgetraenk seit fuenf Monaten

Ich wurde am 25. Juni 2008 aus dem Museum of Tolerance hinausgeworfen, mein Internship als Gedenkdiener wurde terminiert.
Bis zum 6. Juli 2008 musste ich eine neue Stelle finden, sonst waere mein Gedenkdienst vorbei, und ich muesste entweder Gedenkdienst in Europa leisten, oder wuerde gar meine vier Monate aberkannt werden, was

  1. Keine staatliche Foerderung, sprich Null Euro
  2. Zivildienst in Oesterreich
  3. oder Bundesheer in Oesterreich

bedeutet haette. Ich hatte eine Menge Glueck, und viele Freunde, Kollegen und der Auslandsdienst unterstuetzten mich und halfen mir, eine neue Stelle zu finden.

Dieser Post ist eine chronologische Uebersicht, was passierte, mit Verweisen zu existierenden oder kommenden Blogposts.
Macht euch auf eine dicke Ladung Posts gefasst, Kinder – der Onkel hat einiges zu erzaehlen, schliesslich muss ich eine ganze Woche nachholen.

25. Juni: Hinauswurf aus dem Museum: Zum ersten Mal seit fuenf Jahren. Und: Warum ich gefeuert wurde
26. Juni: Herumsitzen, telefonieren, emails schreiben und Nerven zerreissen: Die laengste Woche
27. Juni: Zum letzten Mal spiele ich Vicomte de Nanjac in unseren Theaterproben. Makeout mit der Norwegerin
28. Juni: Mit Sebastien zur Stadtbibliothek und zum Strand. Zum vielleicht letzten Mal.
29. Juni: Das Maedchen aus dem Muell
30. Juni: End of Busy Season Celebration im Museum. Noch nicht sicher, ob ich diesen Post schreibe.

1. Juli: Herumsitzen, telefonieren, emails schreiben und Nerven zerreissen: Die laengste Woche
2. Juli: Gute Nacht, Oscar Wilde.
3. Juli: Wie der Wind nach Kanada wehte.
4. Juli: Beachparty – Independence Day in da Hood. Und: Ein begehrtes Stueck Fleisch in Bel Air.
5. Juli: Anime-Expo and lifted Girls. Und: Alligatorangriff.
6. Juli: In die Luefte mit Joel. Und: Die Freundin des Alligators hat auch Hunger.

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Amen.

Es ist der 3. Juli. Etwas klingelt, es ist etwas draussen, ausserhalb von meinem Kopf – ich wache auf und bekomme eine Voicemail um 6 Uhr in der Frueh… von einer Gedenkdienst-Stelle in Detroit. Vielleicht ist es noch nicht zu spaet.

Finde ich bis 6. Juli keine Stelle, ist alles vorbei. Der blog wird geschlossen, ich verlege mein Ticket nach Oesterreich auf Mitte Juli, und fliege nach Hause. Vielleicht nach Muenchen, dort wuerde sich eine weitere Gedenkdienststelle bereiterklaeren, mich aufzunehmen. Muenchen ist eine tolle Stadt. Aber die Kultur ist deutschsprachig. Die Kultur ist so aehnlich zu dem, was ich seit 18 Jahren gewohnt bin – und ich will mehr ueber die Welt wissen, mehr erfahren, mehr erleben, weit, weit weg von Zuhause.

6000 Meilen, 9000 Kilometer von allem was ich wusste, alles was ich kannte, alles was ich liebte, sitze ich auf meinem Bett im Luft, die Klimaanlage huellt mich in ein Rauschen. Routinemaessig schreibe ich Mails, verzweifelt, entnervt, ziemlich energielos.

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Ein Licht flackert auf, etwas vibriert, und dann joint der Klingelton.
“Hello, this is Toby speaking?”
“Hey Tobias, Lukas hier!” Es rauscht ganz arg. “Wie gehts dir?”
Lukas, der mich mal besuchen war.
“Ja, geht so… weisst eh, ich such immer noch nach ner Stelle, koennt was mit der in Detroit werden, ich muss da nochmal zurueckrufen, ich hab sie noch nicht erreicht.”
“CHHRZZKRCHHRR”
“Du, es rauscht ganz arg..”
“Tobias, suchst du immer noch nach einer Stelle? CHHHRRKZCHH?”
“Ja, voll, aber es ist halt ur schwer, weil …”
“Magst du zu uns nach Montreal kommen?”
“WAS! MONTREAL?! Ernsthaft?!”
“CHRRKZZ – Ja, du waerst willkommen hier!”
“Switchen wir zu Skype, ich versteh dich kaum!”

Dieser Lukas ist gerade in Kanada als Gedenkdiener, ein einwandfreier Typ, der damals ins Jaccuzi in Hollywood gehopst ist. Und jetzt ruft er mich an, hat durch Zufall erfahren, dass ich gefeuert wurde – ich habe es ihm nicht erzaehlt – und bietet mir an, das zu vermitteln.
Legt die romantische Musik auf, Kinder, denn das ist so herzerweichend. Wie ein schlechter Film.

Diese Phrase verwende ich zu oft in meinem blog. Mit Recht.

Wir skypen. Er ist gerade an seinem Arbeitsplatz, und seine Chefin kommt dazu, spricht mit mir, spricht mir ihr Beileid aus und meint, klar Tobias, komm rueber, wir koennen deine Faehigkeiten gebrauchen!

Was genau macht ihr denn dort, frage ich Lukas. Webdesign im Sommer, Arbeit mit Schulklassen im Winter. Genau das, in was ich gut bin: Kunst, und vor Leuten sprechen. Geil.

Lukas gibt mir alle Anweisungen, was ich fuer das kanadische Visum alles brauche und schreibt mir eine lange step-by-step-email.
Ich schwebe auf Wolke sieben und sehe die wunderschoenen schwarzen Fetzen, die die vierte Wand meines Zimmers ersetzen. Was fuer schoene Fetzen das doch sind.

Und hiermit schliesst sich der Kreis. Zwar muss ich den Blog bald umbenennen, aber ich bleibe am selben Kontinent. Meine vielleicht groesste Sorge war, dass ich die Freunde, die ich hier in Los Angeles gewonnen habe, nie mehr wieder sehen wuerde.

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Und jetzt?

Jetzt werde ich packen. Zelte abbrechen. Mein Auto verkaufen. Versicherungen kuendigen. Einen Flug nach New York buchen, und von dort aus mit einem Auto nach Montreal fahren.
Ich werde dem Museum of Tolerance alles geben, was je darin entstanden sind – viele Zeichnungen, die ich noch nicht veroeffentlicht habe. Geduldet euch ein wenig, ihr werdet sie auch zu Gesicht bekommen.

Ich werde mich von meinen Freunden verabschieden, und im Winter, wenn es in Kanada bitterkalt ist, zurueck kommen und sie besuchen. Ich werde mein Surfboard verkaufen, und meinen Neoprenanzug muss ich auch loswerden.

Ich werde ein kanadisches Visum beantragen, und mir das amerikanische als Andenken behalten. Bleibt mir nicht viel anderes uebrig, schliesslich ist jenes Q1-Visum in meinen Pass getackert worden.

Q1 steht fuer kulturellen Austausch. Und den habe ich betrieben.

Zuckerbrot und Peitsche, das sind die Mittel der modernen Kindeserziehung. Dumm nur, dass kein Mensch jemals ein Zuckerbrot gegessen hat, Peitschen nur was fuer uns Popoklatsch-BDSM-Pornopaerchen sind – und es bei einer Redewendung bleibt. Aber das Prinzip von Bestrafung und Belohnung bleibt dasselbe

In diesem Post geht es eben darum: Wie sieht es mit den Broten und dem Leder aus, oder warum fliegt man in den USA anders raus als in Oesterreich oder Deutschland?

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Das Prinzip ist einfach: Es geht um Kommunikation. Es dreht sich alles um Kommunikation. Und das sieht man schon in der Sprechweise, der Begruessung.
Ich kann nur einen sehr bedingten Erfahrungsschatz vorweisen, da ich nie in Oesterreich gefeuert wurde, aber ich will mal versuchen, meine Erfahrungen in der Schule und Erzaehlung von anderen zu kombinieren, und ein wackeliges Bild zu beschreiben.

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Kalifornien

Begruessung: Nice to meet you, how are you doing? Fine? Thanks, me too!

Zuckerbrot und Peitsche: Eine Schaumstoffpeitsche mit Zuckerwatte rundherum, hat aber am hintersten Ende ein fein verstecktes Hackebeil.

Wie man rausgeworfen wird: Man baut Mist.
Das erste Mal etwas falsch machen: Sie schauen dir zu.
Das zweite Mal etwas falsch machen: Sie schauen dir zu.
Das dritte Mal etwas falsch machen: Sie schauen dir zu.
Das vierte Mal etwas falsch machen: Sie schauen dir zu.
Das fuenfte Mal etwas falsch machen: Sie reden mit dir.
Das sechste Mal etwas falsch machen: Sie feuern dich.

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Wien

Begruessung: Sers oida. NICHT IN DIESEM TON JUNGER MANN!

Zuckerbrot und Peitsche: Eine Lederpeitsche, und zu Weihnachten gibt es staubtrockenen Zwieback. Vielleicht.

Wie man rausgeworfen wird: Man baut noch ein bisschen mehr Mist.
Das minus erste Mal etwas falsch machen: Zaehlt nicht.
Das nullte Mal etwas falsch machen: Sie schuetteln den Kopf.
Das erste Mal etwas falsch machen: Sie reden mit dir.
Das zweite Mal etwas falsch machen: Sie reden mit dir und werden ziemlich autoritaer.
Das dritte Mal etwas falsch machen: Sie reden mit dir und werden ziemlich grantig.
Das vierte Mal etwas falsch machen: Sie reden mit dir und werden verdammt zornig und ernst und drohen dir.
Das fuenfte Mal etwas falsch machen: Sie rasten aus und sagen dir, mach das noch mal, und du bist hier raus.
Das sechste Mal etwas falsch machen: Sie feuern dich.

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So, und wer findet am schnellsten den Unterschied? Ich habe vier Monate gebraucht…

Erheben Sie sich, verehrte Anwesende. Folgende Anklagen werden unter erfolgreicher Beweisfuehrung oder zumindest berechtigter Spekulation gegen den gutaussehenden, jungen Herrn in Sandalen vorgebracht, es folgt eine Schweigeminute:

  1. Drei private Dateien auf einem Arbeitscomputer.
    Ich hatte 3 Dateien, naemlich ein Portrait, ein Bild, auf dem ich einen Backflip mache, und Carla’s Abschiedsbrief als Word-Dokument, auf meinem Arbeitscomputer in der Bibliothek. Da ich sie entweder schlampig entfernte oder wieder draufspielte, war ein File am naechsten Tag immer noch da.
    Gewertet wird das als Diebstahl, da man Firmenequipment fuer private Zwecke missbraucht.
  2. Flirten mit Besuchern bzw Schulterklopfen=Sexual Harrassment
    Ich bin ja eigentlich n recht schuechterner Typ, und…
    Zugegebenermassen klopfe ich den Kindern oftmals anerkennend auf die Schultern, wenn sie etwas gescheites gesagt und gerade in Reichweite meiner Pratzen sind. Eine Lehrerin hat das aber als Flirtversuch bewertet und Beschwerde eingebracht. In den USA kann ein unschuldiges, gut gemeintes Schulterklopfen schnell als “touching the children” interpretiert werden, und dann geht’s rund im Gerichtssaal.
  3. Das Schreiben eines Statements und Zeichnen einer Karikatur auf einem Ankuendigungsbrett im Staffroom.
    Kenny hat asiatische Vorfahren. Ich habe nach Dienstschluss mit ihm Spaesse getrieben, und eine Karikatur von ihm gezeichnet. Inklusive Taschenrechner und Dreiecks-Hut, um schoen alle Vorurteile unterzubringen – und dann habe ich vergessen, diese Zeichnung wieder mit dem Schwamm zu loeschen.

    Am selben Tag ging ich in die neue China-Ausstellung des Museums, in dem China fuer tatsaechlich gute Taten im 2. Weltkrieg gepriesen wird – Auffanglager fuer juedische Fluechtlinge, was so gut wie keine andere Nation auf der Welt tat. Der Titel der Ausstellung war “Jews and China”, war in halbjaehrlichen Details aufgetailt von ca. 1940-1946, und machte dann einen riesigen Sprung zu 2006. Wo kamen die 60 Jahre zwischen 1946-2006 ploetzlich hin, gab es da keine Beziehung zwischen Juden und China? Achso, klar – das war die Zeit von Mao Tsedong, Hardcore-Kommunismus, Religion verboten, Kirchen abgerissen, religioese Leute entweder des Landes verwiesen oder ins Gefaengnis geworfen … aber das ist ja nicht relevant in einer Ausstellung ueber “Jews and China”.
    Warum nicht? Weil die Ausstellung von der chinesischen Regierung gesponsort wurde. Ich war zornig – das Museum hatte seine Seele verkauft, und seine Verantwortung gegenueber minderjaehrigen Besuchern mit wenig Vorwissen ueber China betrogen – diese Ausstellung war reine Propaganda.
    Ich rannte hinunter in den Staff Room, und kritzelte “This is propaganda” direkt neben die Ankuendigung der Ausstellung selbst. Dieses Statement wollte ich stehen lassen, denn ich sah es als eine Schande, die Weltgeschichte so verzerrt dazustellen – und als meine Pflicht, dagegen etwas zu unternehmen.
    Am naechsten Tag sieht jemand eine hoch rassistische Zeichnung eines Chinamanns (bzw. Karikatur eines Freundes, aber das war irrelevant) und ein Statement gegen eine museumsinterne Ausstellung, und beides auf einer Tafel, die nur Manager benutzen duerfen, um Ankuendigungen fuer Mitarbeiter zu machen – jemand knispte ein Foto davon (das ist wahrer Teamgeist!) und schickte es an das Management weiter.

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Dass manches davon eine Lappalie/Banalitaet in unserer gewohnten deutschsprachigen Kultur ist, spielt keine Rolle. Ich bin hier in Amerika, und wenn ich mich nicht nach den Regeln benehmen kann, dann gefaehrde ich den oeffentlichen Ruf der Institution. Schliesslich war ich Tourguide, und auch wenn ich diese Dinge nicht in boeser Absicht getan habe,
niemand weiss, was ich vielleicht noch unabsichtlich falsch gemacht haette – genug fuer den Rausschmiss. Dass niemand eine amerikanische Anklage bekommen will, weder ich noch meine Arbeitsstelle, das leuchtete mir dann ein – hoert man doch immer von den wildesten Summen in diesen Urban Legends.

Diese durchaus drastisch-extreme Konsequenz meines falschen Verhaltens hat mir mindestens eine Gallone Weisheit im Wert von ca. 1500,34$ eingegossen (das sind ca. 5kg Weizenmehl und vier Kamele).

Wenn ich in dem Museum eine Tour gebe, gebe ich den Schuelern fuer den Tolerance-Abschnitt vier Themen.
Dieser Post geht um einiges weiter, als ich den Schuelern zumuten koennte; fuer alle zukuenftigen Museum-of-Tolerance-Gedenkdiener allerdings ein must-read, zumal ich mich schon vor meinem Dienst mit genau diesem hier beschaeftigt habe..:

Theme 2 out of 4: The Power of Words and Images.

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Also, was ist jetzt so besonders an Worten? Haben Worte Kraft, koennen sie etwas bewegen?
Es gibt Leute da draussen, die dir sagen: Ohne eine Waffe bist du wehrlos. Es gibt Leute, die dir sagen, mit Worten kommst du nicht weit. Es gibt Leute, die sagen, sie koennen nicht beeinflusst werden.

Worte sind der Hauptkanal unseres Informationsaustausches. Worte, Bilder und Sprache sind der einzige Weg, durch den sich die Menschheit kulturell und gesellschaftlich weiterentwickeln konnte. Worte vermitteln Wissen.

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Und wir werden Tag fuer Tag, Woche fuer Woche, Jahr fuer Jahr, von unserer Geburt bis zu unserem Tod, von Worten beeinflusst. Um das etwas genauer zu verstehen, muessen wir etwas tiefer graben:

Wer sich eingehend mit Psychologie und Persoenlichkeitsentwicklung beschaeftigt, wird frueher oder spaeter auf NLP stossen. NLP steht fuer Neuro-Linguistische Programmierung.
NLP wirkt auf aehnliche Weise wie Hypnose oder autogenes Training: Durch die Macht der Suggestion.

Wollt ihr es ausprobieren? Fein.
Nimm etwas, was du an dir aendern willst.

Beispiel: Ich bin frei von Angst.

Und dann sage es dir vor. Einmal, zweimal, dreimal, zehnmal, hundertmal.
Schreibe es auf. Einmal, zweimal, dreimal, zehnmal, hundertmal.
Sprich es auf Band und hoer es dir an. Einmal, zweimal, dreimal, zehnmal, hundertmal.

Und irgendwann glaubst du es.

Sobald du glaubst, handelst du danach.

  • Wenn du glaubst, du bist schlecht in der Schule, wirst du schlecht in der Schule sein.
  • Wenn du glaubst, du kannst nicht autofahren, ist der naechste Unfall nicht weit.
  • Wenn du glaubst, du wirst nie skifahren koennen, wirst du es nie lernen.
  • Wenn du glaubst, du bist haesslich, wird dir nie jemand ein Kompliment zu deinem Aussehen geben.
  • Wenn du glaubst, du kannst nicht flirten, wird nie ein Maedel, das richtig im Kopf ist, anbeissen.
  • Wenn du glaubst, du bist ein Versager, dann bist du einer.
  • Wenn du glaubst, du bist frei von Angst, dann nimmt dein Mut kein Ende.
  • Und wenn du glaubst, dass ich das alles ernst meine, dann liegst du goldrichtig.

Die Macht dieser Suggestionen laesst sich mit jener von selbsterfuellenden Prophezeiungen verschmelzen.

Ein Beispiel fuer jene Self fulfilling Prophecies ist das Oak School Experiment:

Man sagte ein paar Lehrern, diese und jene Schueler waeren besonders gescheit; andere Schueler wiederum waeren besonders dumm. Obwohl die beiden Schuelergruppen dieselbe Intelligenz aufwiesen,
erzielten sie am Jahresende sehr unterschiedliuche Ergebnisse, die “gescheiteren” Schueler hatten viel bessere Noten.
Der Grund: Die Lehrer nahmen – in Erwartungshaltung – die angeblich gescheiteren Schueler oefter dran, lobten sie oefter, ermunterten sie oefter zur Mitarbeit, waehrend sie dachten, aus den angeblich dummen Schuelern wuerden sie sowieso nicht viel herausholen koennen.

Durch eine blosse Annahme wird eine Realitaet geschaffen.
Durch Worte werden Taten hervorgerufen. Und dasselbe geschieht in der Hypnose, im autogenen Training, in NLP, in der Werbung, und in der Propaganda.

Wiederholt man eine Luege oft genug, werden sie die Menschen glauben.

Eines von Hitlers Grundprinzipien der Propaganda in “Mein Kampf”

Worte beeinflussen uns, da sie Botschaften enthalten. Und je oefter und intensiver wir eine Botschaft wahrnehmen, desto mehr glauben wir an sie.
Dasselbe ist es mit den rassistischen Witzen:
Jeder hat sie schon mal gehoert oder selbst erzaehlt: Witze ueber “Die gierigen Juden”, “Die unehrlichen Polen”, “Die terroristischen Muslime”, usw., usw.

Ja, viele sind lustig, man lacht sich einen drueber ab, hahaha. Aber was du nicht realisierst, weil es auf einer unterbewussten Ebene passiert, ist, dass jeder rassistische Witz eine kleine Idee in deinen Kopf pflanzt. Eine klitzekleine Idee, ein winziges Vorurteil. Und mag dieses vage Vorurteil noch so klein sein: Du wirst es nie wieder los. Diese Idee frisst sich fest, und kann wachsen. Kann zu einem echten Vorurteil werden. Zu offen gezeigter Haltung, Diskreminierung, und schlussendlich zu Hass.

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Nun verstehe ich endlich, warum sich Eltern im Allgemeinen immer darueber aufregen, wenn das Kind Schimpfwoerter in den Mund nimmt: Weil jedes Schimpfwort eine Botschaft traegt, einen Affekt innehaelt, und Macht uber unsere Gedanken ergreifen kann. Als Erwachsener, mit einer abgeschlossenen Schulbildung und einem gefestigten Weltbild, ist dieser Einfluss natuerlich geringer; aber fuer ein kleines Kind, das nichtmal weiss, was “eine Schwuchtel“, “ein Neger“, oder “ein Tschusch” bedeutet, sind die Worte einfach normale Worte, und es wird diese Worte so oft benutzen, wie es will. Diese Gewohnheiten spaeter wegzutrainieren, ist schwierig.

Ich merke das unendlich deutlich, seitdem ich hier bin: Waehrend ich auf Deutsch immer noch “Das ist soooo schwul” sage – ohne damit homosexuell zu meinen, sondern rein aus Gewohnheit heraus als Attribut fuer etwas schlechtes – wuerde ich in Englisch nie “That’s sooooo gay” sagen.

Weshalb? Weil ich mir nie angewoehnt habe, besonders viele Schimpfworte in Englisch zu benutzen. Oder weil Matthew, mein Kollege im Museum, schwul ist, und ich ganz genau weiss, wie sehr es ihn innerlich verletzt, wenn eine Klasse Kinder ankommt und mit dem Finger auf ihn zeigt – “What a FAG!”.
Wuerde ich nicht im MOT arbeiten, waere ich mir dieser Macht der Sprache im Speziellen wohl nie bewusst geworden. Zuvor wusste ich viel ueber NLP und Hypnose, aber dass die Wahl der Worte so einflussreich sein kann, haette ich mir nicht ertraeumt.

Das ist SO schwul.
Das ist SO schwul.
Das ist SO schwul.
Das ist so SCHWUL!
Das ist so SCHWUL!!!

Merkt ihr es? Die Benutzung des Wortes stellt im Kopf, kaum merklich,
die Verbindung “schwul = schlecht” her, da wir ja das Wort schwul anstatt von schlecht benutzen. Und nur, weil wir uns daran gewoehnt haben, wir sagen es einfach so daher, ohne darueber nachzudenken, wie stark uns diese Benutzung von Worten beeinflusst.

Es ist krank.
Es ist stark.
Und es ist Gewohnheit.

Ich habe Jahre gebraucht, um das endlich – hier in Los Angeles, weit abgetrennt von meinem gewohnten Umfeld und meiner gewohnten Sprache – zu realisieren, und ich bin froh ueber diese Einsicht.

Denkt darueber nach.

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Fortsetzung folgt

Heute hatte ich – per Zufall – die zwei besten, coolsten, lustigsten Gruppen seit der Arche Noah.

Erstere waren 12th-Graders, 18-jaehrige (endlich konnte ich auf lange Beine ohne schlechtes Gewissen starren..), mit nem gschmuftigen Lehrer mit weissem Rauschebart und Ghandibrille. Und sie brachen meinen Rekord … 24%!! Fuer den Drinking Driver! Awesome! Die hupeft das Tourguideherz.

Nicht zu vergessen, dass einer von ihnen wusste, dass Serbien in den Beginn des 1. Weltkriegs verwickelt war – was fuer mich immer ein unfehlbarer Indikator ist, dass die Gruppe verdammt clever ist.

Zu Mittag, nachdem ich mit den Kids Facebook ausgetauscht hatte und ihnen meine Homepage hinkritzelte, haste ich mit Robert in den Elevator. Weshalb?
Well… eine Kollegin namens Rebecca, spassiges Maedel mit schwarzer Schwammerlfrisur, 21, und einem Fetisch dafuer, Handytaschen aus MOT-Stickern zu basteln, fliegt nach Griechenland, fuer ein Monat oder so. Und wir zwei Gentlemen sagen natuerlich ‘bis bald’. Zuerst wollte ich Zutaten fuer einen griechischen Salat kaufen – aus Zeitgruenden steigen wir jedoch auf eine Eistorte um.

Fuenf Minuten in Robert’s Cadillac featuring Paul van Dyk spaeter sind wir bei einem Eisgeschaeft. Das Maedel drinnen erzaehlt uns, dass sie schon immer zum Museum of Tolerance gehen wollte, aber noch nie war.

Das ist uebrigens eine der Sachen, die ich mindestens einmal am Tag hoere… “What, you work at the Museum of Tolerance?! Cool, I always wanted to go there!!”
“Have you already been?”
“Noooooo.. unfortunately not…”

Jedenfalls klimperte sie uns mit den Mascaraflusen zu und meinte, sie wuerde mal vorbeischauen. In LA heisst das aber nichts – sie sagen alle, dass sie mal vorbeikommen.
Und nebenbei war dann auch noch ein orthodoxer Jude im Eisgeschaeft, mit dem ich zu tratschen anfing, seine Mutter eine Holocaust-Ueberlebende ist und … zufaellig im MOT arbeitet. Winzige Welt. Kaum hatten wir den Kuchen mit der Aufschrift
May the Gods be with you“,
mussten wir schnell zurueck zum Museum, eine Stunde Lunch Break ist zu kurz fuer diese durchaus grosse Welt.

Noch schnell ein viertel Baguette geschnabbelt und, von Matt gerufen, zur zweiten Tour gestolpert.

Und die rockte hard. Am Anfang einer jeden Tour muss man sich – zumindest bei meinem Verhalten, und meiner ueberragenden Schoenheit – auf einige Shittests seitens der Gruppe gefasst machen; die kids wollen herausfinden, ob der Onkel da, der sie gerade in der Lobby begruesst hat, wirklich was draufhat. Die kleinen Alphajungs aus der Klasse, die mit dem grossen Mund und breiten Grinsen, werfen dir ne Menge Sarkasmus entgegen. Geht man gut damit um, verstaerkt man den Sarkasmus, dann hat man die Aufmerksamkeit der Anfuehrer und vor allem ihre Untertsuetzung durch Vorbildwirkung auf die anderen Klassenkollegen fuer den Rest der Tour. Versagt man?

Keine Ahnung. Mir passiert das nicht.

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Wie auch immer, als ich den Kindern die Hatesites zeigte, kam eines der Maedchen zu mir und erzaehlte mir, dass sie ein Maedchen kennt, das so von deren Schulkameraden gehasst wurde, dass diese eine Hatesite ins Netz stellten. Das Maedchen wurde so unendlich diskreminiert und ausgeschlossen, dass sie die Stadt verliess.
Das brachte uns zu Woertern.
Ich werde bald darueber schreiben, wieso und weshalb Worte so gefaehrlich sind, und warum ich, seit ich hier bin, mir bewusst wurde, wass “das ist soooo schwul” eigentlich aussagt.
Und die Kinder wurden auf ein kalifornisches Phaenomen aufmerksam: “I love that!” und “I hate that!” – man erinnert sich, die ungehobelte Uebertreibung, die hier jeder betreibt. Die Worte Hass und Liebe sidn viel zu stark, um einen etwas mies schmeckenden Burger oder die blaue Tinte eines Fuellers zu beschreiben. Dass die Kids diese Worte benutzen, erklaerten wir uns mit dem Gewohnheitseffekt, einem ‘habit’. Und sie hatten doch tatsaechlich noch waehrend der Ausstellung eine Eingebung…

Anstatt hate: drift

Anstatt love: flow

Und wer sich jetzt denkt “Hallo, sind die dumm? Worte austauschen soll was helfen… Kinder, seid ihr hackefett in der Birne?!” … der wartet einfach auf den Post The Power of Words

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Und nicht dass der Tag damit vorbei waere, nein: Es folgte noch ein Eistorten-Gelage, ein zweites Eistorten-Gelage, das typische Herumgebloedel mit Alex und Kenny nach Dienstschluss und ein augenoeffnendes, am Lobbydesk lehnendes Gespraech mit Lydia, das Grund fuer meinen naechsten Post ist. Eigentlich wollte ich nur die Zeit totschlagen, da zwischen Arbeitsende um 5:00PM und dem Rehearsal um 7:30PM 2,5 Stunden, aber nur 20 Minuten Fahrzeit liegen.
Die beste Zeittotschlagung, die ich je betrieben habe, wie ich dann herausfand.

Da war es dann nur noch nebensaechlich, dass ich die “neuen” Termine nicht per email bekam, weil der Director eine falsche email-Adresse hatte, und mit verwirrten Blicken begruesst wurde, als ich sagte “Oh, ihr habt schon ohne mich angefangen?”

Elana, Direktorin des MOT, Traegerin des 3. Dan und schwarzen Knigge-Guertels der perfekten Manieren, Praesidentin der TTYSIO (Toby, Tuck Your Shirt In Organization) und absolute Ehrenfrau, wenn es um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter geht.

Elana ist die absolute Chefin des Museums, very busy und vielzu nett fuer diese Welt. Nett heisst aber nicht, dass sie dir alles durchgehen laesst… sie laesst dir gar nichts durchgehen, was sich nicht gehoert. Erwaehnte ich schon das mit dem Hemd? … gut.

Fuer gewoehnlich sehe ich sie immer als den erhobenen Zeigefinger, der jederzeit auftauchen koennte, wenn ich etwas riskiere oder falsch herum mache. Doch vor zwei Tagen hat sie mir mal wieder bewiesen, was fuer ein leiwander Gschmuftel sie doch sein kann, und ist auf meinem Sympathietreppchen einige Stockwerke hochgejoggt – und das in ihrem Alter; Applaus, werte Sprachgenossen.

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Alles begann damit, dass meine Tour am Vormittag abgesagt wurde. Klasse, bisschen an den Stationen entspannen; ich habe einige Wochen hintermir, in denen ich beinahe jeden Tag zwei Touren zu je drei Stunden gab. Am Nachmittag, 1PM, trudelt meine theoretisch zweite Gruppe an. Ein College fuer Nursery – geil, denke ich mir.
Krankenschwestern. In Uniformen.

Doch meine pubertaere Naivitaet wurde mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass es auch Krankenbrueder gibt. Und keine Uniformen. So war ich also vor eine 10-Mann, 10-Frau-starke College-Gruppe gestellt. Auch gut. Denkt man sich zumindest.
In der Lobby, als ich ihnen erklaere, dass Kaugummis draussenbleiben muessen (klebt sie doch neben die Hunde da bitte..), brauchte ich mit der Lehrerin gemeinsam schon mal ne Minute, bis mir jeder zuhoerte – und das war laenger, als Matthew mit einer Gruppe Autisten, die am Vormittag reinkamen, brauchte.

Doch die Studenten waren nicht das Problem. Es war die Lehrerin.

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“Wir MUESSEN das point-of-View Diner sehen. Mit ‘Scared to Death’ bitte.”
also gut, warten wir eben noch fuenf Minuten, bis es frei ist. Auch wenn ich das Video ‘Scared to Death’ (Eine alte Frau trifft der Schlag als sie sich aus Angst in ihrem Haus vor einer Gang verbarrikadiert und keiner kann ihr helfen) ziemlich nutzlos finde, soll der Lehrer gern ueber den Inhalt entscheiden. Speziell in einem nursery College ist es ja Hauptzweck, Menschen zu helfen, von daher also eine gute Idee.

Wir gehen also heraus, als Dawn zu mir rueberkommt: “Toby, du musst sie jetzt zur Holocaust-Ausstellung bringen!”
Timing is crucial. Timing ist das A und O des ganzen Museums, also sage ich “Please, follow me this way!”, und will sie zur Holocaust-Ausstellung fuehren, als die Stimme der Lehrerin aus dem Hintergrund kommt.

“AAAABER wir muessen zuerst noch in die Millenium Machine, und das Video ‘Women’ sehen!”
“Sorry, aber unser Holocaust-Cycle beginnt in 10 Minuten, und…”
“Ich komme hier seit 10 Jahren her! Und wir haben IMMER die Millennium Machine gesehen!”

Ihr versteht das vielleicht nicht, aber mich hat es echt sauwuetend gemacht. Management gefragt. Ist okay, verschiebe deinen Holocaust-Cycle um 11 Minuten, dann koennen sie Millenium Machine machen.
Doch die Millenium Machine war gerade belegt. 10 weitere Minuten, bis sie frei ist.
Gut, dann eben drei Cycles weiter nach hinten. 33 Minuten Verspaetung – da haette sich Jesus lieber selbst verraten, als um drei Cycles zu spaet zu kommen. Doch Befehl ist Befehl, und der Kunde ist Koenig.

Der Lehrerin richte ich vom Management aus, dass sie ihre Klasse nach dem Video direkt zur Holocaust-Ausstellung bringen muss. Cycle-Time: 2:41PM. Anstatt 2:16PM.

Toby geht Mittagessen.

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Als ich zurueckkomme, kommt mir eine aeltere Kollegin entgegen und sagt auf Deutsch: “Toby, die Leute haben sich beschwert.. deine Gruppe ist so ziemlich ueberall herumgelaufen. Du hast sie einfach allein gelassen, hab ich gehoert!”
“Das war ne Anweisung, …”

Argh. Wenn mich mein Roommate der Beihilfe zum Diebstahl und der Kollaboration mit dem boesen Immobilienkartell bezichtigt und ohne Grund aus dem Traumapartment rausschmeisst, dann kann ich gelassen bleiben. Aber wenn meine Gruppe im Museum Scheisse baut und vielleicht sogar dadurch auch noch das Erlebnis anderer Besucher beeintraechtigt, DANN TICK ICH VERFLUCHT NOCH MAL AUS!!

Ich realisiere gerade, dass mir dieser Job so sehr ans Herz gewachsen ist, ein Teil von mir geworden… und zwar nicht als haessliche Floskel, sondern aus tiefer Ueberzeugung – auch, wenn gewisse Leute fernab von Amerika das nicht wahrhaben wollen.

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Also bin ich schnaubend in die Holocaust-Ausstellung in umgekehrter Richtung gegangen, musste mein Temperament aber zuegeln, da natuerlich ueberall andere Gruppen waren. Meine Gruppe ist nicht wie vorgesehen vor Lidia’s Gruppe. Und auch nicht nach Lidia’s Gruppe. Und nicht nach Atossa’s Gruppe. Ich schleiche zurueck. Gleicher Gruppencheck, andere Richtung. Keine Nursing College Gruppe. Ich gehe raus. Treffe ploetzlich die Lehrerin, die mir sagt, dass sie nur mal eben zwei Studenten zu den Restrooms eskortiert. Okay.
Finde die Gruppe dann beim dritten Anlauf endlich. Hat sich mit einem gehoerigen Anteil Public gemischt, ist auf ca. 40 Personen angewachsen. Gut. Als ich ihnen die Trennung in die zwei Gruppen am Eingang von Ausschwitz (Stichwort Josef Mengele) erklaere, beginnt die eine erwachsene Begleiterin und die Lehrerin, die direkt neben mir stehen, ploetzlich zu tuscheln und zu kichern. Bwah, wie wiederwaertig. Ich koennte echt explodieren.

Und damit nicht genug, am Ende der Ausstellung, als ich die Leute um die Righteous among the Nations gruppiere, rennt ploetzlich die gesamte College-Gruppe an mir und den Publics vorbei, macht den letzten interaktiven Teil schnell selber und verschwindet auf Anweisung der Lehrerin. Wenn mir bei der Aktion keine Beidlsubstanz verdampft ist, hab ich definitiv nen zu hohen Teststeronspiegel.

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Ich hole die Lehrerin auf der Rampe ein. “Haben Sie mal eben fuenf Minuten?”
“Nein, sorry, ich muss zurueck zum Campus! Aber ich komme morgen wieder!”
Mach dich auf was gefasst, du respektlose Person.

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“Elaaaaanaaaaa, die Lehrerin war boooooeeeeeeseeeee!!” – so in etwa kam ich in den Staff Room.
“Was gibt’s, Toby?”
Ich schuette ihr meine gebeutelte Gedenkdiener-Seele aus. Sie kennt den Typ Lehrerin, und anstatt mir eine vierdeutige Antwort auf eine eindeutige Frage zu geben (wie ich es meistens von ihr gewohnt bin, mit dem Beipackzettel “Werd selber schlau draus”), zeigt sie mir eine ueberraschend ueberzeugende Imitation dieser Lehrerinnen. Sie haette ne gute Schauspielerin abgegeben.

Und als ich fragte, “Was soll ich tun, wenn das noch einmal passiert, und gerade niemand vom Management da ist? Was soll ich der Lehrerin sagen?”,
gab mir Elana eine dermassen smoothe Antwort, dermassen perfekt, wie es einfach nur Queen Elana kann. Dieser Blog ist viel zu besudelt, und der Autor viel zu praepotent, um ihre Aussage auch nur annaehernd wiederzugeben, doch will ich es nicht unversucht lassen.

It is very important to us to meet your wishes and to make your stay as satisfying as possible. Please understand that this is our busy season and we have a lot of groups, so please let me check quickly with the management to see what I can reach for you!

Ich schmolz dahin.
Der Tag wird kommen Kinder, der Tag wird kommen, an dem meine diplomatische Weisheit die 50%-Marke von Mount Elana erreichen wird…