U, S, and Toby

September 27, 2008

Langsam wirds wieder warm

Filed under: Angestaubte Anekdoten, Freizeit und Freunde, Lifestyle — admin @ 9:18 pm

DIE 2-MONATSREGEL-REGEL

Ziehst du in eine neue Stadt, musst du dich erst mal einleben. Well, in Montreal wie auch in Los Angeles hat es nach meiner Erfahrung 2 Monate gedauert. Und diese 2 Monate treffen ueberraschend genau zu.
In Los Angeles war es wohl der Post “Langsam wirds warm”.
Dort habe ich meinen ersten Nebenjob mit 500$ bekommen, als Storyboardzeichner (dass ich das Geld dann aus Steuer- und Visumsgruenden nicht annehmen konnte, ist ne andere Geschichte).
Den Post habe ich am 28. April verfasst, paradoxerweise auf den Tag genau 2 Monate, nachdem ich in LA angekommen bin – das war am 28. Februar.

Und hier in Montreal? Well, hier ist es einfach ein Gefuehl. Das Gefuehl, dass man in einer Stadt endlich beginnt zu leben. Das Gefuehl eines perfekten Tages.
Am 21. Juli bin ich in Montreal angekommen, und heute ist der 26. September.

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Der Tag beginnt damit, dass ich wieder einmal verschlafe, ausser einem halbherzigen Schluck Milch nichts fruehstuecke und mit ungeputzten Zaehnen und Morgenmundgeruch zur U-Bahn laufe. Ich komme so gut wie punktlich bei der Arbeit an, doch niemand ist da. Zeit, meine Emails abzuarbeiten.
Eine Stunde spaeter kommt Georg. Es ist sein letzter Tag in Montreal, das Ende seines Auslandszivildienstes. Vorgestern sind wir mit unserer Chefin und ihrer Familie zum Steak-Essen ausgegangen, um Georg zu verabschieden. Gestern gingen wir beide noch in einen Club. Heute fliegt er zurueck nach Oesterreich.
Ebenfalls heute hat Jeshiah – der Sohn meiner Chefin – Geburtstag und wir essen einen umwerfenden Cognac-Kuchen zu Mittag. Gut, dass ich diesen Kuchen in Kanada esse, in den USA haette ich dafuer ein Verbrechen begehen muessen.
Um etwa zwei Uhr gebe ich Georg die letzte, maennlich-kurze und Kollegen-knusprige Abschiedsumarmung und er faehrt ab.

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Um etwa halb vier verlasse ich die Arbeit, mit der Premise meiner Chefin, dass ich heute frueher nach Hause gehen darf.
Fuenf Minuten spaeter stehe ich im Bus, eine Frau steht auf, ich setze mich auf ihren Platz, neben ein Maedchen, das indisch aussieht.
“Do you speak French?”, frage ich, als ich meine Fuesse hochlagere und meine Deutsch-Franzoesisch-Lernkaertchen aus ihrer zerrissenen Schachtel hole, die Georg mir vererbt hat. Sie sagt “yeah, I do”, und dann sage ich “Cool. If I should have questions about pronounciation, I’ll ask you.” - ganz alltaeglich eben.

Nebenbei ist das die beste Anmache in French-Kanada – einfach zeigen, dass man gerne Franzoesisch lernen wuerde und ein paar Tipps brauchen koennte.
Nach der Busfahrt kenne ich ihren Namen, und wir unterhalten uns eifrig. In der U-Bahn sagt sie, “You are so social, that’s really cool. you know, usually everybody in the bus just sits there, you know, quiet and stuff..”, und fragt mich nach meiner Nummer und meinem Facebook – und bietet mir ganz nebenbei an, mit ihr und ihren Freunden gemeinsam wegzugehen. Einfach so. Weil ich die Eier hatte und im Bus ohne Grund mit ihr zu Reden angefangen habe. So laeuft die Welt – sei offen, und die Welt wird offen zu dir sein.

Sie zeigt mir die Stadtbibliothek, von der ich immer vermutete, dass sie nur franzoesische Titel fuehren wuerde. Sie lacht . Natuerlich gaebe es eine Englischabteilung, meint sie, und fuehrt mich in die Bibliothek.
Ich bemerke, dass ich keinen Adressnachweis bei mir habe und mich demnach nicht bei der Bibliothek registrieren kann – Telefonnummern sind ausgetauscht, Facebook-Account niedergeschrieben, also verabschieden wir uns. Sie gleitet in den franzoesischen Teil der Bibliothek, ich huepfe wie ein Kind die langgezogene Treppe ins Erdgeschoss abwaerts.

Als ich nach Hause komme, um meinen Pass zu holen, finde ich eine Benachrichtigung der Post in Montreal.
Ich gehe zur Pharmazie Pharmaprix, die eine eingebaute Postfiliale hat – doch kann das Paket erst montags abholen.
Als ich zurueck zum Haus komme, sehe ich meine Nachbarn (sie wohnen ein Stockwerk unter unserer WG) eine schwarze zwei-Sitzer-Ledercouch auf ihre Terasse wuchten.

“Hey guys! Tonight we have a houseparty at our place, just upstairs .. come up and join us, there will be some hot chicks.”
“Thanks man, that sounds cool, we’ll have a look if we got time and just come up..”
“Yeah, the party is running for the whole night… and nice couch by the way!”
“There’s a three-seat-couch back there on the lawn, we just carried this one, no space for the other.”

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Ich renne fuenf Hauser weiter zu einem Vorgarten, in dem eine wunderschoene Ledercouch steht. In Nordamerika gilt: Alle Moebel, die auf der Strasse oder vor einem Haus stehen, sind zum Mitnehmen gedacht. So haben meine Roommates in LA auch die vier schoenen Ledercouches in unserer Loft-WG besorgt – auf der Strasse gefunden, auf den Pickup-Truck geladen und in die heimische Hoehle geschleppt.

Ich jedoch bin jetzt alleine. Alle meine Roommates sind noch arbeiten. Von meinen Nachbarn habe ich keine Handynummer, und diese Couch werde ich keine Sekunde mehr aus den Augen lassen. Ich hebe sie vorsichtshalber auf einer Seite an.
Entweder ich habe zu viele Klimmzuege gemacht, oder die Couch ist einfach leicht. Ich entscheide mich, sie selbst zu tragen, drehe sie um ihre Laengsachse, bis ich meinen Ruecken zwischen Lehne und Sitzflaeche habe, und gehe buckelig mit der schweren Couch am Ruecken in Richtung Haus.
Balanceverlust. Als ich die Couch absetze und wieder aufschaue, steht ein Sandler mir gegenueber.
“Jean putar merde, guillotine Louis katorze marie antoinette! Merde e putar, petit salop, tres bien!”
“In English?”, antworte ich auf den franzoesischen Kauderwelsch.
“Shall I ‘elp you to carry se couch? For two dollars?”
“Let’s do it!”

15 Minuten spaeter stehe ich schwitzend auf unserem Balkon, mit meinem neuen Freund gemeinsam die fette Couch ueber diewinzige, steile Treppe hochgequetscht. Ich gebe ihm sechs Dollar fuer seine Hilfe, woraufhin seine Augen zu leuchten beginnen, er mich umarmt und vier Finger seiner rechten Hand streckt.
“Six Dollars! Four beers! FOUR BEERS! Sank you sooo much!”
Ich will schon why don’t you just buy some bread with the money sagen, bin dann aber doch zu dankbar fuer seine Hilfe, verzichte auf Weltverbesserer-Kritik und klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Haette ich heute nicht frueher ausgehabt,
haette ich das Maedel nicht getroffen und waere nicht in die Bibliothek gegangen,
um anschliessend die Post-Benachrichtigung zu bekommen,
ohne die ich nicht zu Pharmaprix gegangen waere,
wodurch ich meine Nachbarn nicht genau in dem Moment getroffen haette, in dem sie ihre Couch auf die Terasse wuchteten,
und haette nie die grosse Ledercouch in unser Apartment gebracht.

Ich bin so gluecklich, dass ich mir mit Lautsprechern Klaus Badelt’s Score von Pirates of the Caribbean anwerfe und den kompletten Abwasch erledige.

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Dem folgt ein Lauf zur Bibliothek (diesmal mit Reisepass und einem Brief von meiner Bank an meine Adresse). Ich finde das Buch, welches ich seit Monaten lesen will:
“Fatherland”
von Robert Harris.
Ein Buch aus der Kategorie Alternative History, das sich mit einem Thema beschaeftigt, dass ich mir schon seit der Schulzeit im Kopf immer wieder ausmale: Was waere, wenn Nazideutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen haette?

Zeit fuer Sport – Hochhaus-Treppenlaufen, dann Klimmzuege am Spielplatz. Als ich nach Hause komme, ist es 7 Uhr abends – ueblicherweise die Zeit, um die ich nach der Arbeit nach Hause komme. Nur weil ich zweieinhalb Stunden frueher frei habe, passiert mir all das.
Um acht Uhr schreibe ich den Blogpost, speichere ihn jedoch und veroeffentliche ihn noch nicht. Ich bin mir unsicher, ob die Nacht mit der Schoenheit des Tages mithalten kann, ob ich etwas interessantes ueber die Party in den Blog schreiben kann. Denn was waere der perfekte Tag ohne die perfekte Nacht?

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Jetzt, einen Tag spaeter, sitze ich auf unserer neuen, wunderschoenen schwarzen Ledercouch und vollende diesen Post.

Fabrice haette die Couch zuerst aus Farbgruenden am Liebsten aus dem Fenster geworfen haette, aus Komfortgruenden dann jedoch akzeptierte.
Jon, mein grossgewachsener, baertiger Roommate aus Frankreich, zieht zurueck in die Heimat und wirft heute Abend ein Goodbye-Fest. Ich sage ihm, dass ich kurz zu einer Couchsurfing-Party gehe, um dann so bald wie moeglich wieder zuĀ ’s Abschiedsparty zu kommen. Ich laufe drei Haeuser weiter zu dem Pub, bei dem sich die Couchsurfer treffen. Absoluter Zufall, dass sich der Organisator genau fuer den Pub entscheidet, der keine 30 Sekunden von meiner Haustuer entfernt ist….

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Der Plan: Alle Couchsurfer aus der Bar und in unsere Wohnung bringen, und Jon eine gebuehrende Party zu garantieren.
Ich laufe hin und her zwischen unserer WG und dem Pub, pflanze bei allem immer wieder ein “Oh, and by the way, there’s a housparty at our place right now, for the whole night. The house looks like this…”

Um elf Uhr abends sind vielleicht 15 Leute in unserer Wohnung, ueberwiegend Freunde von Jon, Fabrice und Michka.

Um ein Uhr nachts sind es 40. Beinahe alle Couchsurfer sind da, Jon schiesst Sektkorken durch die Luft, unsere Kueche ist voller Alkohol, fette Mucke droehnt aus den handfesten Boxen, Maedels tanzen, auf der kleinen Couch in der Ecke gibt es das erste Paerchen.
Das Maedel, das ich will [ich habe sie letzte Woche kurz auf einer Couchsurf-Party getroffen, dort nenne ich sie "Die Tunesierin"] kommt ueberraschenderweise in unser Wohnzimmer gestapft.
Ich sage ihr, sie solle ein Sprite besorgen, weil wir keines mehr haben.
Sie fragt, ob ich sie begleite, es regnet schliesslich draussen.
Ihre Jacke ueber unsere Koepfe gestuelpt, gehen wir zum Cornerstore und besorgen uns ein Sprite.
“And we need a swimming pool, not just a Sprite.”, fuege ich hinzu.
“Sure, I’ll pay that with my master card.”
Wir warten im Regen auf die Ampel.
“I am very shy. And conservative. I would never ever kiss a girl before being married.”, gestehe ich mit insbruenstiger Ueberzeugung.
“Me too.”
“We should fly to Las Vegas and get married. Right now.”
“Good idea!”
“Of course, we’ll pay the flight with your mastercard.”

Angekommen bei meinem Haus, stelle ich die Spriteflasche ab.
“We can’t walk in there without being married, what would the others think..”
“Right. Oh, my hair is getting wet, the jacket is not big enough!”
“Shut the fuck up.”
Ich kuesse sie unter ihrer weissen Jacke im Regen – und der Rest ist Geschichte.
Sie macht jedenfalls recht gute Sandwhiches.

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