Der Post an Neujahr sollte etwas besonderes sein…
400 Post-Its. Drei dicke Marker-Stifte. Und ein Wort: March.

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Etwas, was ich noch nie gesehen habe, sah ich auf Lorenas Gesicht: Waehrend sie schlaeft, stuerzt sie ihre Augenbrauen in Sorgenfalten. Ich versuchte, schoenheitschirurgisch die Falten zu glaetten, doch nach Sekunden waren sie wieder genauso wie zuvor. Vor ein paar Tagen erzaehlte mir Lorena, dass sie beim Einschlafen manchmal weint, im Hinblick auf das lange erwartete Ende. Das ist die Sache, die wir beide in Kauf genommen haben, als wir die Beziehung mehr oder weniger anfingen: Ich werde nach Oesterreich zurueckgehen, Ende Februar, und sie wird zum Studieren anfangen, nach dem Sommer.

Lange war das fuer mich eine abgehakte Sache, einfach so alles auf Eis zu legen und ab und zu wieder aufzuwaermen, sofern ich das Geld habe, sie zu besuchen. Aber je naeher der letzte gemeinsame Tag rueckt, desto unwirklicher wird die Illusion, “einfach so” weder Schluss zu machen, noch zusammen zu bleiben.
Hier musste ein Plan her.

Mein erster Plan war, nach dem Auslandszivildienst in den Zug nach NYC zu springen, den Motorrad-Fuehrerschein zu machen, eine Maschine zu kaufen, und dann cross-country von New York nach Washington und von dort aus nach Chicago zu fahren, um dann die gesamte Route 66 hinab nach Los Angeles zu duesen, dort zwei Wochen zu bleiben, das Motorrad verkaufen, und nach Hause fliegen.
Meine Eltern ueberzeugten mich jedoch erfolgreich davon, dass es saukalt werden wuerde, im Maerz mit einem Motorrad um noerdliche Breitengrade bei unter 10 Grad Celsius herumzucruisen – in Sachen Gesundheitstipps sind Eltern einfach doch manchmal erfolgreich beim Umstimmen der jugendlichen Umtriebe.

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Ein neuer Plan musste her – und seit langem bluehte diese Idee auf; genauergesagt, seitdem ich vom Museum of Tolerance gefeuert wurde. Seitdem ich dort hinausgeworfen wurde, hat sich vieles in meinem drastisch geaendert: Ich hatte ploetzlich eine Freundin, ich lernte Kanada kennen, ich hatte entspanntere Arbeitsverhaeltnisse, ich bekam eine Moeglichkeit, Franzoesisch zu lernen – relativ ungenutzt – und ich lernte Sharky naeher kennen, den Gangster-Roommate, der mir am ersten Tag Angst einjagte und zum ernsthaften Gedanken fuehrte, gleich wieder auszuziehen. Da ich keine Arbeit hatte und nach dem ewigen Email-Schreiben und Job-bewerben nur auf Antworten warten konnte, sass ich viel im Wohnzimmer herum und tat gar nichts. Sharky hatte als freischaffender Stahlarbeiter Tage, an denen er ueberhaupt keine Auftraege hatte, und sass deshalb ebenfalls zuhause herum.
Und durch diese Wendung des Schicksals lernte ich die Person hinter der dicken Wampe und schweren Silberkette kennen. Sharky entpuppte sich als eine der inspirierendsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Seitdem hatte ich die Idee, mit Sharky gemeinsam ein Buch ueber sein Leben zu schreiben. Als der Roadtrip flachfiel, sattelte ich um – und werde dieses Buch schreiben. Um Sharky mehr kreative und stilistische Kontrolle zu geben, werde ich es auf Englisch schreiben, was meinen Schulnoten und meiner Englischlehrerin zufolge bestimmt nach einer laecherlichen Tollkuehnheit aussieht.
Da ich aber auch nicht ganz auf die Nase gefallen bin – Schulnoten hin oder her – bereite ich mich darauf vor.

Von nun an, dem Jahreswechsel in Los Angeles-Zeit nach, wird jeder Blogpost 2009 in ENGLISCH geschrieben werden. Die paar armen Haeuseln hier, die kein Englisch lesen koennen: Benutzt translate.google.com. An den Rest: Viel Spass beim kritisieren meiner grandiosen Satzkonstruktion.

Zweiterens werden hier bald Reviews von amerikanischen Klassikern landen, die teilweise in Europa komplett unbekannt sind; wer in einer Sache wirklich gut werden will, muss entweder viel Zeit mit Leuten verbringen, die gut darin sind, oder die Werke derer analysieren. Will ich ein Buch in Englisch schreiben, muss ich so viele grandiose Buecher in Englisch lesen wie moeglich.

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So sieht der Plan aus, und an jenem besagten Abend, an dem Lorena mir erzaehlte, dass sie sich nicht damit abfinden koennte, dass ich nach 8. Jaenner tausende Meilen weit weg sein werde, fiel mir nichts besseres ein, als sie mit der Wahrheit zu troesten.
“I will see you .. let’s say .. the next time .. umm.. this year.”
“WHAT? WHEN?!”
“Ummm… in the summer.”
“What month?! Why? For how long?”

Von diesem Moment an dachte ich, dass dieser Neugierde kaum Einhalt zu gebieten war. Nachdem ich einige Male die Macht des Cockpunchens demonstriert bekam, war ich mir sicher, dass ich mich zwischen meinen Genitalien und der Geheimniskraemerei entscheiden musste.

Und da ich Geheimnisse nicht gerne einfach so preisgebe, kaufte ich mir die Post-Its (“I need them as an overview to work on the website, Lorena”), borgte mir die Marker und kritzelte und klebte die Nacht zum Tage – und alles, was Lorena lesen konnte, war die Antwort auf ihre Frage, wann ich sie wiedersehe: March.
Ueberraschungen sind was schoenes.

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