Archive for December, 2008


Canon dachte sich einst, sind wir doch mal ein bisschen lustig und machen wir ein bisschen mehr Geld – und entwickelten eine Objektivreihe, die nur auf bestimmte Canon-Kameras passt. Die EF-S-Reihe.

Ganz klar hatte ich das spezielle Vergnuegen, aus allen X-Millionen verschiedenen Objektivarten natuerlich ein EF-S-Objektiv zu besitzen. Die EOS 300D, die zum Objektiv passte, habe ich gemeinsam mit Lorena durch Eistee heimteuckisch gemeuchelt – und die neue Kamera, eine EOS 10D, die passt natuerlich nicht zum Objektiv. Der Hauptunterschied liegt in einer Ausfraesung der 300D, die es ermoeglicht, dass ein hineingestecktes Objektiv laenger sein kann. Das ist jetzt nicht sexuell gemeint.
Wobei Kameras doch irgendwie sexy sind.
In die 10D mag ich jetzt nichts wirklich hineinfraesen (auch wenn ich ohne zu Zoegern den Fisch in den Ofen stecken wuerde und danach- also gibt es nur eine Loesung: Das Objektiv zurechtzustutzen.

Im Internet finde ich eine Anleitung, wie man das Objektiv kuerzt. Mit Geoff’s Taschenmessersaege eines billigen Leatherman-Klons, ritsch-ratsch, das ueberschuessige Plastik weggemacht, mit dem Messer die ueberstehenden Stummel weggeschnitzt, und das Objektiv eingepasst: Laeuf inklusive Autofokus besser als je zuvor! (Und das liegt nicht an der Vaseline, die ichsicherheitshalber hinzufuegte)


Links die 18-55mm EF-S Linse, in der Mitte ein Gummiring und das abgesaegte Plastikteil, und rechts die offenliegende 10D.

Ich komme auf LAX an. Es ist Samstag Morgen, der ueblicherweise strahlend blaue Himmel von Los Angeles ist zu meiner epischen Enttaeuschung bewoelkt. Im Flieger habe ich einen Slowaken und einen Russen getroffen, die fuer BBC arbeiten und fuer einen Tag nach L.A. fuer einen Filmdreh fliegen – seit dreizehn Jahren haben die beiden Europaer eine Greencard, ich erblasse vor Neid und ueberlege fieberhaft, ob ich mir die Sympathie der beiden mit meinem exzellenten Drei-Wort-Russisch erschmeicheln sollte. In der Gepaeckshalle, in der bald die ersten Koffer auf ihre entspannenden Runden am Fliessband geschickt werden sollten, stelle ich meinen Rucksack ab. Der senkrechte Zippverschluss, der diesen Geniestreich der Transportation frontal teilt, geht langsam auf, und ich stecke das Pokerbuch, das ich im Flieger gelesen habe, hinein, um die Griffel frei fuer einen europaeischen Haendedruck zu haben – als ploetzlich zwei femde Haende meine Huefte greifen und mich herumwirbeln.
Vor mir steht das Maedchen.
Das Maedchen, das ich beinahe nur mehr ueber Skype kenne, bei dessen Anblick ich den Standardgedanken “Wenn ich sie doch endlich wiedersehe” und “Scheisse, ich hasse Beziehungen ueber mehr als 3000km Entfernung habe, das Maedchen, mit dem ich so viele Erinnerungen verbinde.
Es gab kaum eine seltsamere, unwirklichere Situation in meinem Leben, als die beiden Augenblicke, in denen ich dieses Maedchen nach wochenlanger, raeumlicher Trennung wiedergesehen habe.
Lorena.
Und dieses Mal faellt sie mir nicht um den Hals (Umarmungen sind very unsexual), sondern in den Rachen – die kleinen phillipinischen Flughafenkinder neben uns sehen verdutzt dem zuengelnden Wirrwar und schlabbernden Gegrapsche zu.

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Zurueck in die Stonerbude, und ab geht die Party auf dem Teppichboden voller Kotzflecken, Couchpolster-Federn und Asche. Meine Couch ist wieder frei (inklusive Federn), die Kueche wieder bewachsen mit Bergen voll ungewaschenem Geschirr (der Schimmelpilz muss wohl auf Urlaub gewesen sein, zumindest gibt es auf den Tellern keinen), und alles ist wie in der guten, alten Zeit. Hier eine Kompilation der letzten Tage:


So schoen dreckig wie zuvor, da werden romantische Erinnerungen wach…


So laesst sichs leben!


Geil – Cabrio imDezember!


Kino in Westwood mit beruehmtem Tuermchen dran

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Lorena waescht eines Tages innerhalb von 30 Minuten die kompletten Geschirrberge, und kurz darauf saugen wir das ganze Apartment…


Die Clustergranatenreste hier sind Federn aus der allzu dichten Polstergarnitur


Tadaaaaa!

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Knackiger Porno-Santa fuehrt oeffentliche Grapschtutorials mit versauten Assistentinnen im Einkaufszentrum durch


Crossdressing turnt mich ja sowas von an


Beim Versuch, meinen Roommate Geoff von einem Plastikband freizuschneiden, schnitze ich mit der Klinge in meine Fingerkuppe. Zu allem Ueberfluss habe ich auch noch eine Aphte, die das Kuessen besonders stimulierend macht.


In n Out-Burger, wie jeder patriotische Amerikaner.



Die Schule in die Schwarzeneggers Toechter gehen/gingen

Auf der Bartparty in Boston hab ich meinen Torso verkehrt herum aufgesetzt. Hier endlich die Fotos:

Die neue Kamera – EOS 10D – ist geil. Schwarz, schwer, liegt gut in der Hand. Das hoert sich wie einne Dildo-Marketingbeschreibung an, zugegebenermassen.
Das einzige Problem: Mein altes Objektiv passt nicht auf die 10D. Ich nehme eine Broschuere und stanze mit einem Kuli ein Loch in die Mitte. Das Papier vor die rundliche Oeffnung des Kamera-Bodies gehalten und: klick. Extrem Oldschool, eine Lochkamera, bei der das Bild nicht durch eine Linse, sondern eben durch ein Loch gebuendelt wird.


Die brauenliche Faerbung kommt von der Farbe der Broschuere

Die Grenzkontrolle verlaeuft problemlos – ein Wunder – und die Strecke sieht komplett anders aus als im Herbst.

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In Airlington droehnt eine Durchsage durch den Zug, dass die Strecke nach New York City dank eines verheerenden Eissturmes unbefahrbar ist. Umgestuerzte Baeume und freiliegende Hochspannungsleitungen zwingen alle Passagiere, in eine Buskarawane umzusteigen.


Schornstein in der Mitte der Strasse

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Und mitsamt meinem dicken Gepaeck und meiner allzu dicken Jacke verbringe ich die verkuerzte Nacht in New York mal wieder im Kino, wie beim ersten Mal. Ich entscheide mich fuer den neuen Streifen mit Keanu Reeves: The Day the Earth Stood Still.
Ich bin ein grosser Fan dieses Schauspielers, und ueblicherweise ist der Keanu-Reeves-Mythos-Stempel auf dem Filmposter das Aequivalent eines AMA-Guetesiegels. In diesem Fall jedoch nicht: Schlechtes Skript, unausgereifte Charakterentwicklung, miserabel unglaubwuerdige Storyline und starker Hollywood-Kitsch. Ein Film, der klar und deutlich in einem Satz seine Absicht darstellt – Menschen zu einem Umdenken in ihrem Umgang mit dem Planeten Erde zu bewegen – aber dem Zuseher weder Vorschlaege noch Denkzettel zu geben. Da faellt es mir um einiges leichter, New York City in der Frueh wieder zu verlassen.

Immer noch Donnerstag. Ich komme heim, auf der Tuer klebt eine Nachricht von UPS.
Die Kamera. Nach drei Wochen war meine Hoffnung bereits auf die Groesse eines getrockneten Hodens geschrumpft, dass der Texaner, von dem ich die Kamera ersteigerte, die EOS 10D ueberhaupt weggeschickt hat. Anscheinend hat er sie weggeschickt, und anscheinend bekomme ich eine Benachrichtigung, dass sie drei Wochen nach meiner Ueberweisung auch tatsaechlich eingetroffen ist.
“We could not reach you, so we will try to deliver the package tomorrow”, steht am Zettel.

Grossartig – bloss muss ich morgen um 9:30 einen Zug nach New York City erwischen. Ich rufe bei UPS an und bitte darum, das Paeckchen noch am selben Tag abholen zu koennen. Eine Stunde spaeter wird mir eine Voicemail hinterlassen – meine kanadische Wertkarte ist mal wieder auf magische Art und Weise innerhalb einer Woche leer -, in der etwas mit “we stored your package”, “Lachine” und “6:30PM” vorkam.
Meine Schlussfolgerung: Das Paeckchen ist in der Filiale in Lachine, und ich muss es bis halb sieben abholen. Bleibt mir ja noch genug Zeit, denke ich.

Waehrend dem Durchblaettern der ungelesenen Fotografiebuecher, die ich der Bibliothek zurueckgeben muss, komme ich ins Gespraech mit einem Mann neben mir, Nathan, und finde heraus, dass ich ihn schon einmal getroffen habe. Er hat eine kanadisch-amerikanische Doppelstaatsbuergerschaft und gibt mir ein paar Tipps, wie ich als Oesterreicher in den USA arbeiten koennte – bei der Business-Abteilung des jeweiligen Konsulats eine Liste der in der jeweiligen Stadt ansaessigen oesterreichischen Firmen einholen und dann ueberall bewerben.
Ploetzlich ist es 5:30. Ich verabschiede mich, lasse die kiloweise Fotobuecher am Rueckgabe-Tresen liegen, laufe heim, sehe schnell auf Googlemaps nach einer UPS-Zentrale in Lachine, merke mir die Adresse, und ab gehts.

Nach ewigen Transprtations- und Navigationsstrapazen (von den bittersten der ausschliesslich franzoesisch sprechende Busfahrer ist) komme ich um 7:20PM bei der Adresse an. Ein Teppichgeschaeft.

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Ich betrete den Laden und finde zwei aeltere Damen, die zwar wenig Englischkenntnisse, dafuer umso mehr Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft an den Tag legen. “There is no UPS store around here, but let me see if I can find something for you”
Nach 20 Minuten Telefonat mit einer UPS-Heinzin stelle ich fest, dass der Laden etwa fuenf Kilometer weit weg ist, und ich die Zeit nicht mehr habe, die Kamera vor Ladenschluss abzuholen.

Das wiederum bedeutet, dass ich die EOS 10D morgen vor meiner Abfahrt mit dem Zug abholen muss. Morgen werde ich aber als kleines Zusatz-Erschwernis einen 30kg-Koffer, einen Rucksack, einen Sack und einen Reflektor mitschleppen.

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Es ist 6:50. Die mit frueher Rush-Hour-Workforce vollgestopfte U-Bahn faehrt aus der Bonaventure-Station ab. In zweieinhalb Stunden faehrt mein Zug von Montreal nach New York City hier ab. Um zum UPS-Store im Industriepark zu gelangen, muss ich von der Vendome-Station aus mit einer Vororte-Bahn nach Lachine fahren, und zwar nach Fahrplan um 7:11. Ich kaufe mir ein Bahnticket an einem unverstaendlichen Automaten.
7:04.
Ich gehe zum Bahnbereich der Station – keine Schliessfaecher. Shit.
7:06.
Der Typ im Kiosk will meinen Koffer nicht aufbewahren. Nicht mal fuer 5$, und auch nicht fuer 10$.
7:08.
Der Stationsaufseher grinst, als er meine Story hoert und laesst mich meinen Rucksack, Reflektor und Koffer bei ihm im Kammerl einstellen.

Ich erwische den Vororte-Zug. Um etwa 7:25 komme ich in der Lachine-Station an. 30cm Schnee. Ich stolpere einen Abhang hinab, auf eine matschige Strasse, laufe einen Kilometer, bis ein Busfahrer Mitleid mit mir hat und mich fuer die letzten 500m ueber eine Bruecke mitnimmt. Um 7:40 stuerme ich ins UPS-Gebaeude, das um 8 Uhr aufmacht. Das Lager hat bereits offen. Ich haemmere an die Scheibe, klage einem Supervisor mein Leid und bekomme die Antwort “We’ll get someone to the counter for you.”
Bis 7:55 passiert nichts. Shit. Es gibt zwei Zuege zurueck, die irgendwie klappen koennten: Einer um 8:26 und einer um 8:52, wobei letzterer richtig knapp werden wuerde, da ich noch die Zugtickets abholen muss.

Um 7:55 spaziert also ein aelterer Kerl herein und oeffnet die Stube wie in Zeitlupe – seine Arbeitsbedingungen sind bestimmt in Bullettime von den Wachowski-Bruedern konzpiert worden – und gibt mir nach Eintippen aller meiner Daten mit dem langsamsten 2-Finger-System, das ich je gesehen habe endlich das Paket. 7:10. 16 Minuten fuer 1,5 Kilometer im Schnee oder wahlweise Matsch.

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Ich laufe mit halb offenem Schal die Strasse zurueck, sehe ein Auto von hinten kommen, winke – und es faehrt weiter. Beim dritten Mal umdrehen sehe ich einen Truck. Per-Anhalter-Signal, der Fahrer bedeutet mir mit seinen Haenden, dass er zu fahren hat. Auf der Spitze der Bruecke bleibt er jedoch stehen und laesst mich einsteigen. Bis zur naechsten Kreuzung fahre ich zum ersten Mal in meinem Leben per Anhalter mit einem richtig klassischen Truckfahrer.
Kaum aus dem Truck gehuepft, laufe ich, mit der Schachtel unter dem Arm, zum Bahnhof, und erwische den Zug mit Leichtigkeit. Eine knappe Stunde spaeter befinde ich mich in einem silbernen Amtrak-Zug, mit abgestreifter Jacke und umgeben von Gepaeck. Destination: Penn Station, New York City.

In den letzten Tagen stieg die Temperatur nur einmal ueber -10 Grad; und genau das war der Tag, an dem sich alles, aber auch wirklich alles, in Eis verwandelte.

  • Plastiksaecke auf der Strasse, die auf die Muellabfuhr warten, sind von einer Eiskruste ueberzogen. Tritt man sie, zersplittert das wellige Eis in grosse Scherben.
  • Baeume, die vom Stamm bis hin zum kleinsten Ast in einer glasklaren, geleeartigen Schicht aus Eis eingegossen sind, die im Licht der Strassenlaternen wie eine Lichterkette glitzern.
  • Der Himmel so voll von weissem Schnee, dass die gesamte Stadt selbst in der Nacht in ein friedlich-helles Orange getaucht ist.
  • Gehsteige, auf denen ich in Altherrenmanier ausrutsche und mir saemtliche Baender verreisse; ich uebe schon mal fuer Beamten-Berufung und Fruehpension.


Blick von unserem Balkon


Der Baum ist von oben bis unten komplett mit Eis ueberzogen

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Meine Roommates bauten dieses Wochenende doch glatt ein Iglo im Norden von Montreal und uebernachteten zu sechst darin..

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Donnerstag.

Chris und ich erscheinen kurz nach acht Uhr bei der Arbeit – heute stehen zwei Vortraege im Vanier College am Programm. Naomi faehrt uns mit dem Auto zum Campusgelaende, die grosse Schneemenge erstickt jedoch jeden Hoffnungsschimmer auf Verkehrsfluss, und so betreten wir mit 20 Minuten Verspaetung eine gelangweilte Klasse, die unser Zuspaetkommen ausharren musste. Wieder haben wir technische Komplikationen mit dem Beamer.
Normalerweise waere ich ja der erste, der aufspringt und den trotteligen Besuchern zur Hilfe eilt, doch kaum schluepft man selbst in die Rolle eines Gastsprechers, uebernimmt man erstaunlicherweise auch die technische Unfaehigkeit des Durchnschnittsreferenten. Der Vortrag laeuft gut, auch wenn im letzten Drittel einige der Kids hinausspazieren, im Anspruch auf ihre wohlverdiente, stuendliche Pause.
Der zweite Vortrag, eine Stunde spaeter, faengt schon bemerkenswert besser an, als ein huebsches Maedchen erfreut davon erzaehlt, dass sie Deutsch lernt, bevor wir ueberhaupt angefangen haben.

Smalltalk (oder wer sich vor diesem Ausdruck scheut, “lockeres Gespraech” ist der Alternativbegriff fuer die Germanisten unter uns) vor einem Vortrag wie auch einer Museumsfuehrung hat fuer mich grosse Bedeutung gewonnen – kann ich ein paar meiner Zuhoerer im Vorfeld davon ueberzeugen, dass ich ein fescher Kerl mit guten Absichten und eigenem Leben bin, werden genau diese besonders gut zuhoeren. Um dem Vortragenden, den sie gerade etwas naeher kennen lernten, zu imponieren, stellen sie mehr Fragen oder heben ihre Hand oefters fuer Antworten, was wiederum andere Klassenmitglieder vor die Frage stellt:

“Wenn XY diesen Fremden mit seinem Wissen beeindrucken will, muss doch etwas dran sein, dass der cool ist?”
Im Nu kann sich eine soziale Dynamik entwickeln, bei der von den anfaenglichen Verbuendeten im Publikum eine rege Teilnahe an der Diskussion durch den Grossteil der Klasse sichergestellt werden kann.

Dieser Dialog findet natuerlich nur mit der Vorraussetzung statt, dass man ihn auch gestattet und bekraeftigt – ein mittelmaessiger Lehrer, der einen Frontalvortrag haelt, wird nie sonderlich viel Teilnahme von seinen Studenten erwarten koennen; schliesslich gibt er ihnen durch die einseitige Ausrichtung seines Unterrichts nicht einmal die Moeglichkeit, sich einzubringen.

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Am Ende des Vortrags kommt ein Maedel zu mir nach vorne und meint, es waere ein klasse Vortrag gewesen, und ob ich Facebook haette.

Klar, antworte ich, und zuecke einen Stift.
“Do you also have a phone?”
“hm, yeah, I have a cell phone”
Mit den Worten “then take this!” ueberreicht sie mir einen kleinen Zettel, auf den sie ihre Nummer gekritzelt hat. Schuechtern laechelnd watschelt sie davon.

Ich will gerade etwas zu Christian sagen, als das scharfe Maedchen, das Deutsch lernt, zu uns kommt und um unsere Emailadressen fragt. “So that I can practise my German!”
Aber natuerlich.

Sie steht im Tuerrahmen, ich rufe ihr irgendetwas nach, worauf sie Chris und mich ansieht:
” ‘aben Sie eine Kaffeeeeeeee?” Deutsch mit franzoesischem Akzent. Lecker.
“What?”
“Sie, ‘aben Sie ein Kaffeeee?”
“If we have coffee? You mean, if we want to have coffee with you?”
“Yeah, we can go and drink coffee together some day, and just talk a little!”
Riesenluege, sage ich da nur.

Ich finde diese ganzen Vorwaende ja richtig suess, wuerde jedoch aus purer Professionalitaet niemals so einer Einladung folgen. Weshalb Vortragende so begehrt sein koennen, erklaere ich ein andermal.

Boston Day 1 – ein baertiges Vergnuegen

Wer haette es sich gedacht – wie alle Haeuserfronten in Boston sind ebenfalls die von Harvard braun geziegelt. Was ich mir vor meinem Jahr in den USA nie ausgemalt haette, ist die Groesse der Universitaeten in den Staaten. Harvard ist beispielsweise so gross, dass man locker eine halbe Stunde vom einen Ende zum anderen benoetigt – und das bezieht sich ausschliesslich auf den Cambridge-Campus, der rechts abgebildet ist. Kombiniert mit den im Umkreis von einigen Kilometern verstreuten Subcampi verdoppelt sich die rot markierte Campusflaeche.

In Harvard kann man problemlos eintreten und sich umsehen – bloss in die Gebaeude wird man nicht gelassen; zumindest bei der beruehmten Bibliothek (die uebrigens aussieht wie ein gigantischer, roemischer Tempel – in Sachen Imposanz haben die Harvard-Gruender echt nicht gegeizt) muss man einen Harvard Student Pass zuecken, um per Magnetstreifenkontrolle ins Innere zu gelangen. Die Ivy-Liguisten, die wir am Campus treffen, zeigen kaum Merchandising – liegt vielleicht daran, dass es die “Bostonische Sauwetterjacke mit aufgesticktem Harvard-Emblem und Rosshaarfuetterung” noch nicht gibt. Die meisten Gebaeude erinnern an roemische Architektur aus der Antike, lediglich mit inkorporierten Braunziegeln, oder an die laengst vergangene Gruender- und Revolutionszeit der Vereinigten Staaten.

In der Mitte des Campus-Haupteingangs thront Mister Harvard himself auf einem Steinsockel. Die Skulptur zeigt einen Mann in braunem Metall, mit entschlossenem, ernsten Gesicht, im Leben gefestigten Blick, und von den ewigen Touristenfotos goldig geriebene Schuhe. Wir finden einen saftig-gruenen Apfel auf einer Treppe, den ich unverzueglich zu einer Hommage an Isaac Newton verwende: dank der Gravitationskraft zerschmettert es den Apfel nach einer parabolischen Flugbahn. Ach, bin ich doch ein angewandter Wissenschaftler.

Auf der einen Seite des Flusses liegt die Harvard Law School, auf der anderen der Hauptcampus. Direkt neben der steinernen Bruecke finden sich zwei Schlafsaecke am Ufer. Das nieselnde Wetter und das geschlossene Greasy-Spoon-Restaurant treiben uns in eine kleine Fruehstueckskantine – und beim Oeffnen der Tuer ist bereits der Kultfaktor zu spueren, den hochgehypte Mini-Fastfood-Restaurants erhalten: So aehnlich wie es in Los Angeles eine Reihe beruehmter Wuerstchenstaende und Hamburgerbuden gibt, gibt es in Cambridge Loyd’s Diner. Auf den Waenden haengen Gruppenbilder mit Ben Affleck und anderen Celebrities – das Essen schmeckt, wie an allen hippen Kultplaetzen, ganz normal (ausser man tut etwas Kultsosse drauf, das verdreifacht den Geschmacksgenuss).

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Auf der Heimfahrt und Einreise nach Kanada brauchen wir erwartungsgemaess weniger als zwei Minuten. Starker Schneefall macht das Autofahren zu einem einmaligen Erlebnis mit etwa zwanzig Meter Sichtweite und ungeraeumten Freeways. Sieht nach weissen Weihnachten aus – als wir nahe meines Hauses aus dem Wagen steigen, zischt uns die eisige Kaelte von etwas unter minus 15 Grad entgegen, und die Gruppenumarmung gleicht eher einer bibbernden Aufwaerm-Runde.

Schweres moralisches Verbrechen heute Nacht:
Seit zwei Monaten hatten wir eine Maus, die uns aufs saubere Geschirr kackte und unser Gemuese frass. Wir machten Plaene, sie einzufangen und in einem Park auszusetzen. Unsere Plaene gingen aus Undurchfuehrbarkeit jedoch nie auf, daher der freudige Entschluss, eine Mausefalle zu kaufen.
Das klang grossartig heute Mittag, aber als ich das hier dann heute Abend sah, wurde mir schwer im Magen und uebel ums Herz:


Rest in Peace. Na waeh!

Ein Uhr Nachmittags. Auf dem Weg zu einem sogenannten “Greasy Spoon”, einem extrem fettigen und suessen Fruehstueckslokal erzaehlt mir Pete, dass mein Handywecker um 8:20 schrill piepte. Meine drei Mitreisenden, die nach zehn Stunden Roadtrip und Grenzstrapazen todmuede auf den ausgezogenen Couches einschliefen, wurden jaeh aus dem Schlaf gerissen. Das Handy lag mehr oder minder direkt neben meinem Ohr; und waehrend irgendjemand ueber diverse Polster stolperte, um das Ding abzustellen, schnarchte ich seelenruhig weiter. Selbe Szene um 8:40 – alle wachen auf, ausser mir, der direkt neben dem Handy liegt. Peter stellte es ab.

Wenn ich also nicht einmal durch einen durchdringenden Handywecker aufwache, was macht mich dann wach?
Trommelwirbel? Fingernaegel-Kratzer auf einer Tafel? Schreiende Babies? Death Metal auf voller Pulle?

Weit gefehlt: Was mich aufweckt, ist das Stoehnen einer Frau. Im Nebenzimmer wurde wohl fest gerammelt, als ich aufwachte.
Das ist das akustische Aequivalent zum Gutenmorgenblowjob oder einer Tasse voll zuckersuessem Kaffee.

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Der Greasy Spoon ist namensgetreu fettig wie eine Darmspuelung, hat allen Uebeln (die mies gelaunte 200kg-Kellnerin) zum Trotz aber exquisiten Geschmack. Wir begeben uns per Bus in Richtung Downtown Boston. Die Aussenbezirke aendern ihr Aussehen langsam von weiss gestrichenen Haeusern zu braun geziegelten Apartment-Komplexen, je weiter wir zum Stadtkern vordringen. Ueberhaupt ist Boston extrem braenlich in seinem Farbton; abgesehen von den grauen Betonwolkenkratzern sind die erdfarbenen Ziegel ueberall.

Wir treffen eine Couchsurferin aus Boston, Natasha, die uns fuer den Rest des Tages durch ihre Stadt fuehren wird. Wir wandern durch die verschiedensten Viertel (Highlights: Brownziegelston, Ziegelhood Brownes, Braunattan, Santa Ziegelica, Brownywood, Massaziegels), verfallen dem herbstlich-verregneten Zauber der Hafenstadt und entdecken bostonische Eigenheiten, wie folgt:

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Menschen
Die Menschen in Boston sind zu ueberdurchnittlichem Anteil Genies (Harvard-Absolventen wie Natasha, oder MIT-Gurus). Manche treibt das Genie zu irrwitzigen Aktionen, wie zum Beispiel diesem Scooter-Segler.

Eine gern gesehene Tugend ist hier die Geduld:

Tiere
Falls der werte Leser Eichhoernchen-o-phil ist, dann empfehle ich, unverzueglich auf boston.craigslist.org ein Apartment nahe dem Boston Central Park zu erwerben. Die Eichhoernchen sind hier zutraulicher als sonstwo auf der Welt; kaum strecke ich meine Hand aus, springt es an mein Bein und krabbelt meine Jeans hoch. Ein Spass fuer die ganze Familie!

Architektur
Nach Natashas Angaben ist die City Hall, das Rathaus von Boston, das haesslichste Gebaeude in der Stadt – ein zusammengewuerfeltes Kubismuskonstrukt auf Stelzen. Zugegebenermassen, es gibt in dieser Stadt ein paar missratene Betonprojekte, aber der Grossteil der Gebaeude besticht durch Braunziegel-Beauty.
Dadurch, dass Boston an der Ostkueste liegt, sind viele Dinge “europaeischer” als z.B. in Los Angeles. Sprich, die Haeuser haben allesamt ordentliche Spitzdaecher, es gibt Kopfsteinpflaster und vieles erinnert ans 18. Jahrhundert und die Boston Tea Party – wer sich fuer US-Geschichte interessiert, ist in dieser Stadt am Freedom Trail bestens aufgehoben.

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Bei einer Jause in der antik-romanischen Essensorgienmeile Quincy Market komme ich mit Taiwanesen in begrenzt anglophonen Kontakt. Sie fragen mich ganz stolz, ob ich den 101-Tower in Taipeh kenne, und sind ganz entzueckt, als ich als Antwort die Silhouette der zweitgroessten Baustruktur der Welt mit den Haenden in die Luft zeichne. Sie erzaehlen mir von den schoenen Straenden in Taiwan und dem warmen Wetter, und von dem angeblich (im Vergleich mit Festland-China) unzensurierten Internetzugang auf ihrer Insel. Die beiden bringen mir eine handvoll Woerter auf chinesisch und tawanesisch bei – die Sprachen liegen eng beisammen.
Scheisse! = Can!
Zum Abschied schenken die Taiwan-Menschen uns mit breitem grinsen und asiatischer Hoeflichkeit ein magisches Paeckchen. Ich oeffne es, und finde ein 10x10cm-Waermepad darin, das bei Oeffnung der Verpackung warm wird und per eingebauter Klebestreifen am Koerper befestigt werden kann. Das perfekte Weihnachtsgeschenk fuer Verwandte, die sich schon immer eine wenig mehr Waerme auf der Leber wuenschten.

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Abschliessend geht es auf eine Couchsurfer-Party. Das Motto basiert auf einem fuenfwoechigen Vollbartwuchs-Experiment: Baerte ab!

In der Kueche stehen Maedchen mit Rasierapperaten und machen sich an diversen Kinns zu schaffen, waehrend ueber dreissig verschiedene Fotos von den absurdesten Baerten (ueberwiegend Oberlippenbaerte und andere Essensfaenger) ausgedruckt auf den Waenden des Apartments fuer den richtigen Flair sorgen. Ein paar Maedels zeigen Loyalitaet und laufen mit aufgeklebten Baerten herum. Ich habe zwar keinen Vollbart, aber eine Idee, nachdem ich einen Typen mit umgedrehtem Pullover sehe: Ich gehe aufs Klo, ziehe meine Hose aus und verkehrt herum wieder an – sodass der Arsch jetzt vorne ist. Der Pullover kommt auch verkehrtherum wieder drauf, und ab gehts, rueckwaerts, zurueck auf die Party.
Mit dem Hinterkopf reden erfordert ganz schoene Konzentration fuer den Zuhoerer, gerade deshalb, weil ich ja sonst  schon nur murmle.

Aus Versehen stosse ich mit dem Hinterkopf – das im Spiel mein Gesicht ist – einer jungen Dame in ihr richtiges Gesicht. “Oh my god, we just made out!”, ruft sie empoert. Ich meine irgendetwas beilaeufiges von wegen “Ja, dann kuess mich doch eben am Hinterkopf..” – und sie kommt ploetzlich meinem Mund gefaehrlich nahe. Ich reisse meine Kapuze von vorne hoch und stuelpe sie mir ueber das Gesicht. “It’s a facial chastity belt”, japse ich noch, bevor ich davonstolpere.

Mein naechster Gang zum Klo macht das Ganze noch etwas schriller, als ich den Pullover vorne in meine Hose stopfe und einen Arsch nachmodelliere. Jetzt kann ich mich am Arsch respektive den Eiern kratzen, und niemand kennt sich mehr aus – schliesslich habe ich jetzt zwei Aersche, und der echter aussehende ist vorne. Fuer schuechterne Jungs wie mich koennen die folgenden Arschklapser natuerlich eine ganz besonders erregende Erfahrung sein.
Also, Kinder: Hosen umgedreht, Pulloverarsch gebastelt, und die zierlichen Haende werden auf euch herabprasseln!

Seht mal auf die Temperaturanzeige von Montreal. Minus 15 Grad, also known as saukalt.
In unserem Apartment gehen die Renovierungsarbeiten schnell voran – ein bisschen Thermoplastik kaufen, das in einem Zulinder mit Spitze geliefer, auf eine Caulkin-Gun gesteckt wird und fertig zum Abspritzen ist. Unser Apartment besteht aus folgenden drei Hauptsubstanzen:

  1. Waende
  2. Fenster und Tueren
  3. Loecher

Drittestens ist nicht sonderlich empfehlenswert, wenn man nicht gerade Zugluftphysiker ist oder eine Eiskristallkolonie im Wohnzimmer grossziehen will. Die Caulkin Gun, eine Rolle einseitig klebriger Schaumstoff und Plastikplanen helfen dabei aus. Kleine Loecher werden mit der Caulkin Gun im Alleingang gestopft, Ritzen versiegelt. Fenster mit nur einer einzigen Scheibe sind mit einer Plastikplane zu verdoppeln, und alles bewegliche, z.B. unten offene Tueren, haben nichts lieber als ein bisschen Schaumstoffwurst in den Ritzen.


Bei meinen Roommates schon laengst als Tobi Bond bekannt.

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Den Rucksack gepackt, schnell noch nach Los Angeles geskyped, und dann geht es ab zur Radisson-Station im Nahen Osten von Montreal. Pete, mit dem ich schon bei Lake Superior und in Toronto war, ist wieder der Trip-Organisator und faehrt seinen edlen Schlitten – auch wenn  es kein Cadillac sein mag, in Montreal zaehlt alles als Gold, was nicht voller Rost ist.
Ein Franzose namens Marc ist mit von der Partie, ein weiterer Frenchie namens Thomas und zur Abrundung dieses eindeutigen Sausage-Fests ein Maedchen aus Liverpool, Jenny.

Jenny bekam vor dem Trip eine CD namens “Country Love Songs” in die Hand gedruckt. Perfekte Stimmung. Wir verlassen Montreal um 18:00, bis Boston sind es etwa fuenfeinhalb Stunden. Typisches Bild eines langweiligen Roadtrips: Wroom, Pinkelpause, Wroom, Tanken, Wroom, Bauch vollschlagen, Wroom. Waere da nur nicht die amerikanische Grenze…

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Ich strecke meinen Pass nach vorne, den Peter an den Grenzbeamten weitergibt. “Okay, so four of you need a visa. The only one who doesn’t is … Tobias, you have a Q1-visa.”
Q1 steht fuer “Cultural Exchange. Sprich, man zeigt einem anderen Volk das Jodeln, importiert ein paar Liter Hopfen&Malz, organisiert frivole Schuachblattel-Festivals und ist aus dem Schneider. Oder man arbeitet im Museum of Tolerance und laesst andere Laender aus den Fehlern in der Geschichte des eigenen Landes lernen.

Eine Frau kontrolliert meinen Pass noch einmal und laesst mich hinsetzen. Meine vier fahrkumpels stehen derweil an der Theke in dem laenglichen Bueroraum, in dem auf sechs Schaltern Grenzuebergaenger bedient werden. Ein Dutzend Grenzschutzpolizisten sind anwesend. Alles laeuft wie am Schnuerchen. In Boston werde ich in einem Universitaets-Schlafraum bei einem schwulen Freund von Lorena uebernachten – nachdem ich Lorena etwa fuenf Minuten vor meiner Abreise erzaehlte, dass ich noch nicht weiss, wo ich schlafen werde, rief sie ihn kurzerhand an. “Heeey! Whats crackin homes? […] My boyfriend is going to Boston this weekend, can he sleep at your place?”
Ein paar Sekunden spaeter sah ich sie durch das Skype-Videokonferenz-Fenster nicken. Genial, in letzter Minute einen Schlafplatz gefunden. Obendrauf steigt heute Abend auch noch eine Party bei den College-Studenten.

“Sir? What’s that? You are going to stay at a place in Inglewood with a guy that you never met before?”, faucht der Grenzschutzbeamte Thomas an.
“I met him online, on this website, couchsurfing..”
“How comes that ANOTHER person crossed the border earlier today and is staying at the EXACT SAME adress as you in Inglewood?!”
“Well .. that’s a friend of mine, he found another ride, and went earlier…”
“How do you know those people?” Der Beamte deutet in unsere Richtung.
“I also know them from the website…”

Thomas war mir schon am Anfang des Trips etwas schuechtern vorgekommen. Dass er jetzt unter Beschlag des Grenzbeamten geraet, ist gar nicht so optimal.

“Do you carry any weapons with you?”
“No.”
“Drugs? Illegal Substances?”
“No.”
“Weird things like drums or guitars, musical instruments?!”
“… no?”

Die Grenzuntersuchung wird immer mehr eine Farce. Minuetlich wechselt sich der Grenzbeamte am Schalter, und waehrend die Kollegen herumdoesen oder miteinander ueber diese seltsamen Fremdlinge diskutieren, laeuft jeweils einer in das glaeserne Buero des Befehlshabers und berichtet ueber die Gruppe von Leuten, die sich alle gegenseitig nicht wirklich kennen, in eine fremde Stadt fahren, in der sie bei Leuten schlafen, die sie noch nie getroffen haben. Langeweile wuerde in so einem Grenzschutzhaus niemals aufkommen.

Unsere Verdaechtigkeit nimmt ein solches Ausmass an, dass sich Officer Sport (er hat ein Pflaster am Hals und humpelt ein wenig, sieht nach Sportverletzung aus) von Pete die Wagenschluessel geben laesst, um das Auto “zu ueberpruefen”. Eine Minute spaeter betritt er die Huette wieder und meint, er wuerde den Wagen jetzt in die Inspektionsgarage fahren, weil es draussen doch recht kalt waere.

“And who are you?”, meint einer der Polizisten ploetzlich, auf mich deutend.
“I’m with them.”
Vier Reisepaesse liegen auf der Theke, fuenf Verdaechtige sitzen auf der Bank.
“So where’s your passport?”
“Here, I have a visa..”

Der Beamte nimmt es unter Augenschein. Aha. Q1 Visum. Mit welcher Organisation ich diesen Vertrag haette. Museum of Tolerance. Seit Maerz. Ein Jahr gueltig. Gut. Aber halt – wieso ist in dem Reisepass dieses Oesterreichers auch ein kanadisches Visum?

“I’m working in Montreal for the Kleinmann Family Foundation right now…”
“In a charitary organization as the position of a …” – oh, jetzt ist das Schlamassel perfekt.
“Beauty salon attendant. Yes, I think the Canadian border patrol officer made a little mistake when she prepared the visa for me. I think she chose the wrong thing from the list, you know, where the different job positions are listed … I think she clicked Beauty Salon Attendant instead of Archivist or so.”
Er sieht von meinem Reisepass hoch. “Instead of what?”
“Archivist. We prepare data to teach children and students about the Holocaust.”
“Ah.”

Was dann kam, hatte ich schon seit langem erwartet und befuerchtet. Wenn dieser Tobias nun also fuer eine Charity-Organisation in Kanada arbeitet, kann er ja nicht gleichzeitig Cultural Exchange am MOT in Kalifornien betreiben. Und jetzt reist er unter dem Status eines Touristen ueber das Wochenende nach Boston. Irgendetwas ist faul mit diesem Typen.
“I crossed the border a couple of times after changing my job. The border patrols were OK with it. I’m sorry, I don’t know a lot about visas, ..”
“We do neither”, schnauft der Beamte beilaeufig.
Mir wird bedeutet, mich zu setzen.

“.. when you dont work any more you cnt be a Q!, right … ” “it says, Valid until March 2009 ..” “something’s not right here ..”

Ein paar mehr Grenzbeamte gesellen sich zur Diskussion.

“ask someone..” “..see here, I found that Q1 thing..” “you cant enter the country for a year after expiration..” “not possible”

Noch mehr Grenzpolizei.

“status expired” “not on his status any more” “no cultural exchange, no Q1” “has to stay out of the country for a year after expiration”

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Shit… shit… shit… Shit! Ich habe bereits einen Flug gebucht, ich habe eine Freundin in den Staaten, Leute in LA, die ich sehen mag, einen Roadtrip in Planung – wenn ich jetzt fuer ein Jahr nicht mehr einreisen kann, ist das alles hinfaellig.

“Sir, could you come here please?”, meint Officer Sport, der inzwischen den Wagen fertig durchsucht hatte und seine Kollegen. Er sieht mich ausdruckslos an. “Your Q1 visa is expired, since you are not working for the Museum of Tolerance any more and therefore not applicable to the status of a cultural exchange worker.”
Er kramt einen Stempel heraus, tunkt ihn in ein rotes Stempelkissen und plottet ein dickes CANCELLED ueber mein amerikanisches Visum. Die Aufenthaltsgenehmigung, ausgestellt im Februar, liegt bereits herausgetrennt neben meinem Pass.

Bum. Welt zerstoert. Alles kaputt.

“For a year you are not allowed to enter the United States any more under the status of a cultural exchange visa. So please fill out this visitor visa in order to enter the United States of America.”. Officer Sport schiebt mir laechelnd das gruene Formular entgegen.

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Das ist einer der wertvollen Gluecksmomente, in denen sich Welten wenden. Ich fuelle das Visum aus, hole mir von Officer Sport noch ein paar interessante Insiderinformationen ueber den Umgang mit Grenzbeamten und zwanzig Minuten spaeter steigen wir in den durch die Garage aufgewaermten Wagen, einer der Beamten oeffnet das Tor und wuenscht uns noch eine gute Fahrt.

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Um drei Uhr morgens kommen wir in Boston an. Nach langer Suche finden wir Thomas’ Unterkunft, und schliesslich auch die Uni, in der ich schlafen sollte. Doch anstatt eines grossen Gebaeudes sehen wir nur eine dunkle Strasse mit Villen am Eingang des College-Campuses. Mein Handy funktioniert nicht mehr, und die Uhr zeigt halb fuenf.
“I have no idea where the dorm rooms are. I’ll just sleep in the car, if that’s okay with you guys.”

Zwanzig Minuten spaeter parkt Pete den Wagen in einem Vorort, gesaeumt von Reihen viktorianischer Einfamilienhaeuser. Kaum bin ich im Schlafsack und fertig eingepackt, hoere ich Pete von draussen. “I think it’s okay, you can come inside.”
Ein gemuetliches Haus mit fertig hergerichteten, ausziehbaren Couches und einer Reihe dicker Polster. Fuenf Uhr. Boston muss echt das Ende der Welt sein.