Das sollte mein erstes einsames Weihnachten werden. Alle meine Freunde in Los Angeles feiern entweder mit ihrer Familie oder sind ausserhalb der Stadt. Das klingt hart, sollte aber nicht so wild sein. Ich wuerde einfach durch die Stadt laufen und Fotos von den leeren Strassen machen, endlich mal meinen Blog nachholen, der schon vier Tage im Verzug ist, Weihnachtslieder hoeren und die soziale Stille geniessen.

Als Lorena dann doch zusagte, dass ich mit ihrer Familie gemeinsam Weihnachten feiern duerfe, wenn ich mich benehme, war ich froh. Der Spruch “An Weihnachten sollte niemand alleine sein” hat etwas Wahres an sich.
Und so unweihnachtlich das Wetter ist – bewoelkt und zehn Grad plus – so weihnachtlich sind die Vorbereitungen: Wir kaufen uns bei einem iranischen Mini-Supermarkt ein dickes Stueck Fleisch, das wir in der Kueche abliefern, um den Truthahn zu empfangen.

Wie dem Durchschnittseuropaer bekannt sein duerfte, ist der amerikanische Weihnachtstag – 25. Dezember – das Aequivalent zu unserem Weihnachtsabend am Vierundzwanzigsten. Wer sich das nicht merken kann, der erinnere sich einfach an Kevin allein in New York, wo die Kinder aufwachen und am Morgen die Geschenke auspacken.

Der Truthahn ist fett, und dort wo mal der Kopf und Hals war, ist einfach ein grosses Stueck Haut, welches man tief in den Koerper des federlosen genossen druecken kann. Mit einer moerderisch grossen Spritze saugt man nun Wein auf, sticht irgendwo in eine fleischige Gegend, und kann beobachten, wie sich der Truthahn simultan zur niedergehenden Spritze aufblaeht. Drueckt man schnell genug, spritzt einem sogar der Wein aus ein paar Hautporen des Truthahns wieder entgegen. Total romantisch.
Den Wein kann man auch mit Butter mixen, was die Konsistenz und das Spritzverhalten veraendert.
Am Ende hat man dem armen Kadaver dann nen Liter Wein und ein paar Feinunzen Butter in die Blutbahnen gejagt, und er ist reif fuer die Konservaierung und anschliessende Backnacht.
Ich fuehle mich ein wenig wie Doktor Frankenstein.

Fuer ein paar Stunden borge ich mir das Shamu Shuttle und mache in meinem – ja, ganz alleine meins – Apartment die Geschenke fertig. Um 6:50PM bin ich bereit fuer Schritt 1 der Weihnachtszeremonie: In die Kirche gehen. Ich bin katholisch aufgezogen worden, war Ministrant, bin aber vom gueldernen Pfad abgekommen und wurde agnostisch. Ich gehe nicht gerne in die Kirche, ausser ich mag die Messe gerne sehen (wie bei uns zuhause die Weihnachtsmesse), oder um jemandem einen Gefallen zu tun, wie in diesem Fall.
Das Kirchenschiff ist rechteckig und modern, sieht genau gesagt komplett beschissen aus. Die paar Heiligenbilder auf der Wand lassen auch keine richtige Stimmung aufkommen – bloss der kleine Gospelchor aus Altarknaben und -Knaebinnen sowie die Kniefall-Polsterungen in den Baenken zeugen von Kirchenstatus.

Waehrend der Spendenzeit kommen zwei kleine Jungs und eine Dame in den Wechseljahren mit Koerbchen durch die Reihen gehuscht. Der eine Junge ist ein Schulknabe mit Krawatte und Mini-Anzug, blonden Haaren und Schwammerlfrisur, ganz korrekt und aufmerksam.
“Ooooh he is SO cute! Like a little man [meeeean]!”, jauchzt Lorena und zeigt auf den anderen Jungen. Bierbauch mit zwoelf Jahren, rahmenlose Brille, Combover-Scheitel, ebenfalls blond, und einfach zu fett fuer sein Alter. Keine Ahnung, was daran schnuckelig sein soll.

Im Gesangsheft finde ich einen fett-kursiv gedruckten Hinweis:

We believe in the communion of bread and wine. Many do not share our beliefs. If you don’t wish to receive a communion, you can come to the front with crossed arms over your chest to receive a blessing. If you don’t want to receive a blessing or communion, please stay seated and join the singing.

Da haust dich weg, in der Osisris-Position sich als Unglaeubiger outen, haettet ihr wohl gerne!
Als sich so gut wie die ganze Kirche erhebt, um in den Mittelgang zu stroemen, zischt ploetzlich von links, vom Kreuzgang aus: “Exxxxxcuuuuseee meeee!!”
Ich drehe meinen Kopf und sehe diesen erschreckend korrekten Volksschueler im Anzug dastehen, mit seinen Armen fuchtelnd. “Exxxcuuuuseee meeee!!!”, fluestert er gequetscht und mit Beharrlichkeit, deutet mir, in den Mittelgang zu kommen. Ich schuettle den Kopf “It’s fine”
Er wendet sich zur naechsten Reihe. “Exxxcuuuuseee meee!!”
So geht das ganze weiter, bis alle brav in den Mittelgang gekommen sind.

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Nach der Kirche gibt es ein kleines Gettogether mit Katrine’s weiblicher Seite der Familie, ein grosses Dinner (die Fischsuppe war ziemlich salzig) und schlussendlich Bescherung. Lorenas Mama laesst uns ein Spiel spielen, bei dem man mit Wuerfeln zwischen vier verpackten Geschenken waehlen kann – und keiner ausser ihr weiss, was sich in den Geschenken befindet. Nach grandiosen Diebesaktionen (bei einem Pasch kann man sein Geschenk mit einem anderen vertauschen) und subtilem Herantasten an das richtige Geschenk (“Mom, do I really want to get number three? Just as a rhetorical question!”), droehnender Weihnachtsmusik, die wir alle fuenf Minuten wechseln (“Oh my God, I hate that song!”), sind alle Geschenke verteilt und auf allen Gesichter findet man ein Lachen.

Ist doch irgendwie besser, als alleine mit einer Kamera durch die Stadt zu laufen.

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