In den letzten Tagen stieg die Temperatur nur einmal ueber -10 Grad; und genau das war der Tag, an dem sich alles, aber auch wirklich alles, in Eis verwandelte.

  • Plastiksaecke auf der Strasse, die auf die Muellabfuhr warten, sind von einer Eiskruste ueberzogen. Tritt man sie, zersplittert das wellige Eis in grosse Scherben.
  • Baeume, die vom Stamm bis hin zum kleinsten Ast in einer glasklaren, geleeartigen Schicht aus Eis eingegossen sind, die im Licht der Strassenlaternen wie eine Lichterkette glitzern.
  • Der Himmel so voll von weissem Schnee, dass die gesamte Stadt selbst in der Nacht in ein friedlich-helles Orange getaucht ist.
  • Gehsteige, auf denen ich in Altherrenmanier ausrutsche und mir saemtliche Baender verreisse; ich uebe schon mal fuer Beamten-Berufung und Fruehpension.


Blick von unserem Balkon


Der Baum ist von oben bis unten komplett mit Eis ueberzogen

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Meine Roommates bauten dieses Wochenende doch glatt ein Iglo im Norden von Montreal und uebernachteten zu sechst darin..

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Donnerstag.

Chris und ich erscheinen kurz nach acht Uhr bei der Arbeit – heute stehen zwei Vortraege im Vanier College am Programm. Naomi faehrt uns mit dem Auto zum Campusgelaende, die grosse Schneemenge erstickt jedoch jeden Hoffnungsschimmer auf Verkehrsfluss, und so betreten wir mit 20 Minuten Verspaetung eine gelangweilte Klasse, die unser Zuspaetkommen ausharren musste. Wieder haben wir technische Komplikationen mit dem Beamer.
Normalerweise waere ich ja der erste, der aufspringt und den trotteligen Besuchern zur Hilfe eilt, doch kaum schluepft man selbst in die Rolle eines Gastsprechers, uebernimmt man erstaunlicherweise auch die technische Unfaehigkeit des Durchnschnittsreferenten. Der Vortrag laeuft gut, auch wenn im letzten Drittel einige der Kids hinausspazieren, im Anspruch auf ihre wohlverdiente, stuendliche Pause.
Der zweite Vortrag, eine Stunde spaeter, faengt schon bemerkenswert besser an, als ein huebsches Maedchen erfreut davon erzaehlt, dass sie Deutsch lernt, bevor wir ueberhaupt angefangen haben.

Smalltalk (oder wer sich vor diesem Ausdruck scheut, “lockeres Gespraech” ist der Alternativbegriff fuer die Germanisten unter uns) vor einem Vortrag wie auch einer Museumsfuehrung hat fuer mich grosse Bedeutung gewonnen – kann ich ein paar meiner Zuhoerer im Vorfeld davon ueberzeugen, dass ich ein fescher Kerl mit guten Absichten und eigenem Leben bin, werden genau diese besonders gut zuhoeren. Um dem Vortragenden, den sie gerade etwas naeher kennen lernten, zu imponieren, stellen sie mehr Fragen oder heben ihre Hand oefters fuer Antworten, was wiederum andere Klassenmitglieder vor die Frage stellt:

“Wenn XY diesen Fremden mit seinem Wissen beeindrucken will, muss doch etwas dran sein, dass der cool ist?”
Im Nu kann sich eine soziale Dynamik entwickeln, bei der von den anfaenglichen Verbuendeten im Publikum eine rege Teilnahe an der Diskussion durch den Grossteil der Klasse sichergestellt werden kann.

Dieser Dialog findet natuerlich nur mit der Vorraussetzung statt, dass man ihn auch gestattet und bekraeftigt – ein mittelmaessiger Lehrer, der einen Frontalvortrag haelt, wird nie sonderlich viel Teilnahme von seinen Studenten erwarten koennen; schliesslich gibt er ihnen durch die einseitige Ausrichtung seines Unterrichts nicht einmal die Moeglichkeit, sich einzubringen.

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Am Ende des Vortrags kommt ein Maedel zu mir nach vorne und meint, es waere ein klasse Vortrag gewesen, und ob ich Facebook haette.

Klar, antworte ich, und zuecke einen Stift.
“Do you also have a phone?”
“hm, yeah, I have a cell phone”
Mit den Worten “then take this!” ueberreicht sie mir einen kleinen Zettel, auf den sie ihre Nummer gekritzelt hat. Schuechtern laechelnd watschelt sie davon.

Ich will gerade etwas zu Christian sagen, als das scharfe Maedchen, das Deutsch lernt, zu uns kommt und um unsere Emailadressen fragt. “So that I can practise my German!”
Aber natuerlich.

Sie steht im Tuerrahmen, ich rufe ihr irgendetwas nach, worauf sie Chris und mich ansieht:
” ‘aben Sie eine Kaffeeeeeeee?” Deutsch mit franzoesischem Akzent. Lecker.
“What?”
“Sie, ‘aben Sie ein Kaffeeee?”
“If we have coffee? You mean, if we want to have coffee with you?”
“Yeah, we can go and drink coffee together some day, and just talk a little!”
Riesenluege, sage ich da nur.

Ich finde diese ganzen Vorwaende ja richtig suess, wuerde jedoch aus purer Professionalitaet niemals so einer Einladung folgen. Weshalb Vortragende so begehrt sein koennen, erklaere ich ein andermal.

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