Ein Uhr Nachmittags. Auf dem Weg zu einem sogenannten “Greasy Spoon”, einem extrem fettigen und suessen Fruehstueckslokal erzaehlt mir Pete, dass mein Handywecker um 8:20 schrill piepte. Meine drei Mitreisenden, die nach zehn Stunden Roadtrip und Grenzstrapazen todmuede auf den ausgezogenen Couches einschliefen, wurden jaeh aus dem Schlaf gerissen. Das Handy lag mehr oder minder direkt neben meinem Ohr; und waehrend irgendjemand ueber diverse Polster stolperte, um das Ding abzustellen, schnarchte ich seelenruhig weiter. Selbe Szene um 8:40 – alle wachen auf, ausser mir, der direkt neben dem Handy liegt. Peter stellte es ab.

Wenn ich also nicht einmal durch einen durchdringenden Handywecker aufwache, was macht mich dann wach?
Trommelwirbel? Fingernaegel-Kratzer auf einer Tafel? Schreiende Babies? Death Metal auf voller Pulle?

Weit gefehlt: Was mich aufweckt, ist das Stoehnen einer Frau. Im Nebenzimmer wurde wohl fest gerammelt, als ich aufwachte.
Das ist das akustische Aequivalent zum Gutenmorgenblowjob oder einer Tasse voll zuckersuessem Kaffee.

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Der Greasy Spoon ist namensgetreu fettig wie eine Darmspuelung, hat allen Uebeln (die mies gelaunte 200kg-Kellnerin) zum Trotz aber exquisiten Geschmack. Wir begeben uns per Bus in Richtung Downtown Boston. Die Aussenbezirke aendern ihr Aussehen langsam von weiss gestrichenen Haeusern zu braun geziegelten Apartment-Komplexen, je weiter wir zum Stadtkern vordringen. Ueberhaupt ist Boston extrem braenlich in seinem Farbton; abgesehen von den grauen Betonwolkenkratzern sind die erdfarbenen Ziegel ueberall.

Wir treffen eine Couchsurferin aus Boston, Natasha, die uns fuer den Rest des Tages durch ihre Stadt fuehren wird. Wir wandern durch die verschiedensten Viertel (Highlights: Brownziegelston, Ziegelhood Brownes, Braunattan, Santa Ziegelica, Brownywood, Massaziegels), verfallen dem herbstlich-verregneten Zauber der Hafenstadt und entdecken bostonische Eigenheiten, wie folgt:

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Menschen
Die Menschen in Boston sind zu ueberdurchnittlichem Anteil Genies (Harvard-Absolventen wie Natasha, oder MIT-Gurus). Manche treibt das Genie zu irrwitzigen Aktionen, wie zum Beispiel diesem Scooter-Segler.

Eine gern gesehene Tugend ist hier die Geduld:

Tiere
Falls der werte Leser Eichhoernchen-o-phil ist, dann empfehle ich, unverzueglich auf boston.craigslist.org ein Apartment nahe dem Boston Central Park zu erwerben. Die Eichhoernchen sind hier zutraulicher als sonstwo auf der Welt; kaum strecke ich meine Hand aus, springt es an mein Bein und krabbelt meine Jeans hoch. Ein Spass fuer die ganze Familie!

Architektur
Nach Natashas Angaben ist die City Hall, das Rathaus von Boston, das haesslichste Gebaeude in der Stadt – ein zusammengewuerfeltes Kubismuskonstrukt auf Stelzen. Zugegebenermassen, es gibt in dieser Stadt ein paar missratene Betonprojekte, aber der Grossteil der Gebaeude besticht durch Braunziegel-Beauty.
Dadurch, dass Boston an der Ostkueste liegt, sind viele Dinge “europaeischer” als z.B. in Los Angeles. Sprich, die Haeuser haben allesamt ordentliche Spitzdaecher, es gibt Kopfsteinpflaster und vieles erinnert ans 18. Jahrhundert und die Boston Tea Party – wer sich fuer US-Geschichte interessiert, ist in dieser Stadt am Freedom Trail bestens aufgehoben.

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Bei einer Jause in der antik-romanischen Essensorgienmeile Quincy Market komme ich mit Taiwanesen in begrenzt anglophonen Kontakt. Sie fragen mich ganz stolz, ob ich den 101-Tower in Taipeh kenne, und sind ganz entzueckt, als ich als Antwort die Silhouette der zweitgroessten Baustruktur der Welt mit den Haenden in die Luft zeichne. Sie erzaehlen mir von den schoenen Straenden in Taiwan und dem warmen Wetter, und von dem angeblich (im Vergleich mit Festland-China) unzensurierten Internetzugang auf ihrer Insel. Die beiden bringen mir eine handvoll Woerter auf chinesisch und tawanesisch bei – die Sprachen liegen eng beisammen.
Scheisse! = Can!
Zum Abschied schenken die Taiwan-Menschen uns mit breitem grinsen und asiatischer Hoeflichkeit ein magisches Paeckchen. Ich oeffne es, und finde ein 10x10cm-Waermepad darin, das bei Oeffnung der Verpackung warm wird und per eingebauter Klebestreifen am Koerper befestigt werden kann. Das perfekte Weihnachtsgeschenk fuer Verwandte, die sich schon immer eine wenig mehr Waerme auf der Leber wuenschten.

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Abschliessend geht es auf eine Couchsurfer-Party. Das Motto basiert auf einem fuenfwoechigen Vollbartwuchs-Experiment: Baerte ab!

In der Kueche stehen Maedchen mit Rasierapperaten und machen sich an diversen Kinns zu schaffen, waehrend ueber dreissig verschiedene Fotos von den absurdesten Baerten (ueberwiegend Oberlippenbaerte und andere Essensfaenger) ausgedruckt auf den Waenden des Apartments fuer den richtigen Flair sorgen. Ein paar Maedels zeigen Loyalitaet und laufen mit aufgeklebten Baerten herum. Ich habe zwar keinen Vollbart, aber eine Idee, nachdem ich einen Typen mit umgedrehtem Pullover sehe: Ich gehe aufs Klo, ziehe meine Hose aus und verkehrt herum wieder an – sodass der Arsch jetzt vorne ist. Der Pullover kommt auch verkehrtherum wieder drauf, und ab gehts, rueckwaerts, zurueck auf die Party.
Mit dem Hinterkopf reden erfordert ganz schoene Konzentration fuer den Zuhoerer, gerade deshalb, weil ich ja sonst  schon nur murmle.

Aus Versehen stosse ich mit dem Hinterkopf – das im Spiel mein Gesicht ist – einer jungen Dame in ihr richtiges Gesicht. “Oh my god, we just made out!”, ruft sie empoert. Ich meine irgendetwas beilaeufiges von wegen “Ja, dann kuess mich doch eben am Hinterkopf..” – und sie kommt ploetzlich meinem Mund gefaehrlich nahe. Ich reisse meine Kapuze von vorne hoch und stuelpe sie mir ueber das Gesicht. “It’s a facial chastity belt”, japse ich noch, bevor ich davonstolpere.

Mein naechster Gang zum Klo macht das Ganze noch etwas schriller, als ich den Pullover vorne in meine Hose stopfe und einen Arsch nachmodelliere. Jetzt kann ich mich am Arsch respektive den Eiern kratzen, und niemand kennt sich mehr aus – schliesslich habe ich jetzt zwei Aersche, und der echter aussehende ist vorne. Fuer schuechterne Jungs wie mich koennen die folgenden Arschklapser natuerlich eine ganz besonders erregende Erfahrung sein.
Also, Kinder: Hosen umgedreht, Pulloverarsch gebastelt, und die zierlichen Haende werden auf euch herabprasseln!

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