[Epiphanie]: Geistesblitz, Erleuchtung, Eingebung

Alle wichtigen Tage des Lebens beginnen im Badezimmer: Ich stehe vor dem Spiegel, meinen knabenhaften Bartwuchs kritisch pruefend, mit einem offenen Gel-Tiegel in der Hand, fertig, meine Haare gegen die Wuchsrichtung zu scheiteln. Heute soll ich ganz fein ausschauen. Schwarzes Hemd, violette Krawatte, blaue Jeans und braune Schuhe aus echt gefaelschtem Naturleder.
Ich soll die oesterreichische Generalkonsulin treffen. Es ist der dritte Dezember 2008, ein Tag um die null Grad herum, 11 Uhr morgens soll das Treffen stattfinden. Im elften Stock eines Hochhauses werde ich fuendig: Consulat Général d’Autriche steht in metallenen Lettern neben der Tuer.
Die Konsulin empfaengt mich – eine nette Dame um die 50, mit roten Haaren, leicht erkaeltet, grosses Buero mit schwerem Eichentisch und Blick auf die Innenstadt. Der Sprache nach eine echte Wienerin. Zwischen uns stehen zwei Tassen schwarzer Kaffee. Dieser schmeckt ausnahmsweise einmal gut, weil er aus der Steiermark importiert wurde und sich somit von den ekligen Kaffees in Montreal abhebt.
Wir sprechen ueber Kunst und das Schloss Schoenbrunn, ueber meine Arbeit und ihre Diplomatenkarriere, ueber das Leben und die Psychologie, und auf die Frage hin, was ich nach meinem Auslandszivildienst machen will, meine ich:

“Weiss ich ehrlich gesagt noch nicht so genau. Ich werde wahrscheinlich studieren; entweder Fotografie, Kunst oder Film, oder Psychologie. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich mein Leben lang Kuenstler sein werde.”

“That’s a little breit gefaechert!” – die Konsulin mischt Deutsch und Englisch gerne im selben Atemzug.

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Auf dem Weg zurueck in die Arbeit sehe ich im Augenwinkel ein paar Buecher. Hinter einem kleinen Regal am Gehsteig befindet sich ein Buecherladen, kaum groesser als zwei Wohnwaegen, in dem man gebrauchte Buecher kaufen kann. Auf dem Strassen-Regal steht ein Buch zur “Graphic Design Company Founding”. 38.50$ laut dem Sticker auf der Rueckseite. Das Buch ist definitiv gebraucht, vielleicht hat sich ja etwas am Preis geaendert.
“Is this book really 38 bucks, sir?”
Der Buecherverkaeufer, ein ergrauter Mann mit lebendigem Gesicht, sieht mich aus seiner kleinen Nische hinter der Theke an.
“No. This book is-”
Seit Tagen zerbreche ich mir den Kopf, was ich Lorenas Mutter und Bruder schenken soll, und in diesem Laden werde ich fuendig.
“This book is two bucks. Nothing in here is thirty-eight dollars.”

Mit drei Buechern verlasse ich den Laden – das billigste fuer mich, die anderen beiden sind Weihnachtsgeschenke. Es folgt ein normaler Arbeitstag bis sechs Uhr Abends, und wie sonst auch immer fahren wir unsere Mac-Arbeitsstationen herunter, gehen ins Vorzimmer, ziehen uns die Schuhe an, streifen die dicken Jacken ueber und wickeln die Schals um unsere Haelse, als ich ploetzlich stocke. Ich habe etwas vergessen, laufe zurueck ins Buero, fahre das iBook hoch und sehe auf meinen Google-Calender.

Die heutige Eintragung zeigt in dunkelrot ein Meetup.com-Filmfan-Treffen: Der neue Blockbuster mit Tom Cruise, Valkyrie.
In diesem Streifen spielt Tom Cruise den jungen Grafen von Stauffenberg, der sich mit einer Gruppe von militaerischen Obrigkeiten gegen Hitler verschwoert und das beruehmte Attentat veruebt – und scheitert.

Das Kino ist direkt ueber der Station Atwater. Keine Ahnung, welcher Ausgang der richtige ist.
Ich frage ein paar streitende, ziemlich harte Hip-Hopper. Riskant, aber darin liegt ja der Nervenkitzel.
“Hey, do you guys know where the cinema is?”
Sie drehen sich um zu mir. Einer macht einen Schritt in meine Richtung. “Let’s get this guy!”
Dann lacht er laut, winkt ab und zeigt mir, wie ich zum Kino komme.

Ich laufe. Neun Minuten zu spaet. In einer Premiere gibt es bestimmt keine Werbung. Zwoelf Minuten.

Im Kinofoyer ist ein grosser Teil mit einer temporaeren, weissen Wand abgeschirmt. Im Hall der glaesernen Waende des Einkaufszentrums hoere ich “Two-fifty. Two-seventy. Do I hear two-ninety? First, second, ah, thank you, two-ninety. This beautiful portrait. Do I hear…”
Eine Auktion mit eifrigen Geldausgebern im Publikum.
treffe den Organisator des Treffens, der gerade mit einem Maedel blubbert. Seine Stirn ist voll unterschwelliger Akne, sein Haar ausgeduennt und wenn ich mir jemanden an der Kante des Burnout-Syndroms vorstelle, dann ist er einer der Kandidaten. Dem Gespraech entnehme ich, dass er scheinbar einst ein Profi-Tennisspieler war und jetzt ein erfolgreicher Regisseur ist (vielleicht Werbefilme?). Er erzaehlt davon, was fuer ein Saftsack Jean Penn, und wie freundlich Johnny Depp ist.
“You can run across the street and shout Johnny Depp!!, and he will stop and literally talk fifteen minutes to you. He’s just so friendly.”

Der Film beginnt im flimmernden Kargland der nordafrikanischen Wueste. Man sieht Soldaten in einem Lager herumlungern, Tom Cruise den Krieg verfluchen, als ploetzlich alliierte Jagdflieger aus dem wolkenlosen Himmel brechen und das Lager beschiessen. So gut wie alle sterben. Die letzte Einstellung zeigt Stauffenberg auf dem Bauch liegen, sein Uniform von Schrapnellen zerfetzt, sein halbes Gesicht im Staub eingegraben.
Schnitt: Eine Staffel aus uralten Personentransport-Flugzeugen steuert ueber einen Nadelwald. Gigantische Flugzeuge aus Blech, die Kamera schwingt ruckelig durch die Formation. Ein Flugzeug taucht aus dem unteren Bildteil auf … und mit einem Mal wird mir klar, was ich will. Innerhalb von einem Moment erfuellt sich mein Ziel, das ich mir fuer mein Jahr gesteckt hatte: Herauszufinden, was ich mit meinem Leben machen moechte.

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Dinge aufzuschieben, ist ueblicherweise nicht mein Ding. In Sachen was-will-ich-tun sollte man sich aber mindestens so sicher sein wie beim Heiraten; schliesslich investiert man eine Menge Zeit in das Erlernen und Fuss-fassen eines bestimmten Handwerks – und sollte man nach vier Jahren Pharmazie realisierne, dass man doch lieber Aktienbroker werden moechte, dann kann man wieder von vorne anfangen.
Der Auslandszivildienst gibt mir einen gewissen Aufschub, mich fuer eine Studienrichtung oder Arbeitsfeld zu entscheiden. Ich wusste, wenn ich ein weiteres Jahr habe, in dem ich mein Leben in beinahe kompletter Freiheit leben kann, dann werde ich durch irgend etwas herausfinden, was ich moechte.
Herausfinden, was ich will.
Herausfinden, was ich werde.
Herausfinden, worin ich gross werde.
Herausfinden, fuer was ich nicht vergessen werde.

Ich bleibe nach dem Film mit angezogenen Knien und geschlossenen Augen noch lange sitzen, waehrend die Credits zu wunderschoener Musik unbemerkt an mir vorbeiziehen.
Als ich den Kinosaal verlasse, ist die schallend-schnelle Auktion immer noch im Gange. Ich finde mein zerknuelltes, blaues Ticket in meiner Hosentasche. Dieses Kinoticket habe ich mir aufgehoben. Um mich an den Tag zu erinnern, an dem ich den Beschluss gefasst habe.

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Ich werde Regisseur.

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