Es gibt diese grandiosen Einfaelle, aus denen Nationen entstehen, einst unheilbare Krankheiten besiegt werden oder glaenzende Discokleider aus laengst vergangenen Zeiten gekauft werden.

Ich persoenlich als Gutmensch entschied mich fuer letzteres und erhandelte um 24$ eine praktische Windjacke mit aufgestickten Reflektoren in Diamantform. Die Jacke ist von so umwerfender Schoenheit, dass ich sie ohne Zoegern zum Ausgehen anziehe. Meine Motivation ist durchaus fundiert, auch wenn ich freiwillig aus der offenen Beziehung mit Lorena nach fuenf Wochen Intensivkurs “Vaginaldenken” in Los Angeles eine geschlossene Beziehung gemacht habe, haelt mich das nicht vom scheinheiligen Flirten und Popoklopfen ab. Popoklopfen ist aber das Maximum, weiter gehe ich nicht. So zumindest mein Vorsatz.

Es ist ein Uhr dreissig. Wir tanzten schier unglaublich lange in einer Bar namens “Gogo Lounge”. Auf Franzoesisch muss Gogo etwas anderes heissen als auf Englisch, zumindest habe ich keine leichten Maedels und schwere Stangen gesehen. All die Freunde, die auch beim Umzug geholfen haben, verschwinden, und es bleiben ich und Michka. Vor ein paar Stunden erzaehlte er mir von seiner Fantasie, ein Maedel mit blonden Haaren und einem roten Weihnachtsmann-Kostuem flachzulegen – und ich sehe ploetzlich ein Maedel mit blonden Haaren und einem riesigen, roten Schal. Good enough.

“Yeah, she’s pretty cute, but .. I don’t know. I have to pick up my bike tonight, so we should go there.”
“Sure, whatever you want, Michka. I’m not the one who wants to get chicks tonight.”

Michka passiert das Maedel und beinahe sieht es so aus, als waere die Geschichte hier zu Ende – doch dann, PAH-PAH-PAH!, schlaegt Disco Stu zu.

“Nice. The red scarf is fitting your blonde hair very decently.”
Billig, denkt sich der Leser. Doch Disco Stu kann billiger als ein geiziger Australier sein und trotzdem damit davonkommen.
“Oh, thanks, umm, that’s a really cool jacket!”, meint sie und deutet auf meine glaenzend strahlende Umhuellung.
“Thanks! Honestly, this guy over here, Michka, he made it.”
“Ooooh, no-no-no-no, I did not make that. No, not me!”, meint er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Das Maedchen mit dem roten Schal, im folgenden Rotkaeppchen genannt, lacht und grapscht Michka in das Glacis der Nippel.
Rotkaeppchens Freundin, Schneeweisschen (wegen dem weissen Schal), beendet ihr Gespraech mit dem Kerl, der schon seit knappen zwei Stunden versucht, in ihre privaten Gemaecher zu gelangen, und beginnt mich anzutratschen. Die beiden laden uns nach ihrer Rauchpause ein, wieder mit ihnen in die Bar zu gehen – Michkas Hoden signalisieren ein zusammengezogenes JA, und ich als radikaler Cockblockgegner ziehe natuerlich mit meinem Freund zurueck die warme Gebaermutter der schnelllebigen Beziehungen.

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Es gibt in der Mode nichts attraktiveres als das Schrillste vom Schraegsten, solange es mit dernoetigen, trotteligen Unverfrorenheit getragen und ausgenutzt wird. Ich spuere die maennlichen Schulterklopfer und Brustboxer im Minutentakt pochen, begleitet von “Hey man, that’s an awesome Jacket!”.
Auf die Frage, wie viel ich dafuer geblecht habe (900$ man?!), winke ich ab und meine, ich werde den Preis nicht nennen – ich moechte schliesslich nicht mit meinem Geld angeben.

Das Schoene am Aufreissen-Gehen ohne Verlangen ist, dass man sich alles erlauben kann, ohne sich die Konsequenzen (naemlich Abscheu) allzusehr zu Herzen nehmen zu muessen. Popoklopfen hat da Prioritaet, speziell wenn es zwei simultane, schallende Arschwatschen sind, die mich ohne viel Zoegern sofort aus der Gruppe aus 30-jaehrigen Maedchen hinausbefoerdern, die mir vor kurzem noch kecke Kommentare zuwarfen.

Michka fragt mich, ob ich mit Schneeweisschen die Polka trampeln will, und ich willige keusch ein. Das Maedchen hat mich ein bisschen zu gerne, und ich bemerke einen aehnlichen Effekt wie bei den Schwulengeschichten:
Je mehr ich versuche, kein Interesse zu zeigen, aber trotzdem freundlich zu bleiben, desto mehr werde ich belagert.

Schneeweisschen hat mich zwar nach keiner Nacktfotografie gefragt, aber das ehrlich-betrunkene “It’s soooo nice to meet you” war dann doch etwas zu viel des guten.
Als meine Herzensdame eine rauchen geht, erzaehlt sie mir von ihrem 2-jaehrigen Job als Entertainer auf eine Cruiseship. Zwei Jahre absolut freie Kost und Logis, unversteuertes Einkommen auf internationalen Gewaessern und endloses Reisen mit wenig Ausgaben, umgeben von schrumpligen Senioren mit grossen Herzen und entleerten Bankkonten – das ist die Art von Leben, die ich mir irgendwo vor, zwischen oder nach dem Studium vorstelle. Schneeweisschen bietet mir an, mich in Kotakt mit ihrer ehemaligen Cruisegesellschaft zu setzen.
Die Vorstellung, dass ich diese (bereits seit langem existierende) Idee umsetzen koennte, eben genau wegen der Kausalkette die ihr in diesem Post gelesen habt, bereitet mir schieres Vergnuegen an den Strudeln des Zufalls.

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Nach einem Barwechsel in einen wahnsinnig geilen Club mit heissen Frauen und keinem Eintritt – typisch fuer Montreal’s Boulevard St. Laurent – gestehe ich meinem Maedchen, dass ich eine Freundin habe und nicht weiter gehen werde. Im Hinterkopf gruselt mir es immer noch vor den Haendchenhalt-Versuchen, die ich in die Gentleman-Arm-Einhak-Geste umwandelte, und die Kommentare wie “We could go alltogether to your place, to chat and to drink, and then we could take a cab home”. Gut gemeint, aber ich habe meinen Sexdrive 3000 Meilen westwaerts geschickt.

Die Hiobsbotschaft laesst ein zaghaftes Laecheln mit einem “Oh, that’s ok, I’m not a sex monster or so” sehen, doch nach einem kurzen Toilettenbesuch bestellt sich das arme Ding einen doppelten Whiskey und verfaellt beinahe einem 50-Jaehrigen Goldketterltraeger.
Um drei Uhr Frueh wuensche ich der Belegschaft eine Bon Nuit und laufe in meiner Discojacke davon.

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