Meine Fenster sind immer noch undicht in Kaeltebeziehungen. Auf der Suche nach einem Verhuetungsmittel gegen Aussentemperaturen finde ich zwar keinen Baumarkt, aber dafuer eine hippe Bar im Schwulenviertel. Das Restaurant praesentiert sich in einem 70er-Design, das durch die Farben Gelb, Rot und Silber besticht, hat abgerundete Fenster nach aussen hin, durch die man lustig tanzende Lichterreihen in GayVillage-sinngemaesser Regenbogenanordnung unter dem Vordach sieht. Die Lichter erinnern mich an ganz klassische Kinos, die im Eingangsbereich noch die Decke voller Gluehbirnen hatten.
Ich setze ich mich auf einen Zweier-Tisch, direkt neben den Grund fuer mein Eintreten: Ein Tisch voll heisser Maedels… oder Transvestiten. Entweder wird meine Wahrnehmung so truebe, oder die Crossdresser-Methoden so ausgefeilt:
Da waeren mal die engen Taillien, die eigentlich nur echte Frauen haben. Ein paar von ihnen haben seltsame Stimmen, was wieder die Transvestitentheorie bevorzugen wuerde, glanzvoll von einem durch die Bank uebertriebenen Makeup unterstuetzt. Die insignifikant normalgrossen Haende lassen mich wieder im Dunkeln tappen – und als die Ladies den Laden verlassen, weiss ich genauso viel wie zuvor.

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Zumindest bleibt in diesem Regenbogen-Restaurant genug Zeit, das Buch von Michael Grecco fertig zu lesen, und ich bringe es zur Bibliothek zurueck.

Anscheinend hat nur ein Teil des Erdgeschosses geoeffnet, also beginne ich aus Neugierde die dort spaehrlich bestueckten Regale zu durchstoebern. Bei “Photographie” drehe ich in eine Seitengasse ein, lande aus Versehen in der Psychologie-Abteilung und finde mich ploetzlich mit einem Buch namens “Men in Bed” konfrontiert. Eine Sexualtherapeutin namens Barbara Keesling schreibt aus der Sicht einer recht MILF-igen Frau ueber die maennliche Imperfektion. “Erektile Dysfunktion”, “Schlappschwanz”, “Orgasmusstoerung”, “Impotenz” – das sind nur eine kleine Auswahl jener bedrohlichen Worte, die die Kraft eines Kriegers am Empfindlichsten treffen. So, als wuerde man ihn auf den Cock punchen, wie nebstehendes Video illustriert.

Will Frau am Selbstbewusstsein eines Mannes saegen, braucht sie nur negatives Performance-Feedback geben – und der Kollateralschaden ist gewiss. Penis-Inkompetenz ist ein absolutes Tabuthema nebenbei, und ich spielte schon mit der Idee, einen ausgedehnten Blogpost darueber zu schreiben. Das erspare ich meiner Oma jetzt aber, und mache lieber ein weltweites Outing, sobald ich Praesident bin.
Vernarrt in die Lektuere, setze ich mich in einen der riesigen, schwarzen Polstersessel und beginne zu lesen. Anzumerken ist, dass das Buch ja eigentlich fuer Frauen geschrieben ist – und demnach mindestens genauso geheimnissvoll zu sein scheint wie die beruechtigten Sexratgeber in Cosmopolitan.

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“Was, wenn er ihn nicht hochkriegt?”
“Was, wenn er zu frueh kommt?”
“Was, wenn er gar nicht kommt?”

Nach wenigen Seiten bin ich von ueberragender sachlicher Kompetenz der Autorin ueberzeugt, ganz im Gegenteil von den Amateurschnepfen in der Cosmopolitan, die sich ihre treffenden Headlines mit einen Baukasten aus 10 Woertern zusammenkleistern und den atemberaubenden Inhalt aus Kochrezepten herstellen, in dem die Worte “Kuchen”, “Eier” und “10g Zucker” einfach mit “Orgasmus”, “Eier” und “10g Zucker” ersetzt wurden.

Das Buch ist dermassen derbe gut fuer das maennliche Selbstbewusstsein, dass ich es ohne Zoegern jedem x-beliebigen, maennlichem Leser empfehlen wuerde, unabhaengig, ob er in Friedensverhandlungen mit seinem Penis steht oder nicht.

Bei Saetzen wie “He would become completely aroused from a single breeze of a ceiling fan”, oder“His parents referred to his genital as ‘little peeny wheeny’ ..”, und “he couldn’t have an orgasm unless he imagined beating his penis against a cupboard” ,
unterbreche ich ungeziemt die Totenstille der Bibliothek mit schallendem Gelaechter.
Einmal merke ich den Blick eines Maedchens von einem nahen Tisch, nachdem ich laut loslache. Ich halte ihr symbolisch den Buchtitel entgegen, woraufhin sie rot wird und sich grinsend wieder ihrer Recherche widmet.

Ebenfalls empfehle ich dieses Buch ohne Einschraenkung jeder Frau, die somit eine realistische Sicht von maennlichen Penis-Problemen und deren Loesung erhaelt, und sich in Zukunft nach einer Begegnung mit einem schlappen Schwanz nicht um ihre untaillierte Taillie oder Oberschenkel-Cellulites Sorgen machen, und zum Trost einen Monatsvorrat an Klopapier, Schokolade und Frauenzeitschriften kaufen muss.

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Fazit: Wahrscheinlich bin ich so wie jeder andere Mann und vermute aus Mangel an Weitsicht einfach, zufaellig als erster den Stein der Weisen gefunden zu haben – ueber solche delikaten Themen spricht Samuel Joseph Wurzelbacher ja meist nur mit sich selbst.

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Um Mitternacht, nach 97 froehlich verdauten Seiten Maennerproblemen, einem von beiden Parteien unterzeichneten Penis-Friedensvertrag in der Hand und dem vorsorglich ausgeborgten Buch unterm Arm, verlasse ich die Bibliothek – um von einem Freudentaumel in den naechsten zu fallen: Es schneit! YESSS! Das heisst, bald kann ich endlich vor meinen Wiener Genossen mit dem Wetter angeben!
Ich laufe durch die Strassen, wirble Schnee auf und huepfe herum, rutsche auf einem Granitblock aus und schuerfe mich an dessen Kante auf, ignoriere mit strahlendem Gesicht den Schmerz und laufe weiter. Ich werde in eine naechtliche Schneeballschlacht verwickelt und kann mal so richtig wieder ein kleiner Junge sein, der komplett sorgenfrei durch die tanzende Flockenmenge huepft.

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Wer haette sich das vor 7 Monaten gedacht – dass ich in diesem Blog doch glatt einmal ueber Schnee schreibe. Well, ich dachte mir das zum Beispiel. Am Flughafen Heathrow, voller Aufregung auf dem Weg nach Los Angeles, traf ich einen Kerl, der in Los Angeles Snowboards verkaufte, und zwar zwecks recreational purposes auf Big Bear, einem Skigebiet in Kalifornien.

Nun, Dinge liefen nicht, wie sie geplant waren, und nun schreibe ich ueber kanadischen Schnee, ja gar franzoesischen Schnee. Bon, bon, Bonbon!

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