Election Day. 4. November 2008.

Ich tuckere mit Lorena im Shamu (so nennt sie ihren Minivan/Fette-Menschen-Auto/Familientransporter, vergleichbar mit den Orcas in Seaworld) fruehmorgens zu einem Elektronikgeschaeft, in dem Wahlkabinen eingerichtet wurden. Obwohl es erst 7 Uhr in der Frueh ist, stehen wir 15 Minuten Schlange, waehrend denen sie vor Aufregung ausrastet und die domokratenblauen Fingernaegel schillern laesst. Schlangestehen macht muede, also setzt mich Lorena ab und faehrt zur Schule.

Etwas spaeter wache ich erneut auf, ein Stueck Speck ueber meinem Gesicht baumelnd. “Want some bacon?”, meint Brad.

Amerikanischer Bacon, in Fett triefend, frisch aus der Pfanne … so beginnt man einen guten Tag, keine Frage.
Kyle kommt mit einem fetten Sack voller Suessigkeiten und einem Pappschild unterm Arm in das Apartment gestolpert. Kyle ist, objektiv gesehen, der wohl gmiadlichste Gschmuftel von allen. Fuer mehrere Tage war ich mir sicher, er wuerde mit uns wohnen – jedes Mal wenn ich das Apartment betrete, sitzt er in einem der Sessel und chillt – aber eigentlich wohnt er einen Stock ueber uns.

Suessigkeiten und Zeichenflaeche sind gleich nach amerikanischem Bacon mein politischer Treibstoff. Eine Stunde spaeter protzt “OBAMARAMA” von unserem Balkon. Mehrere Leute tanzen auf unserem Balkon herum und schwingen “No on 4 and 8”-Schilder, schreien “OBAMAAAA”, und haben fette Mucke laufen. Autofahrer hupen beim Vorbeifahren – in den USA ein Zeichen der Unterstuetzung. Oftmals stehen Leute mit politischen Kampagnen-Schildern am Randstein, und findet man die Kampagne cool, drueckt man feste auf die Hupe.


Die demokratenblaue Kampfbemalung samt kurzgeschnibbelten, emodunkel-gefaerbten Haaren

Lorena holt mich ab und hat – wie zwei andere Tage in der Woche – einen Carpool im Gepaeck. Ein Carpool, oder Rideshare, ist ein Fahrzeug mit mehreren Passagieren, die z.B. aus der selben Nachbarschaft zum gleichen Arbeitsplatz, Schule usw. fahren. In diesem Fall besteht der Carpool aus 1-7 zusaetzlichen, qurligen Maedchen, die die ganze Zeit kichern und mich ganz toll finden.
Auf Wikipedia bekommt man unter Carpool ein sehr interessantes Werbeplakat aus den 40ern zu sehen…:
Gemeinsam mit den Carpool-Maedels duesen wir zum nahegelegenen Mormonentempel, bei denen die konservativen Weicheier Yes-for-8-Schilder am Strassenrand herumschwenken, und buhen sie aus.
Diese verklemmten Mormonen…

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Die Auszaehlung rueckt naeher, und mein Konsumverhalten von sauren Wuermern, Popcorn, Red Vines und Cola Light entwickelt sich gefaehrlich in Richtung Fressanfall. Eurie, eine Freundin von Lorena, gesellt sich zu unserer ehemaligen Zweisamkeit¬† – da die Wahlergebnisse erst in einer Stunde veroeffentlicht werden, entschliessen wir uns, Dinge gratis zu bekommen. Bei einem Eisgeschaeft bekommt jeder, der waehlen war, eine dicke Gratiskugel, und bei Starbucks einen gratis Kaffee. Wie sich herausstellte, ist es jedoch gesetzeswidrig, “Geld oder andere Gueter als Gegenleistung fuer Waehler anzubieten”. Also aenderte Starbucks die Premise, und jeder Waehler und Nichtwaehler bekam einen.
Auf dem Weg zu Starbucks sehe ich bei der ARCO-Tankstelle den neuen Spritpreis: 2,69$ fuer eine Gallone. Ich glaube, ich werde verrueckt – als ich LA vor drei Monaten verlassen musste, kostete der Sprit noch ueber 4$.

In der Abschaetzung, dass in Obamarama eine Party steigen wuerde, locke ich Lorena und Eurie nach Eis und ungezuckertem, schwarzen Kaffee (man goennt sich ja sonst keine Uebelkeit) zu meinem Apartment – in dem nur Brad und Kyle chillen. “We have no Cable TV, Toby”. Shit, das habe ich sogar gewusst. “But you guys could go to UCLA, they have a screening with free food!”


The Daily Bruin / Samantha Cook

Das “Free Food” waren dann zwar nur zwanzig Kekse, und das “Screening” auf zwei Leinwaenden hatte nur 60 Gaeste, aber das gemeinsame Countdown-Zaehlen fuer die Freischaltung der entscheidenden Bundesstaats-Zahlen war dann es dann doch wert.
SIX..
FIVE..
FOUR..
THREE..
TWO..
ONE..

Ratter-ratter. “So, here we have the new numbers, and now the votes will be counted by our system, blabla..”, raspelt der CNN-Kommentator.
Und waehrend ich noch vor mich hintraeume und ueberlege, nach wie vielen Bundesstaaten das Ergebnis wohl feststehen mag, erscheint ein Foto von Barack Obama mit roemischen Saeulen im Hintergrund auf der riesigen Leinwand.
“Barack Obama, the new President of the United States of America!”

Baem! Baem! BAEM! Leute springen von den Stuehlen, groelen, bruellen, kreischen, klatschen, trommeln auf die Tische. “OBAMAAAAAA!”

Wir drei machen uns auf die Socken und laufen durch die Strassen von Westwood. OBAMAAAAA!
Wir begegnen hilflosen Passanten. OBAMAAAAA! Wenn sie klatschen und zurueck obamen, dann . Wenn nicht, wissen wir, dass sie Republikaner sind, und ersetzen unseren Kampfschrei durch Nelsons HA HAA.
Wir laufen an ein paar Pennern vorbei. OBAMAAAAA! – shut the fuck up! Sicher Republikaner.
Wir stuermen eine Pharmazie – OBAMAAAAA! – und kaufen uns Energydrinks, OBAMAAAAA!
Wir laufen in den In&Out-Burger, OBAMAAAAA!, treffen nach dem Strullen ein paar andere Obama-Anhaenger, OBAMAAAAA!
Ich ueberquere zum ersten Mal eine Kreuzung, bei der sechs Zebrastreifen nicht nur ein Viereck, sondern auch noch ein diagonales X bilden – der erste diagonale Crosswalk in Los Angeles. OBAMAAAAA!
Lorena malt mir

O
B
A
M
A
!

auf den Bauch, ich laufe in ein Restaurant voll langweiliger Studenten, flashe meine Wampe – OBAMAAAAA!

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Hab mich noch nie so amerikanisch gefuehlt.

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