Unser Apartment liegt direkt gegenueber vom UCLA-Campus.
Eigentlich kann man das so nicht sagen, man schreibt schliesslicht auch nicht “Mein Haus liegt direkt gegenueber von Frankfurt”.

Der UCLA-Campus ist gigantisch, mit Basketballstadium, Footballstadium, Tennisstadium, Schimmhalle – und das sind bloss die Sporteinrichtungen, die ich gesehen habe, wahrscheinlich gibt es doppelt so viel in dieser Kleinstadt. Die Gebaeude bewegen sich stilmaessig von Modern ueber 60er-haesslich bis hin zu roemisch-antik. Hunderte Studenten gehen, wie in all den kischigen Hollywoodfilmen, unter lauschigen Baeumen und breiten Gehwegen zu den verschiedenen Auditorien oder Sporteinrichtungen, faulenzen in den grossen asenflaechen, verschlafen den Tag in den grossgebauten Dorms, oder beziehen politische Stellung.

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Bevor wir in dieser Geschichte jedoch ins Spiel kommen, gebe ich euch eine kurze Einfuehrung in den Wahlprozess in Kalifornien. Ich hatte davon keine Ahnung, bevor ich nach LA kam, also schliesse ich daraus, dass der Grossteil der werten Leser ebenso keinen Dunst davon hat.

Bei den amerikanischen Praesidentschaftswahlen wird nicht nur Praesident und Vizepraesident gewaehlt, sondern man waehlt auch den obersten Richter, Vertreter des Bundesstaates vor der Regierung, irgendwelche Heinzen, von denen noch nie jemand gehoert hat, und man hat die Moeglichkeit, JA oder NEIN zu Propositions zu sagen.
Propositions sind Gesetzesentwuerfe (Bundesstaats- oder Stadtweit), die dem Voting Ballot (Stimmzettel) angehaengt sind. Jeder Buerger bekommt per Post ein Pre-Voting-Ballot zugeschickt, in dem jede Proposition erklaert und mit einer geschaetzten Summe an benoetigtem Steuergeld versehen wird. So gibt es zum Beispiel eine Proposition fuer einen Hochgeschwindigkeitszug von LA nach San Francisco, oder eine Proposition fuer artgerechtere Tierhaltung in industrieller Landwirtschaft.

Wir sitzen im Apartment und kleben uns “NO ON 8“-Sticker auf. Proposition 8 ist ein Gesetzesentwurf, der die Homosexuellen-Heirat wieder verbieten und ungueltig machen soll (In Kalifornien sind gleichgeschlechtliche Ehen vor ein paar Monaten legalisiert worden). Im Fernsehen flimmern in grosser Zahl No-on-8-Werbefilme und Yes-on-8-Kampagnen.

Die Erzchristen argumentieren, dass so eine Suende die Kinder total plemmplemm machen wuerde, wenn sie in der Schule ueber Schwulenheiraten aufgeklaert wuerden – die Liberalen argumentieren, dass dieses Verbot ungerecht ist und jeder Mensch genauso ein Recht auf ein Buendnis wie auch seine sexuelle Orientierung haben sollte.

Am UCLA-Campus gibt es eine Strasse, die voll mit politischen Kampagnen ist: Kleine Tischchen, Obama-Flyer, McCain-Poster, No-on-8-Anstecker und eineMenge emsiger Demokraten und Republikaner, die quer durch die Gegend werben. In der Mitte: Ein Yes-on-8 Staendchen. Nieder mit dem Staendchen, hoere ich durch den Weedrauch hindurch. Und so schnell ich es realisieren kann, laufe ich schon mit drei anderen zwischen den Internatsgebaeuden hindurch. Brad erklaert mir keuchend die verschiedenen Funktionen der Campus-Einrichtungen, waehrend wir auf einen kleinen Weg zusteuern, ueber dem ein Banner fuer einen juedischen Studentenverband haengt, und in dem man schon von weitem Obama-Slogans und MCCAIN-PALIN-Schildchen sieht (zumindest wuerde man diese schon von weitem sehen, wenn man nicht so schasaugert (wien. f. kurzsichtig) waere wie ich.

Nach einem gescheiterten Versuch und etwas Rekonsideration laufe ich mit einem Maedchen namens Brianna zum Yes-on-8-Tischchen und stelle mich ganz interessiert und beginne, den Tischchenbetreuer zuzulabern. Einige Minuten vergehen, und ich lese schwachsinnige Argumente.
Bund der Ehe ist etwas zwischen Mann und Frau. 66% der Kalifornier stimmten gegen die Homoheirat. Die Kinder sollen so etwas doch nicht in der Schule lernen muessen.

Brad kommt aus dem Hintergrund herangesprintet, reisst das Banner von der Front des Tisches und laeuft ausser Sichtweite. “Actually, that’s Bullshit.”, meint Brianna und wirft die Flyer quer ueber den Tisch. Ich beginne meine Flyer langsam zu zerreissen, bis der Tischchenheld seine Fassung wiedergewinnt und mich von weiterem Vandalismus abhaelt. Politisches Engagement und Miniaturterrorismus fuer den guten Zweck – kaum ein paar Tage in dieser Studentenbude, fuehle ich mich schon wie ein Student mit allen Schikanen.

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Abends werde ich von Lorena abgesetzt und bin ueberrascht: Die Teller in unserer Dreckskueche sind weiter gewaschen worden, Teile des Muells sind verschwunden … granatig. Zeit, sich zu besaufen und dem wohl wichtigsten Wahltag dieses Jahres entgegenzufiebern.

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