Es ist der letzte Abend des zweiwoechigen Besuchs, meine letzten Stunden mit Lorena – und ich habe keine Ahnung, wohin es geht. Ich schleppe einen Picknick-Rucksack, waehrend meine Kamera um meinen Hals schlenkert. Lorena traegt Decken und beschwert sich darueber, wie enorm der Block des Paramount-Pictures-Komplexes ist. Ein Sandler kocht Abendessen in seinem Van, als wir an ihm vorbeigehen. Aus dem Hintergrund ruft er uns nach:

“Have a good night! Enjoy the movie and don’t forget me!”

Das war also die Ueberraschung. Ein Freilichtkino mit Picknick-Gelegenheit. Wie ich bald herausfinden sollte: Auf einem Friedhof. “Cemetary Screenings” nennt sich der Spass, der alle Jahre wieder kommt.

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Wir werden durch Mindestspende von 10$ abgezockt. Mindestspende? Seit wann ist eine Spende nicht mehr freiwillig und frei waehlbar?! 10$ “Spende” pro Besucher – da mag wohl jemand keine Steuern zahlen…

Einschub: Ich google nach Mindestspende – um herauszufinden, ob so etwas ueberhaupt legal ist – und lande auf einem Kirchenblog eines kleinen Doerfchens, in der sich der Organisator eines Benefiz-Spargel-Essens fuer seine festgesetzte Mindestspende von 20 Euro entschuldigt. Bald darunter ein Link zu einer kleinen Nachbarsortschaft. Wixhausen. Erster Eintrag:
“Ein schaurig schoenes Programm gibt es am 26.10. in Wixhausen zu erleben…” Ich finde einen externen Link und lande hier: Blasorchester Wixhausen. Wie laecherlich muss man sich denn fuehlen, in Wixhausen geboren zu sein, und dann dem Blasorchester beizutreten, vielleicht sogar auch noch ein phallisch-geformtes Instrument zu spielen und eine Schulmaedchen-Uniform dazu anzuziehen?!
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Ja, mir gefaellt eure Tasse echt wunderpraechtig, liebes Blasorchester Wixhausen.

Der Film, Carrie, eine Horror-Komoedie directed by Brian de Palma, war total scheisse.
Plot: Die Loser-Tochter einer erzreligioesen Fanatikermutter wird auf ihrem Schulball Ballkoenigin – postwendend wird sie von Neiderinnen mit Schokolade uebergossen, woraufhin sie mit ihren paranormalen Power-Kraeften alle umlegt und Radau veranstaltet.
Am Ende klatschten die anderen 1000-2000 Zuschauer. Macht 10.000-20.000 unversteuerte Dollars… und das pro Vorstellung.
Entweder ich habe etwas verpasst, oder die Kinobesucher um mich herum haben einen schaurig-schlechten Geschmack -zu so einem Film zu applaudieren, mag der Regisseur auch noch so kultig sein.

Die miese Story von Stephen King und die geheuchelte, realitaetsferne Verkultung der Filmumsetzung durch die Friedhofhippies traellert fuer mich allerdings irgendwo im Hintergrund;
im Vordergrund sitze ich mit Lorena auf einer warmen Picknickdecke, in eine weitere Decke eingehuellt, trinke Kakao, esse Picknick-Sandwhiches made by Lorenas Mama und knabbere Granatapfel-Granaten. Ich habe diese Frucht mein Leben lang nicht angeruehrt, und seit zwei Tagen esse ich sie mit beinahe sexueller Begierde.

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Als wir nach dem Friedhofs-Ausflug nach Hause kommen, stosse ich auf einen tragischen Fund: Die EOS 300D, meine junge, dynamisch-elegante, kurvige Spiegelreflexkamera gluckert am Boden des Autos vor sich hin – Opfer einer ausgelaufenen Flasche Arizona im Picknickrucksack.

Ganz nach Manier einer chinesischen Wasserfolter hat dieses Tropfen meine Kamera in den Wahnsinn getrieben; auf dem kleinen LCD-Bildschirm flackern wild alle Symbole abwechselnd. Auch nach sofortiger Behandlung mit Heissluft und Aufschrauben des Gehaeuses gibt es keine Besserung. Der Zuckergehalt im Tee macht Lorena und ihrer Mama Sorgen ueber die Mechanik, der Wassergehalt macht Lorena und ihrerMutter Sorgen ueber die Elektronik.
Mir bereitet das Spektakel wenige Sorgen.

Falls die Kamera kaputt ist (das weiss ich erst in einigen Tagen, das tagelange Trocknen kann oft noch etwas aendern), dann muss ich mir eine neue kaufen – eine neue gebrauchte, und die kostet gerade mal um die 100$. Damit waeren die Sorgen “Kaputter Autofokus” und “Mit Tixo angeklebter Spiegel” von gestern.

Falls die Kamera doch noch funktioniert, dann freue ich mich, die 100$ behalten zu koennen und weiterhin auf meine Pfadfinder-Bastelfaehigkeiten vertrauen zu koennen.

Wir schlafen zu unserem Abschlussfilm “No Country for old Men” gemeinsam ein – um am naechsten Tag um 5:45 ins Auto zu springen und zum Flughafen LAX zu fahren.

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