Well, gute Frage. Wie kann ich denn in Los Angeles sein, wenn ich doch fuer die Kleinmann Family Foundation arbeiten sollte? Schreibe ich mir glatt zwei Wochen Urlaub gut?
Nein, mitnichten. Vielmehr ist es der Grosszuegigkeit und dem Vertrauen von meinem Boss Naomi zu verdanken, dass ich hier bin.
Sie hat es mir ermoeglicht, Distanzarbeit uebers Internet zu machen. Wir arbeiten derzeit ausschliesslich an der Website der KFF – ich uebersetze die alte Version auf Joomla, ein Content Management System (CMS) – und diese Arbeit an einer Website kann dank fortschriottlicher Servertechnologie, email und Skype von einem anderen Ort aus erfolgen.
Hier mein derzeitiger Stand.

Waehrend Lorena also in der Schule paukt, tueftle ich an CSS-Files, schreibe magere PHP-Skripte und mache es zukuenftigen Gedenkdienern leichter, die Webseite zu veraendern und zu erweitern.
Heute habe ich den ganzen Arbeitstag im Starbucks verbracht, laecherliche 3,99$ per zwei Stunden Internet gezahlt, und nur einen Becher Tee getrunken. Nach der Schule kommt Lorena in den Starbucks gelaufen, und ich darf ihren Lieblingslehrer in seiner Klasse besuchen.
Damit stehen mir nun endlich die Tueren zur katholischen Maedchenschule offen.
An mir laufen Maedchen in Schuluniformen vorbei, waehrend ich den Raum des Lehrers betrete. Anders in Oesterreich, wo jede Klasse ihren Klassenraum hat, hat hier in den USA traditionsbewusst jeder Lehrer seinen eigenen Raum, und die Klassen sind es, die von Lehrer zu Lehrer ziehen. Lorenas Lehrer ist richtig cool, hat mal in Garmisch-Partenkirchen gewohnt, und ich fuehle mich etwas beobachtet, da eine Seite des Klassenzimmers (die, die zum Gang schaut) komplett verglast ist.
Sicherheit muss sein, willkommen im Ueberwachungsstaat USA.
Trotz des mehr oder weniger offenen Klassenzimmers bringt mir der einen schmutzigen deutschen Trinkspruch bei:
Einen zur Mitte,
einen zur Titte,
einen zum Sack,
tack, tack, tack.

Meine letzte Herausforderung: Eines der zwei Maennerklos am Campus zu finden.

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Kurzer Abstecher bei Yogurtland, danach gehe ich mit Lorena zu einem Teenline-Treffen. Teenline ist eine Organisation wie Rat auf Draht, bei der teenager mit Problemen anrufen und von anderen Teenagern beraten werden – wenn sie Glueck haben, ist Lorena am Apparat. Manchmal rufen auch Perverse an, die sich dann waehrend eines gefaketen Problemgespraechs einen runterholen, und manchmal rufen die notorischen Wiederholungstelefonierer an.
So etwa der Bellybutton-Man, der seit knapp 27 Jahren – kurz nach der Gruendung von Teenline – regelmaessig anruft und die Teenager am Telefon nach dem Aussehen ihres Bauchnabels fragt.

Auf dem Staffmeeting, an dem etwa 40 Teens anwesend sind, wird uns etwas mehr ueber Essstoerungen beigebracht. Zwei Ernaehrungswissenschaftlerinnen und ein Maedchen, das Anorexia Nervosa – Magersucht – hatte, gehen sicher, dass auch dieses Problem am Telefon beantwortet werden kann. In ihren Erzaeglungen ist das Maedchen (das jetzt 28 jahre alt ist) am Authentischsten, ihre Geschichte richtig interessant, sogar fuer mich als fetten Mann.

Die Frage, die man sich stellen sollte:
“Habe ich jeden Morgen die Wahl, ein Fruehstueck zu essen oder nicht, habe ich die Wahl, Sport zu machen oder nicht?”

Magersuechtige sind im Allgemeinen Kontrollfreaks ihrer Selbst. Sie kontrollieren die Menge, die sie Essen, sie kontrollieren den grossen Sportaufwand, den sie treiben – aber sie haben keine Wahl, es nicht zu tun, die Kontrolle nimmt krankhafte Ausmasse an. Und genau an dem Punkt, wo man zwar fuehlt, Kontrolle zu haben, aber jegliche Willensfreiheit zu verlieren, an diesem Punkt wird das Abnehmen krankhaft – und an diesem Punkt sollte man ueber seinen Schatten springen und nach Hilfe suchen, bevor es zu spaet ist.

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