Virgin America ist eine saugeile Fluglinie. Fuer 300$ fliege ich von JFK zu LAX und retour – so gesehen koennte man sagen, Virgin ist eine Billgfluglinie. Die Ausstattung des Flugzeuges und der “Look ‘n Feel”-Faktor behaupten das genaue Gegenteil. In der Economy Class (wo die Sklaven und Studenten sowie Grossfamilien sitzen) hat jeder einen Screen an der Apple-artigen weiss-reflektierenden Rueckseite der Sitzlehne des Vordermanns. Dieser Bildschirm ist ein Touchscreen, Zitat Wikipedia:

In the main cabin, Red offers free live satellite television, pay-per-view movies, a small selection of free games and a larger selection of games for purchase. Red can be used for the purchase of snacks, meals and alcoholic beverages. Flight attendants receive the orders via a tablet PC on the food cart thereby eliminating the traditional food and beverage service.

Du klickst auf ein Food-Symbol, woraufhin dich das Menue fragt, ob du durstig oder hungrig bist. Hunger kostet etwas, also waehle ich lieber Durst – und bekomme eine Auflistung von ca. 20 verschiedenen Getraenken, die ich den ganzen Flug ueber gratis bekomme. Ich setze meinen Finger auf die Sprite-Dose, den Purchase-Button, und zwei Minuten spaeter beugt sich die etwas aeltere Stewardess ueber den Herrn neben mir und reicht mir das Kohlesaeurehaltige Erfrischungsgetraenk.
Den Grossteil des Fluges verbringe ich allerdings mit verschraenkten Armen in tiefem Schlaf, voller Erwartung auf die Stadt, die mir eine der intensivsten Zeiten meines Lebens bereitete: Los Angeles.

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Warum ich jetzt schon dort hin fliege? Es ist der 10.10.2008 – Lorenas Geburtstag. Und sie hat nicht die leiseste Ahnung, dass ich mich mit Mach 0,78 naehere.

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In Los Angeles angekommen, finde ich einen Bus, der in ihre Nachbarschaft faehrt. Sie hat mir damals in LA nie ihre Adresse gegeben, also musste ich diese herausfinden…

Ich kann keine ihrer Freundinnen fragen (Frauen koennen solche Geheimnisse nicht behalten), also muss ich meine perversen Stalker-Kenntnisse nutzen und selbst Hand anlegen.
Schritt Numemr eins: Per Googlemaps aus dem Gedaechtnis dem Freeway und den Strassen folgen, an die ich mich erinnern kann, wie ich zu ihr gekommen war. So kann ich den Neighborhood, in dem sie wohnt, fuer mich festlegen. Mit Livemaps’ Birdview, bei dem Fotos von einem Flugzeug geschossen werden, erhalte ich eine Vogelperspektive der Gegend und sehe ein Haus, das meiner Erinnerung recht nahe kommt. Zurueck zu Googlemaps’ Streetview, bei dem Bilder von einem Pickup-Truck aus geschossen werden sehe ich mir das Haus von der Front an. Entspricht meinen Erinnerungen, aber auf Nummer sicher sehe ich ins Telefonbuch, gebe ihren Nachnamen und den ZIP-Code (wie bei uns die Postleitzahl) ein, und sehe auf der Karte die zwei Namen ihrer Eltern genau dort aufscheinen, wo auf googlemaps das Haus steht.
Perfekt.

Im Bus beginnen zwei Typen im hinteren Ende zu streiten.
“Fuck you Nigger ass motherfucker!”
“Go fuck yourself Nigger, fuck you!”
Zehn Minuten spaeter sehe ich nur noch, wie der eine ploetzlich auf den anderen stuerzt und ihm ins Gesicht schlaegt. Der zweite versucht sich zu befreien, schlaegt zurueck. Sie fallen ruecklings auf andere Fahrgaeste, die Jacken reissen, die Sitze krachen, metallene Haltestangen klingen dumpf auf. Sie stuerzen in den hinteren Ausgangsbereich, wo ich sitze. Die Frau neben mir hechtet hinter mich, ich springe auf und halte die Arme vor meinen Kopf, werde von den zwei gegen eine Haltestange gedraengt und stosse mir den Kopf. Frauen schreien.
“Bus driver, do something! Please! Get off me! Help!”
“You are hurting the ladies, get off the bus! RIGHT NOW!”, schreit die Busfahrerin nach hinten. Der Angreifer springt aus dem Bus. “Motherfucking Nigger, come off the bus, come off, come here!”
“No! No, I wont come out ass fucker!”

Der Angreifer laeuft davon.
“Stay right here, bus driver!”, schreit der zweite und beginnt, seine Hefte aufzusammeln. Nach einigen Minuten faehrt der Bus los. “Hey you fucking bitch, I told you, stay right there! Stop the bus! Stop the fucking bus, ass bitch!”
Die Busfahrerin bleibt nach ein paar Blocks stehen – neben einem Polizeiauto. Ich sehe sie aussteigen und mit der Polizistin diskutieren. “Fucking ass bitch!”, schreit der Mann mit Tourette-Syndrom-artiger Wiederholung, waehrend er die letzten Zettel aufsammelt. Kaum steigt er aus dem Bus, ruft ihm die Polizistin zu. Er schreit “Fuck you bitch! I told you to stay right there, fucking ass bitch!” zur Busfahrerin und dreht sich um, den Stapel von Buechern und Zettel unter seinem Arm.

“FREEZE!”, ruft die Polizistin und zieht eine Taser-Gun.
“Hey, I called! I was attacked, I’m not guilty, bitch!”
“Put the books down! Now!”
Ein zweiter Polizist kommt, die Handschellen klicken.

“Everybody who saw something, please, fill out these witness cards for me”, sagt die Busfahrerin. Ich klatsche entzueckt und aufgeregt in die Haende, waehrend meine Sitznachbarin intensiv zittert und sich die Beule am Schienbein reibt, die ihr einer der Typen im Eifer des Gefechts zugefuegt hat.

… willkommen in L.A.!

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Der Klimax dieses Tages, und das, was mich seit Wochen beschaeftigte, ist die Ueberraschung. Seit ich in Montreal bin, video-skype ich mit Lorena etwa 2-3 Stunden jeden Tag. Eine Fernbeziehung, auch wenn sie noch so offen sein mag, hat einen sehr bittersuessen Aspekt: Durch unsere stundenlangen Gespraeche kennt mich Lorena zwar besser als jeder andere Mensch (ausgenommen meiner Eltern vielleicht) – aber die standige Unmoeglichkeit einer Beruehrungen ist pure Folter.
Ich habe einen Besuch zu ihrem Geburtstag fuer komplett unmoeglich gehalten – einfach weil es zu weit von Montreal nach LA und zu teuer fuer mich war. Vor drei Wochen bekomme ich dann eine Videonachricht auf facebook von Rachel, Lorena’s bester Freundin…

[…] but the one thing she wants, more than anything .. is to see you. […]

Da wird mein Supermanherz weich wie ein vollgeschneuzter Liebesbrief, also recherchiere ich eine Woche lang nach Preisen, finde eine Loesung fuer knapp 450$ (ca. 0,21 Euro), fuehle mich schlecht und frage meine Eltern ob so eine Ausgabe moralisch vertretbar waere … und kaufe das Ticket. Zwei Wochen lang spiele ich auf Skype den Jungen, der verzweifelt ist, sie erst im Dezember sehen zu koennen, werfe mich dramatischerweise ausser Kamerasichtweite und stoehne verzweofelt … und jetzt stehe ich in Los Angeles, wenige Stunden davon entfernt, das Unmoeglich geglaubte in Realitaet zu verwandeln.

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Waehrend der letzten Tage in Montreal kam ich mit zig verschiedenen Plaenen auf, immer intensivere und ausgefeiltere Ueberraschungen, und finally, als ich am Flughafen in New York war, hatte ich meinen fertigen Plan. Ich werde mich in einer grossen Schachtel vor ihrem Haus verstecken, sie mit einem Anruf herauslocken – ein Freund von mir haette mein Geschenk vorbeigebracht – und dann aus der Schachtel wie aus einer wertlosen Torte zu springen.

Nach Stunden des Schachtelsuchens bin ich in einem Supermarkt, gefaehrlich nahe an Lorenas Haus. “Excuse me, do you have big cartboard boxes, Miss?”
“Hm, let me see, if I …”
“TOBY?!”
Ich fahre herum und blicke einem Maedchen ins Gesicht, das ein Handy an ihr Ohr drueckt und mich regungslos anstarrt. Ich bin ertappt. FUCK. Perplex setze ich meine Sonnenbrille auf und drehe mich um. Wie naiv von mir zu glauben, dass sie mich dadurch nicht mehr erkennen wuerde.
Nun ja, es war Lorenas grosse Schwester, sie bringt mich zum Haus, hilft mir, meinen Rollkoffer zu verstecken, gibt mir eine grosse Schachtel aus der Garage und verspricht, zu schweigen wie ein Grab – abgesehen davon, dass sie eine Minute spaeter ihre Mama anruft und ihr von meiner Anwesenheit erzaehlt. Gut, dass diese keine Spielverderberin ist und es sonst niemand weiters erfaehrt.

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Um 8:30 beende ich mein Werk, den Plan leicht abgeaendert – kalter Schweiss liegt auf meiner Stirn, doch niemand im Haus kann den Stress und die Angst riechen. Ich bin unertappt geblieben, und Lorena weiss immer noch nichts von meiner Anwesenheit. Neben mir, am Strassenrand, steht Lorenas Auto – die Markerspuren einer Nacht-und-Nebel-Aktion anderer Gratulanten zeigen unuebersehbar, dass hier gerade jemand 18 geworden ist. “Legal Eagle”, steht darauf. Alkohol trinken kann man mit 18 trotzdem nicht.

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Ich sehe jemanden ungeschickt parken, warte zwei Minuten, ob die Person am Steuer vielleicht eine Freundin von Lorena ist, die ich mundtot machen muesste. Das Auto bleibt dunkel, niemand steigt aus. Ich entscheide mich, dass es ein harmloser Nachbar sein muss – und verschwinde. Kaum laufe ich um die Ecke, um meine Freundin mit einem Anruf zu ihrem Geschenk zu locken, geht sie aus dem Haus – um ihrer Freundin Rachel, die gerade ihren Wagen abstellte, ein Parking Permit zu bringen. Lorena stolpert ueber zwei Flaschen Vitamin Water mit Geschmacksrichtung “XXX” bzw. “Revive”, und findet ein Stueck unbedrucktes Kassenbonpapier von Starbucks darunter, auf den eine Nachricht gekritzelt ist.

Toby is sorry that he could not make it to LA, he would have really enjoyed to celebrate your birthday with you. I dropped you by his present, but am busy tonight, so I did not ring. Happy Birthyday,
Lucas

Hinter den Flaschen, die Stufen hinab, folgt sie einer Spur aus Ferrero-Rochers und Zahngeigen, und entdeckt einen grossen Kartonvin der Einfahrt ihrer Garage. Ein grosser, brauner Karton, gross genug um eine Person darin unterzubringen.
Ihr Handy laeutet. Es ist eine 310-Nummer.
“Hi?”
“Hey, is this Lorena? Happy Birthday! I asked Lucas to drop by my present, he just called me five minutes ago … I think he put it outside of the house..  go and see!”
“What?”
“Oh, sorry, I have to finish .. hope you like it, see you on Skype! Bye!”
Ich gebe dem Typen, der mir seinen Blackberry geborgt hat, sein Geraet zurueck und verfluche mein kanadisches Handy, das in LA allem Anschein nach nicht funktioniert.
Vor der Garage steht Lorena mit Rachel.
“Okay, now tell me, is Toby here?!”, piepst sie.
“I don’t know! Really, I have no idea, Lo..”
“Rachel, I know when you are lying. I know that. Is he here?!”
“Seriously, I have absolutely no idea!”

Lorena loest die ungeschickt angebrachte Schleife aus blauem Klebeband. Sie oeffnet den Karton und findet… einen Hut. Meinen Hut. An dem Hut klebt ein Papierhandtuch aus der Starbucks-Toilette.

Happy Birthday, Lorena!
Lucas

With Toby’s words:
I regret I could not come, I would have really liked to, but I hope you have great fun on your birthday, and so I leave you something Austrian.
Toby

Im Papierhandtuch eingewickelt liegt ein Kassenzettel. “That was sarcasm, Pussycat.

Auf einer spaehrlich beleuchteten Seitenstrasse klettert eine Silhouette auf eine weisse Mauer, schwingt sich ueber einen Ast abwaerts und schleicht durch den dunklen Garten. In Lorenas Zimmer ist kein Licht. Ich laufe geduckt zur Kueche, in der ploetzlich das Gesicht von Lorenas Papa erscheint. Ich tauche in den Schatten des Hauses, er holt etwas aus dem Kuehschrank und verschwindet wieder. Ich laufe zur Gartentuer, atme tief durch und gehe zur Hausfront. Ich finde die geoffnete Schachtel.

Lorena steht in ihrem Wohnzimmer und haelt den grauen Tirolerhut. Sie hat alle ihre Freundinnen gefragt, keine von ihnen hat mir ihre Hausadresse gegeben. Trotzdem ist ein Geschenk vor ihrem Haus gestanden.
“See, Lorena, the letter was written by Lucas, not by Toby. I told you, he won’t come. But its so nice that he gave you his hat!”
“No, I fell, I know, he must be here!”
Lorenas Schwester kommt aus ihrem Zimmer und sieht ihr kleines Geschwisterchen mit dem beruechtigten Hut. “Isn’t that amazing?”, ruft sie – annehmend, dass mich Lorena bereits in der Schachtel gefunden hat. Sie ahnt natuerlich nicht, dass sich der Plan aenderte und eigentlich gar kein Toby in der grossen Box war.
“Yeah, but …”
“It’s so nice that he came to visit you!”
“Shhh!”, zischt Lorenas Mama und schlaegt sich auf die Stirn.
Und genau in dem Moment, in dem alles in Lorenas Kopf klickt und ein Indiz nach dem anderen ineinandergreift,
komme ich bei der Tuer herein.

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