Ich sitze am John F. Kennedy International Airport in NYC, starre auf meinen Laptopbildschirm und nicke alle drei Minuten ein, nur um Sekunden spaeter aufzuwachen und mit schlaflos-verzerrter Wahrnehmung den Laptop vor meinen Augen wiederzufinden. Was ich in New York City mache? Finden wir spaeter heraus.

Vorerst, von Montreal nach New York City faehrt man ca. sechs Stunden mitdem Auto. Und elf mit dem Zug. Wieso der Zug so viel laenger braucht, ist simpel: Von Montreal bis Albany faehrt der Zug max. 50 km/h. Die wunderschoene Aussicht, die man nur aus einem Zug haben kann, ist bei dieser Strecke die fuenf Stunden mehr Fahrzeit aber allemal wert. Der Zufall will es, dass ich mit meinem Timing genau in die allerschoenste Herbstblaetterbluete gerate – gruen, gelb, braun und scharlachrot wohin das Auge blickt. In den elf Stunden Zugfahrt lerne ich meine Sitznachbarin und ihren Businesstrip kennen, die mir Tipps gibt, wann ich aus dem Fenster stieren und Fotos machen soll. Ich treffe Jeff, den Schaffner, der fuer einen Raucher, ne Frau und mich im hintersten Waggon beide Seitentueren und die Hecktuer oeffnet, sodass ich fotografieren, der Mann rauchen und die Frau mit dem Schaffner flirten kann. Der Raucher erzaehlt mir, dass er in 16 verschiedenen Staedten ueber die ganze Welt verteilt gewohnt hat – und ihm NYC am Besten gefaellt.
Er kennt Jeff, den Schaffner, schon von der NYC-Montreal-Reise, ebenso die Frau; damals dachte der Schaffner, dass die beiden verheiratet waeren.
“Aber sie hat meine Emailadresse, und wer weiss, vielleicht wird ja was draus. Dann kann Jeff uns verheiraten, meinte er, so wie ein Kapitaen eines Schiffes, der kann das auch.”

Die andere Schaffnerin ist breit, nett, und sagt in jeder Durchsage, dass wir die Klos nicht verstopfen und um Himmels Willen doch die Mistkuebel benutzen sollen. Der Barkeeper im Restaurantwaggon ist nett und schickt einen Jungen weg, der sich eine Zuckerpackung nach der anderen einschiebt.
“I see, you are helping yourself young man? Now its enough?”
“No, no. I’m getting this for me and for my sister

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Neben der Bahnstrecke sieht man kurzgetrimmte Stromleitungen in Bodennaehe, umgeben von Sumpf, vorbeiziehen.

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Hier eine Serie vom Hudson River … eine atemberaubende Atmosphaere, brauchte so gut wie keine Nachbearbeitung.


Dieser Typ hatte 9000$ Cash dabei und war aus Kolumbien nach Kanada geflogen, um dann mit dem Zug in die USA zu kommen. Fluege nach Kanada sind teurer, demnach waere es unlogisch, den Umweg zu nehmen – ausser man mag die strengen Gepaeckkontrollen der US-Flughaefen umgehen. Nachweisen konnten ihm die Grenzbeamten allerdings nichts.

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Am Times Square angekommen, kann ich mir ein debiles Dauergrinsen nicht vergreifen – ich liebe diesen Platz. Er ist in der Nacht halb so hell wie am Tag; hudnerttausende von Neonroehren, LEDs, Scheinwerfern, Autolichtern, Gluehbirnen, Plasmabildschirmen und gigantische Werbeplakate scheinen auf die Strassen, ein Traum fuer einen Fotografen.


This city never sleeps. Public Transport 24/7, Daylight 24/7.

Ich sehe einen Polizisten mit Pferd und einer Gruppe orthodox-juedischer Touristen, einen Kerl, der auf der Strasse sein Buch “Drogendealer Band 1” verhoekert, ich treffe Freddy Krueger und erlebe Times Square genau so, wie er ist: Eine eigene kleine Stadt.


Dass auch ja keiner vergessen wird, gell..


In der hauptzentrale der New York Times. Wunderschoenes Gebaeude mit grossartigen Kunstelementen. Dieses hier sind etwa 500+ Minibildschirme, die mit lautem rattern parallel Leserbriefe abtippen. Jeder Screen zeigt einen individuellen Leserbrief.


Die neue Art der Strassenmalerei: Gesichtsskulpturen.


“Was geht Homie, ich mal dir die Kappe an”


Junger Mann beim Verkaufen seines neuen Buches “Drug Dealer Part 1”


Diese Dame sucht im Muell nach etwas Essbarem, waehrend einige Meter weiter Leute ihr Sushi stehen lassen.


Freddy mit dem Tirolerhut


Polizeiturm auf der Strasse

In der Frueh muss ich ein Flugzeug erwischen. Bevor ich mich also stresse, hier und dort ein Hostel zu finden, und dann an allen Ecken zu wenigZeit zum Schlafen, Essen und Flughafen-ansteuern habe, mache ich lieber durch. Zu einer gute Durchmach-Nacht gehoert ein guter Film, sagte Aristokrates immer (wenn er zu viele Raeucherstaebchen angezuendet hatte).

Das AMC kenne ich schon von Dark Knight mit Anton aus Schweden, also etabliere ich mich mit einer weiteren gekauften Kinokarte als Stammkunde. Diesmal ist es “Religulous”, das einen aehnlichen Approach wie Borat waehlt, jedoch ohne Story und mit Fokus auf Religion.
Die Hauptfigur ist ein atheistischer (eine kleine Prise Agnostiker) Comedian aus den USA, der mit seinem Filmteam von religioesem Fanatiker zum naechsten zieht und ungalublich laecherliche Aussprueche und Szenen abdreht. All die Gottesmaenner denken, es waere ein serioes-religioeser Dokumentarfilm ueber Weltreligionen, werden dann jedoch durchgehend verascht und zeigen ein erstaunliches Rhetorik-Defizit, bzw. schreiben rote Zahlen in ihrer Jahresschlagfertigkeitserklaerung.
Der Film hat eine starke Message, klarerweise absolut einseitig (Kompliment an das Editingstudio, jeder einzelne der Interviewten wird als Vollidiot dargestellt), und ist definitiv kein Film fuer schwer religioese Menschen, die schon von einem falschen Bibelzitat zittrige Haende und Ausschlag bekommen.
Die einzige Person, die an Coolness sogar unseren lieben Moderator Bill Maher uebertreffen kann, ist George Coyne. Er ist Direktor des Vatikanischen Observatoriums und erinnert mich allzusehr an meinen Religionslehrer im Gymnasium – er der aelteste Lehrer im ganzen Lehrstuhl, aber wusste einfach genau, wie er seinen riesigen Wissensschatz ohne anzugeben an den mann bringen konnte.
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Stundenlanger Aufenthalt im naechsten Starbucks, Odysee zum JFK-Flughafen (den letzten Abschnitt fahre ich mit einem “Taxifahrer”, der mich zu einem abgefuckten Van fuehrt und trotz seines verdaechtigen Kidnapper-Verhaltens ein ganz cooler Typ ist – Stockholm-Syndrom eben.
Am Flughafen brauche ich eine Stunde bis ich Internet finde und den gestrigen Blogeintrag schreiben kann.
Tja, und um 11:30 ist es dann so weit. Check-in, Boarding, alles geht glatt und das Flugzeug hebt sanft ab.
Sechs Stunden Schlaf, und dann bin ich dort, wo ich herkam.
In der Stadt der Engel.

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