Part I: Cornflakes in Toronto
Part II: Chinatown, CN Tower und ne Menge Beine und Titten

Die Nuit Blanche ist ein alljaehrlicher Art-Event, der Toronto fuer eine Nacht schlaflos macht. Von etwa sechs Uhr Abends bis ueber acht Uhr frueh hinaus wird hier Party gemacht, moderne Kunst begutachtet oder Muell fuer Kunst erklaert. Man sieht tausende von Menschen, die durch die Strassen wackeln und so viele der ca. 100 verschiedenen Kunstwerke wie moeglich abklappern. Manches Zeug ist richtiger Trash, manches ist aufregend, extraordinaer oder gar episch.
Eigentlich wollten wir uns mit dem Rest der Couchsurfer treffen, doch durch das staendige Halsverrenken in Hooters dauert das Essen etwas laenger und wir sind auf uns alleine gestellt. Umso besser, so hat man groesseren Einfluss darauf, was sich die Gruppe ansehen moechte. Mein erster Favorit ist ein riesiger Kranwagen, der ein beleuchtetes Schild in den Nachthimmel haengt – “Imagine a World of Peace”. Um ihn herum stehen Baeume, umringt von Menschenmengen, die kleine Kaertchen mit ihrer persoenlichen Vorstellung von Frieden beschreiben und mit Schnueren an die Baeume haengen.

Wir kommen zu Telefonzellenartigen Konstruktionen, ein Holzgeruest, ummantelt mit Bubbelblaeschenfolie (wie heisst das in Deutsch? Bubblewrap? Nee..). Jedenfalls kann man in ein paar der Kabinen hineingehen (nichts passiert), aus ein paar kann man Menschen hoeren, und in einer steht ein Mikrofon. Da die hoerbaren Stimmen ein durchschnittliches Wirrwar aus Torontouristen-Stimmen waren, schaetze ich, dass sie mit dem Mikro aufgenommen und mit Zeitverzoegerung abgespielt werden.

Auch auf der Liste, jedoch ohne besondere Nebenereignisse:

  • Ein verfallenes Haus, aus dem ein Wasserfall stuerzt.
  • Ein Fabriksgebaeude, hinter dessen Fenster sich Bildschirme befinden, die ein Flammennferno simulieren.
  • Ein Einkaufszentrum mit einer riesigen, aufgedunsenen, blauen Spiralwurst.
  • Ein Starbucks mit einer Angestellten und einer 30 Mann starken Schlange.

Wir kommen zu einem Universitaetsgebaeude. Im Keller: gratis Aktzeichnen. Im Rest des Gebaeudes: Sehenswerter Irrgarten…


Samt Bastelanleitung aus Photoshop fuer den Hausbedarf.


Ein strombetriebener Mega-Traumfaenger


Da wir uns anstandslos und ohne Unterhalt gegenseitig verlieren, machen wir uns einen Treffpunkt vor dem Gebaeude aus. Ich bin etwas zu frueh dran und gehe schaukeln; diese Typ von Arschzusammenpress-Schaukel, die keine feste Sitzflaeche sondern vielmehr einen dicken Lederriemen hat, der sich dem Arsch anpasst. Grossartig, endlich kann ich meinen Breitarsch in modeorientierte Form zwaengen.
Als unsere Gruppe komplett ist, gehen wir weiter, eine Clubmeile entlang, in der uns allerhand Solariumsschoenheiten und Stoeckelschuhamateure entgegenkommen. Ploetzlich zieht es gemein in meiner Lendengegend.
“Ah, uh, guys, I have to get to a washroom!”, piepse ich. Ich fuehle mich unfreiwillig kastriert dabei.
“What?! In this University, there were plenty of bathrooms, that was five minutes ago!”
“Whatever, I really have to go to the toilet!”

Dumm nur, dass es bereits ein Uhr frueh ist. Die Clubs verlangen Eintritt fuer die Tuer, vielleicht sogar noch zusaetzlichen fuer die Klos. Die Restaurants haben schon alle zu, und keine 24-Stunden-Fastfoodkette weit und breit. Rettung. Das Hilton.
Ich laufe sicherheitshalber meiner langsamen Gruppe voraus und erreiche die Lobbylady. “Down the stairs, have a good evening!”
Wumm. In die Kabine. Ich probiere alle Koerperfluessigkeiten durch. Nichts.
Nach ausgepraegter Gefuehlsbeschau stelle ich fest, dass der Schmerz aus meinen Fortpflanzungspumpen kommt.
Ich habe Hodenweh. Zu allem Uebel haengen die Eier auch noch asymmetrisch. Ist mir recht ranze, ob euch das ekelt – das sind echte Gefuehle mit echten Menschen und echten Eiern … und echtem Hodenweh.
Are you getting good ATM in there?“, lese ich Peters SMS. Ich habe wohl etwas zu lange gebraucht. Also Eier eingepackt, Guertel auf den dicken-Mann-Modus gestellt,um die Lenden zu entlasten, und ab gehts.
Ich schwanke bei dem Gedanken, mit meinem voraussichtlichen Hodenkrebs, abgeklemmten Samenleitern, entzuendeter Blase noch bis fuenf Uhr frueh in Toronto herumwandern zu muessen. Meiner Gruppe sage ich davon nichts, schliesslich will ich ihnen den Spass nicht verderben, und meinen Ruf als glaubwuerdiger Stahlhodensuperman nicht ankratzen.

Wir landen bei einer weiteren Station, und zwar am Zentralbahnhof. “Horridor” heisst es, und ist ein riesiger Zusammenschnitt aus Horrorfilmen der Qualitaetsklasse B besteht. Meine Eier kuendigen weiterhin vorzeitiges Ableben an.

Nach einer weiteren halben Stunde meldet sich der Urologe in mir, mit einer simplen, fakultaetsfertigen Feststellung. Diagnose: Hodenquetschung durch nonlegitimes Benutzen einer Schaukel.
Das sind wahre Maennerprobleme – kommt einer Frau ein Tiger zu nahe, kein Problem. Gibt es zu wenige Rettungsboote auf einem sinkenden Schiff, kein Problem. Aber schaukelt man auf einer Arschquetsch-Schaukel mit zwischen den Beinen liegenden Hoden, dann sind deine Tage gezaehlt. Mit der Selbstdiagnose weicht die Angst der Familienplanung, und der Selbstheilungsprozess laeuft an.

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Das ist auch der Punkt, an dem der Abend von durchschnittlich zu unvergesslich aufsteigt: Kaum geht es meinen Eiern wieder gut, werden alte Energien wieder lebendig. Meine Gruppenmitglieder wollen sich kollektiv betrinken, stellen aber fest, dass keine der Bars und Clubs mehr offen hat. Es ist etwas nach drei Uhr, als wir beim Rathaus von Toronto ankommen. Die City Hall ist architektonisch nahe zur UNO City in Wien – gewoelbte Hochhaeuser, und wurde fuer Resident Evil: Apocalypse als Headquarter der Umbrella Corporation benutzt. Der Clou fuer die Nuit Blanche: Die Fenster sind beleuchtet und in Pixel umgewandelt, und zeigen flackernde Symbole und Buchstaben.
Eine Dame mit Nuit-Blanche-Uniform spricht uns auf das Gebaeude an und fragt, ob wir wissen, dass man auf dem einen Gebaeude von City Hall mit dem Handy Pong spielen kann. Pong ist eines dieser super-oldschool-Computerspiele, bei der man mit einem Balken versucht, in Tischtennismanier dem Gegner ein Tor abzuluchsen.
Die Lady zeigt uns die Nummer, die wir waehlen muessten. Oder wir koennten auch dieses Telefon benutzen, sagt sie, und reicht mir ein Handy, das an einem Kabel baumelt. Ich waehle die Nummer. Besetzt.
“Verflucht”, denke ich, “da rufen sicher hunderte Leute gleichzeitig an.”
Der Bildschirm – bzw. das Hochhausdisplay – friert ein. Ich waehle die Nummer. Doch diesmal hoere ich eine Melodie statt dem Tueten.
“I hear a melody…”
“That means you are playing, I guess!”, freut sich die Dame. Ich jauchze. Nach einem verpassten Ball und zehn verstrichenen Sekunden finde ich heraus, dass ich der linke Spieler bin, und die Tasten 4 und 7 meinen Balken bewegen.
Ich spiele Pong von einem geliehenen Handy aus auf dem Rathaus von Toronto. Ich druecke auf 4 und 7, und mit etwa 0,5 Sekunden Verzoegerung geht in einem Zimmer das Licht aus und in einem anderen an. Ich springe herum wie ein kleines Kind, und siege mit gigantischen 6:2 gegen meinen unbekannten Gegenspieler, der Hodenschmerz ist komplett vergessen.

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“15 Seconds of Fame” heisst die naechste Attraktion. Ein Mann steht auf einem hoelzernen Wachturm, der auf einem grossen Platz aufgebaut ist. Er bedient einen dicken Theaterscheinwerfer, mit dem er koninuierlich einen Menschen nach dem anderen fuer 15 Sekunden anleuchtet und ihn somit zu einer Beruehmtheit macht. Wir kommen zu dem Platz, bleiben stehen. Der Scheinwerfer folgt einem davonrennenden Mann – Lampenfieber ist ganz normal. Er erlischt, dreht sich suchend. Ich sehe Strassenlichter in der schwarzen Linse reflektieren. Ich sehe die Linse frontal. Woosh – der Scheinwerfer wird angeworfen und leuchtet genau auf mich. Fuer genau 15 Sekunden.
Zuerst gewinne ich Pong auf der Toronto City Hall, und jetzt werde ich angeleuchtet, kaum am Platz angekommen. Ich fuehle mich wie ein Koenig. Ein Sonnenkoenig.

Jes sui Louis katorse, la choir soleil!

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