Es ist Sonntag, und wie der Zufall es will, bekomme ich einen Anruf von dem Typen, den ich Freitag Abend im Nachtbus getroffen habe. Ob ich zum Piknick Electronique kommen will, fragt er.
Den Namen Picknik Electronique habe ich schon auf allen moeglichen Seiten – couchsurfing.com und co. – gelesen, also nichts wie hin.

Jener Mann aus dem Nachtbus heisst Oscar und kommt aus Mexiko. Ein chilliger Typ mit Unternehmungslust, vielleicht auch gut zum gemeinsamen Aufreiss-Trip; da ich seine Flirtkultur aber noch nicht gesehen habe, kann ich nur mutmassen.

Wir kommen wieder auf jener Insel, die schon das Foodfestival und La Ronde beherbergt, an.
Ueber eine kleine Bruecke gelangen wir in ein Festivalgelaende, das einen gekonnten Mix aus Electronic-Musik, Picknikdecken und einem “alternativen” Publikum (das vergleichbar mit der deutschsprachigen Drum-n-Bass-Kultur vergleichbar ist) bietet.
Apropos Publikum: Von 16 bis 60 ist hier so gut wie jede Altersklasse vertreten. Schraege 50-jaehrige, die sich in hautengen Fahrradfahranzuegen die Seele aus dem Leib tanzen, im Delirium schwebende Frauen in Post-Midlifecrisis .. und das alles zu Electronic-Musik.
Menschen in Montreal haben eine viel Alters-unabhaengigere Musikkultur, kommt mir vor.

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Oscar wird etwas touchy-touchy.
Er klopft mir auf die Schultern, gestikuliert nahe vor meinem Gesicht und rempelt mich.
Das ist bestimmt bloss seine Art, mir zu zeigen, dass ich n recht leiwander Kerl bin.

Oscar wird etwas zutraulicher.
Er legt seinen Arm um meine Schultern und boxt mich spielerisch in die Seite, er fasst mich an der Huefte, legt seine Hand etwas laenger um meine Huefte und klapst mich auf den Kopf.
Das ist bestimmt in der mexikanischen Kultur so ueblich.

Oscar wird etwas unheimlich.
Er schlingt seinen Arm um meine Huefte, umarmt mich und schwaermt davon, wie schicksalstraechtig es doch ist, dass wir uns getroffen haben, fuehrt mich an seine entlegenen “Lieblingsplaetze” (wie zum Beispiel einen entlegenen Steg mit Ausblick auf Downtown Montreal) und gruschelt mein Ohr. Er kneift es, biegt es, beruehrt es.
Das ist bestimmt … schwul.

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Ohne die Frage auszusprechen, und obwohl ich es mir schon von Anfang an denken koennte, komme ich spaeter ueber Umwege darauf – auf die Frage, ob er eine feste Freundin hatte, sagt er nein .. und fuegt hinzu, er haette auch keinen festen Freund. Nach einigen eindeutigen Andeutungen meiner sexuellen Orientierung fragt er mich, ob ich denn “wirklich zu 100% heterosexuell bin”.
Jap, und daran wird sich auch nichts aendern, Suesser.

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Wer denkt, dass ich hier Reissaus genommen haette, liegt falsch. Wer sich nicht offen gegenueber der Welt zeigt, wird seine Vorurteile nie los.
Ich fuer meinen Teil bin im homophoben Oesterreich aufgewachsen, das sich in sexualkultureller Eiszeit befindet, und sich Schwule mit Pauken und Fanfaren outen muessen.
In Los Angeles oder Montreal ist Sexualitaet eher eine Modeerscheinung, und durch die grosse Diversitaet, die von Steinzeitmann-hetero bis zu Tunten-Dragqueen reicht, ist so ziemlich alles sozial akzeptabel.

Also, was macht man in diesem Fall? Richtig. Man raidet eine Schwulenbar.
Oscar und ich klauben einen – schwulen – Freund auf und gehen, ein paar Blocks von meinem Apartment entfernt, in die Sky-Bar, die im Gay Village liegt.
Als ich den Laden betrete, fallen mir drei Dinge auf:

  1. Enge Shirts
  2. Dicke Muskeln unter engen Shirts
  3. Geile Mucke, zu der dicke Muskeln unter engen Shirts tanzen

Musikgeschmack haben die Barbetreiber auf jeden Fall einmal. Besser tanzen koennen Schwule anscheinend auch.
Signifikant ist der grosse Anteil von “30+”-Jaehrigen. In den Clubs, die ich gewohnt bin, tanzen 50-jaehrige Maenner wie deprimierte Idioten herum und lungern in Selbstmitleid auf der Suche nach einer Dame.
In diesem Club sind die 50-Jaehrigen die Koenige, und tanzen recht geschickt und durchtrainiert mit ebenso durchtrainierten 20-Jaehrigen.
Wir treffen noch ein paar weitere Freunde von Oscar, allesamt relativ junge Mexikaner; einer von ihnen umarmt mich fest, der naechste klopft mir kumpelhaft auf den Ruecken, der dritte fragt mich ganz interessiert, wo ich herkomme, und der Vierte gibt mir einen echten Maenner-Haendedruck.

Ich fuehle mich wie eine schoenes Maedchen in kurzem Kleid – von Maennern umrundet, die mir auf die Schulter tapsen und ueber jeden noch so schlechten Witz lachen…

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