Samstag. Wochenende. Zeit, mal wieder etwas zu erleben. Mein Google Calendar und mein Gmail-Account informierten mich gleichzeitig ueber ein Picknik, das am Berg in der Mitte von Montreal – klassischerweise Mont Royal, was der Stadt auch ihren Namen gibt – stattfinden soll.
Ganz nach dem Motte von Meetup, “Das Internet nutzen, um weg vom Computer zu kommen”, fahre ich hin – keine Ahnung, was mich erwartet.
Ich steige aus dem Bus aus und stelle fest, dass der romantische, kuenstlich angelegte Beaver Lake (an dem das Festgelage steigt) nur zweihundert Meter vom gigantischen Zentralfriedhof Montreals liegt. Logistisch perfekt also, falls jemand im See beim Tretbootfahren kentern und ertrinken sollte.


Moi, ist der lieb! Und zutraulich. Wie im Maerchen…

Nach kurzer Suche steht es fest: Das Meetup wird von etwa vierzig Personen bevoelkert, im Alter von 5 bis 70 Jahren. Na toll. Kleine Kinder und Pensionisten anstatt paarungswilligen Teenagern.

Aus der anfaenglichen Truebsal wird jedoch bald ein interessanter Nachmittag, da ich

  1. Mal wieder ein paar Deutsche treffe und
  2. zum ersten Mal waschechte Southerners zu Gesicht bekomme – Menschen, die aus dem Sueden der USA kommen. Florida, um genau zu sein.

Die Deutschen haben eine Vorliebe fuer die Bratwuerste, die jemand zum Picknik mitgebracht hat, und eines der deutschen Maedels – seit 18 Jahren in Kanada – erzaehlt mir, dass sie nach etwa 15 Jahren im Ausland versucht hat, sich wieder in Deutschland zu beheimaten. Und sie konnte es nicht; all das, was so besonders am amerikanischen Kontinent zu haben ist, fehlte ihr in Deutschland. Sie erzaehlt mir, dass sie nach so langer Zeit in Kanada Deutschland als kleinkariert, kleinbuergerlich wahrnimmt. Alles in unserem deutschsprachigen Kulturkreis ist in einem kleineren Massstab gebaut, funktioniert in kleineren Skalen.
Gut oder schlecht, sei dahingestellt. Was ihr in Deutschland fehlte, war die amerikanische/kanadische Offenheit, die ich ebenfalls absolut fuehle und bestaetigen kann.
Es sind unbestreitbar verschiedene Ways of Life, die wir in Europa und Nordamerika haben.

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Die Southerners waren die untypischsten Southerners, die man sich vorstellen kann: Sie schimpften auf Amerika, auf die Gesellschaft, auf das Gesundheitssystem, auf ihre Nachbarn, auf den american Way of Life, auf das Militaer und die amerikanische Aussenpolitik, auf das Bildungssystem … kurz gesagt, sie haetten Europaer sein koennen.
Interessant natuerlich, das von der amerikanischen Warte zu hoeren. Der Southern-Stereotyp ist weiss, 50, fett, haesslich, steht auf Waffen und dicke Burger, wohnt in einem weissen Haus mit einer amerikanischen Flagge neben der Eingangstuere und faehrt am liebsten Auto.
Mr. und Mrs. South – ueberaus ulkige Leute, die ich echt nett finde – erzaehlen mir, dass dort, wo sie herkommen, auf der Grenze zwischen Florida und Alabama, der Grossteil der Eltern sagt: “Ich bin stolz, wenn mein Sohn/Tochter nach der Schule zum Militaer geht.”
Nicht zur Universitaet, nicht auf eine Reise, nein, zum US-amerikanischen Militaer. “Weil das Militaer einfach fuer alles zahlt.”
Jenes Ehepaar muss pro Person 1.000$ Gesundheitsversicherung zahlen. Die Versicherung zahlt so gut wie nichts, wenn sie krank sind. Jedes verschriebene Arztrezept kostet mehr als 150$. Ein Jahr Studium kostet etwa 25.000$. Exklusive Lebenserhaltungskosten, die die Studiensumme noch fast veranderthalbfachen.
Das Militaer kommt fuer all die Versicherungen auf, und mir scheint es fast, als wuerde alles, was wir in Oesterreich als Wohlfahrtsstaat kennen, in den USA einfach auf das Militaer verlagert werden: Sobald man drinnen ist, ist man in einem Wohlfahrtsmilitaer … das einen dann aber dummerweise in den Irak schickt.

Der Stereotyp des Southern US-American wird “Redneck” genannt. Redneck sind die Leute, die Gibberish reden, und einfach komplett doof sind. Diese beiden Suedstaatler waren alles andere als doof, ja, man koennte sie sogar als weltoffen bezeichnen. Allen Stereotypen liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Solange man selbst nicht genug ueber eine bestimmte Gruppe weiss und nicht genuegend Menschen daraus kennt, sollte man keine vorschnellen Urteile faellen.

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Nach dem Picknik geht es ab ins Kino. “The Montreal Singles Movie Fans Meetup” ist ein Kollektiv aus haesslichen, uebergewichtigen 35+ Jahre alten Leuten. Dass ich sie nicht gerne neben mir aufwachen sehen wuerde, heisst nicht, dass sie schlechte Menschen sind.
In groesstem Zeitdruck sprinte ich von der Metrostation bis zum Kino. Ich mache mir durchgehend Sorgen, meine Gruppe nicht zu finden und im Kinosaal laut “Where is the Meetup Group?” schreien zu muessen. Ich renne in das Einkaufscenter. Noch zwei Minuten, bis der Film beginnt. Die Gruppe ist bestimmt schon drinnen. Ich werde wohl im Werbeblock nach ihnen rufen muessen.

Als ich mit meinen Flipflops um die Ecke rutsche, begruesst mich ein schraeger Typ, um die 50, von Akne vernarbt, fahle Zuege in seinem Gesicht. Und auch wenn er so gruselig aussieht, stelle ich bald fest, dass er ein herzlicher Mensch ist.
“Hey, are you here for the Meetup group?”
“Yeah!”
“Ah, you must be Toby!” Wow. Wieso kennt jeder meinen Namen? Damit waere die groesste Last von mir gefallen – kein Schreien im Kinosaal also. Der Film kostet 2$.
Ich gehe in das Kino – alleine. Der Grossteil der Gruppe sitzt schon drinnen. “Nimm dir irgendeinen Platz.”
Angekommen am platz, merke ich, wie verschwitzt ich bin, und kaum sind die ersten fuenf Minuten vorbei, sitze ich ohne Hemd in meinem weichen Kinosessel.
Der Film hiess The Visitor und ist unglaublich empfehlenswert. Genauso wie in den USA, schaetze ich, wird es in Europa kaum Werbung dafuer geben; der Film ist ein Independent Film, gemacht von dem Gruender von ebay, und handelt von Immigration in den USA, von Schicksalsschlaegen und menschlichen Beziehungen. Mitreissend und emotional erzaehlt er die Geschichte eines Universitaetsprofessors, der nach der Reise zu einem Kongress herausfindet, dass ein Paerchen in seinem Apartment lebt. Diese sind Opfer eines Mietbetrugs, und durch diese Verstrickung wird das Leben des Professors von einer grauen Alltagssuppe zu einem bunten Leben voller Rhytmus.
Das klang jetzt wie ein Review in einer Frauenzeitschrift. Cool.
Trailer

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Des Nachts stolpere zuerst ueber ein Konzert in der Mitte der Stadt, gehe dann auf einen fetten Rave unter einer Bruecke, treffe dort einen Deutschen, drei Maedels und ihren schwulen Freund und finde eine Menge ueber die Partyszene Montreals heraus…

Romantisches Outdoor-Konzert in einem Park, 200m von meiner Haustuere entfernt: Klang wie Celine Dion, sang dasselbe Lied wie Celine Dion, kann gut kochen wie Celine Dion, und Celine Dion ist aus Montreal – aber wahrscheinlich ist die Dame auf der Buehne jemand anders.

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Der “Burning Bridge” Rave

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