“Jeder, der in die USA einreist, muss seine Fingerabdruecke hergeben. Fingerabdruecke sind bei jedem Menschen verschieden. So, und jetzt malt doch bitte eine Kartoffel!”, sagte die Kindergartentante.

Alter Kaese, weiss doch eh schon jeder. Aber nicht jeder war in Montreal, nicht jeder hat schon einmal den – unendlich suessen und trotzdem in richtiger Dosierung fantastischen – Ahornsirup getrunken.
Fuer mich als Fotogourmet ist natuerlich nicht nur das Essen, sondern auch das interessant, was wir jeden Tag “for granted” nehmen: Das Bild unserer eigenen Stadt. Geht man auf Urlaub, rennt man als staunender Hans-guck-in-die-Luft durch die Gegend, ist man aber in der Heimatstadt oder in den Familien-Pferdestallungen, bemerkt man nach fuenfzehn Jahren zum ersten Mal, dass man jeden Tag am Weg zur Arbeit ein knallrotes Haus gesehen.

Gewohnheitseffekt, nennt man so etwas. Grausam, denn es verschliesst einem das staendige Entdecken der gewohnten Umgebung. In Los Angeles war es aehnlich, nach einer Zeit lang habe ich mich an die Stadt gewoehnt. Doch anstatt mich damit abzufinden, sprang ich mit Absicht ins Auto und erkundete mein Umfeld.

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Und diese Tradition nimmt bestimmt keinen Abbruch.

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1.) Die Kanadier haben eine Vorliebe fuer Treppensteigen, Angst vor einer Springflut, oder eine Ueberproduktion an Metallstufen.
Denn aus irgendeinem Grund hat fast jedes dreistoeckige Haus eine kleine Treppe ins Erdgeschoss, eine weitere Aussentreppe in den den ersten, und eine Treppe innen in das Dachgeschoss.
Der wahre Grund ist wohl eher ein praktikabler: Eine Treppe aussen ist nicht innen. Kluge Feststellung, denn so muss man keinen Platz fuer ein Treppenhaus verschwenden (den gesparten Platz kann man dann zum Beispiel als Lagerraum fuer Ahornsirup im Falle einer Nuklearattacke aus Alaska nutzen).


Most common: 3 Stockwerke und Wendeltreppen an der Fassade

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Die alternative Lebensform: DDR-Plattenbauten.

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2.) U-Bahn-Stationen sehen alle anders aus – wahrscheinlich hat den Verkehrsbetrieben kein Architekt so richtig gefallen.
Das hat zwar das Problem, dass man sich nicht so einfach zurechtfindet, denn jede Station ist ein anderer Irrgarten – aber so wird einem auch nie langweilig.
Schwarzfahren ist unmoeglich, da jede Station Durchlass-Schranken hat, in die man seine Karte stecken muss, samt einem Kontrollhaeuschen, in dem ein boeser Mann sitzt.
Schwarzfahren ist kinderleicht, da jede Station Durchlass-Schranken hat, die dauernd kaputt gehen, und der boese Mann anscheinend sehr oft Werkzeug holen ist, und die Schranke aufmacht.

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3.) Downtown Montreal: Zwischen Hochhaeusern, geilen Schnitten und nassen Gassen.
In der Downtown-Area trifft man eine Unmenge heisse Frauen. Genauso aber auch verregnete Gassen und Hinterhoefe – ich bin ja schon so gespannt, wie das im Winter aussehen wird.
In der ganzen Spannung habe ich mir ein grossartiges Buch gekauft. Ihr duerft schon gespannt sein…

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4.) Jahreszeiten: There are two seasons in Montreal: Winter, and Construction.
Wenn es etwas in Montreal gibt, was schraeg ist, dann sind es die Radiomoderatoren, die sich ueber die taeglichen Stauwarnungen lustig machen. Alle moeglichen Autobahnstrecken sind halb gesperrt, da alle zur selben Zeit gebaut, und zur selben Zeit zerbroeselt. Die andere Jahreszeit ist Winter. Waehrend es in Wien Sommer ist, hat es hier angenehme 27 Grad. Brr.
Im Winter hat es dann eher so gegen minus 30 Grad. Wie erfrischend.

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5.) Sprache: Englisch und Franzoesisch. Entschudligung, Franzoesisch und Englisch.
Es gibt in Montreal ein Gesetz, das vorschreibt, dass ein offizielles Schild (Strassenschild, Penner-Pappkarton oder Irish Pub) immer in Franzoesisch als erstes, und in Englisch als zweites geschrieben sein muss. Das hilft natuerlich beim Franzoesisch lernen enorm, da man sich wie in einem riesigen Vokabelheft fuehlt.

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6.) Endlich keine hinterfotzige Freundlichkeit mehr.
Nice to meet you? How are you doing? I appreciate! Thank you SO much!
Endlich bin ich die verflucht-aufgesetzten, kalifornischen Regeln los. Hier sagt man sich guten Tag, wie gehts (und wartet auf eine Antwort), Merci, und das wars.
Endlich sitzen wieder Leute mit griesgraemigen Gesichtern in der U-Bahn und tragen keine Gummibaender um den Kopf und in die Mundwinkel hinein, nur um dauernd grinsen zu koennen.

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7.) Das niedlichste an den Kanadiern? Ihre Schlangen!
Sie sind einfach ueberall. Und sehen total bekloppt aus. Auf der Busstation stellen sich die Laeute in einer Einserreihe an, um auf den Bus zu WARTEN. Am Bahnhof auch, bevor sie zu den Bahnsteigen hinuntergelassen werden. Anstehen fuer einen Zug? Trinken Sie doch einfach ein bisschen Maple Syrup…

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8.) Das Raumschiff von Montreal
Am Eingang steht “Bank of Montreal” drauf. BOM.

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9.) Vive la Quebec liber!
Die Separatisten lassen gruessen.

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