Ottawa ist die Regierungshauptstadt. Und da Alex im Parlament gearbeitet, sollten wir dem guten Hause doch einen Besuch abstatten.

Auf dem Weg begenen wir der amerikanischen Botschaft, auch “Nuclear impact proof Superfortress” genannt. Doch das ist das letzte Ueberbleibsel der amerikanischen Terroristenparanoia. Ins Parlament kommen wir ohne Ausweis hinein, der Parkwaechter winkt uns einfach durch, und wir parken gratis wie jeder Mitarbeiter direkt vor dem Parlament – dass Alex dort gar nicht mehr angestellt ist, schert den Waechter wenig. Uns auch.

Rund um das Parlament stehen Statuen von Adeligen, Intellektuellen, Hofgesinde, und alle streiten sich in ihrer Lebensgeschichte mehr oder weniger um den meisten Alkoholkonsum und die absurdeste Todesursache. Mindestens die Haelfte von den in Bronze geschnitzten, die Alex uns zeigte, wurden von einem Attentaeter umgebracht.
Angst vor weiteren Terrorangriffen oder Meuchelmorden? Aber wo denken Sie denn hin. Die Fuehrung durch das Parlament ist selbstverstaendlich kostenlos. In einem grossen Bierzelt holt man sich ein Ticket, um dann an einer Fuehrung durch den West-, Ost- oder Centerblock zu machen.

Angefangen im Ostblock – von DDR leider keine Spur – erleben wir eine grossartige Tour durch das Gebaeude.
Aus Erfahrung weiss ich, wie nett es als Tourguide ist, wenn man wen zum Quatschen hat. Unser Tourguide war ein nettes Maedel, also gebe ich ihr ein sarkastisches Kompliment ueber ihr Outfit – eine echte Oldschool-Uniform.

“Yes, looks like a 70’s Flight Attendant, huh?”, meinte sie zurueck. So ein Schelm. Die anderen Touristen holen uns nach dem Marsch vom Bierzelt zum Ostblock ein.

Waehrend unser Tourguide in der gewohnten Unstoppable-Wasserfall-Manier losbrabbelt, uns im Jahre 1872 willkommen heisst, kommt ploetzlich eine Dame und ein Gentleman des Weges, aristokratisch-barock gekleidet, und sie unterhalten sich ueber den neuen Ministerpraesidenten, bevor sie das Haus betreten. So etwas abgedrehtes kann nur in Kanada sein: Da praesentiert sich das Land mit seinem Parlament und seiner politischen Geschichte, und benutzt dafuer dramatische Laienschauspieler, die zeitgemaesse Figuren niedlich imitieren. Muss wohl am vielen Ahornsirup liegen.

Waehrend alle anderen bei der Tuer hinausgehen, kritzle ich auf einen Feedback-Fragebogen. Das ist das belohnendste, was man einem Tourguide geben kann: Ein schriftliches Feedback.
“Do you have facebook?”, frage ich sie, waehrend Miss Tourguide mit meinen Freunden brabbelt.
“What?! Uhm …, yeah, I have facebook!”
“Okay, so it’s A-l-i-c-e .. what’s your last name?”
“Just write me your name, and I’ll add you.”

Auch wenn sie sich nicht meldet – das ist das zweite Belohnendste fuer einen Tourguide: Um eine kontaktinformation zu fragen. Diese Geste sagt aus: Deine Tour war awesome, ich wuerde gerne wissen, wie du ausserhalb des Berufs bist. Und Facebook ist fuer so ein Statement perfekt, da relativ unverbindlich.
Mir ist das auch einige Male passiert, als ich Tourguide im Museum of Tolerance war – man erinnert sich an Das richtige Date mit der falschen Frau

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Brennendes Wasser. In Ottawa hat das Leitungswasser einen durchschnittlichen Whiskeygehalt von 23,5%.

Die Tour durch den Centerblock wurde von einer moeglicherweise huebscheren, jedoch nicht so attraktiven Dame gegeben. Ihre Interpretation von “Jeder soll mich hoeren” war: Ich schreie so laut ich kann, und ihr hoert doch bitte alle zu. Keine Ahnung, woher sie die Stimmbandsubstanz und den Atem hernimmt, fuer die halbe Tour aus voller Kehle zu kreischen.

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Was an diesem Tag nicht fehlen darf, ist ein kleiner Happen am See mit anschliessender Boots-Erfahrung. Das Gericht unserer Wahl ein sogenanntes Putin, was vielleicht mit der Blondheit des russischen Underground-Hero Wladiktatimir Putinman zu tun hat. Der Fettgehalt ist zumindest enorm.


“Ah, Miss, excuse moi, but could I have some more FAT?”

Zweiteres war dann die Bootserfahrung. Ich, als Kind in Erwachsenenschuhen, habe schon immer Kanus

beliebaeugelt, und jetzt bietet sich die Gelegenheit. Paddel, Schwimmweste, bisschen Wasser im Boot – alles, was man fuer eine grossartige Bootserfahrung braucht. Dass Johanna auch noch Rudersport macht, war zuerst eine willkommene Tatsache, wird aber bald zur muehseligen Feststellung, dass sie niemals gesteuert hat.

Eine halbe Stunde spaeter sitzen wir, ich komplett angesauert und sie im Hintergrund lachend. Meine

Vorstellung von Kanufahren war, mit hoher Geschwindigkeit an den alten Omis in ihren laecherlichen Tretbooten vorbeizubrausen und sie mit unserer Heckwelle einzunaessen – Johanna interpretierte Kanufahren eher als einseitiges Bremsen, was natuerlich im Kreisfahren endet.

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Wieder bei Alex zuhause, haben seine Eltern ganz lecker gekocht; das Anprobieren von klassischen Outfits und der versoehnliche Einsatz von Gesichtsmasken sind ein grossartiges Dessert.

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…………………………………………….. Brokeback Mountain, as it is!


Empfehlenswert: Ein Bierlokal in Ottawa, in dem man ueber hundert Sorten kaufen kann – wir entscheiden

uns fuer ein Cognacbier, das in den dazugehoerigen Glaesern serviert wird.
JUHU ICH KANN WIEDER TRINKEN.


begnadeter Regisseur in freier Wildbahn

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