Im Hostel, wo ich eine Bleibe gefunden habe, habe ich eine schwedische Familie kennengelernt. Anton, 3 Schwestern, Stiefpapa und Mama. Und die Schweden sind ja ne recht gesellige Zunft, also beschlossen wir, gemeinsam auf einen Shoppingtrip nach Brooklyn zu gehen.

Das einzige Problem war: Ich bin homeless fuer eine Nacht. Wie das kommt, erzaehlt euch der Kasperl:

Also der Tobias, dieser gutaussehende, schoene Mann, der hat sich einmal gedacht, jodeldi und jodeldo, ich schau mir mal das Hostel an, und wenn ich alle lieb hab, dann bleib ich dort laenger. Doch trallala was geschah am zweiten Tag, als er alle lieb hatte? Alle Betten waren zugedeckt mit Menschen, und er fand keinen Platz! Also war der liebe, schoene Tobias ein obdachloses Stueck Elend.

Obdachlos fuer einen Tag ist echt halb so wild, wenn man schon mal aus dem Museum of Tolerance gefeuert worden ist. Auf hostels.com waren alle anderen Hostels in ganz New York City in dieser Nacht auch besetzt. Also habe ich meine Koffer in den Storageroom stellen lassen und mich nicht weiter gekuemmert, mir wird schon was einfallen.

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Also gehe ich los, mit Anton und seinen zwei blonden Schwestern.


Cooler Name… speziell fuer mich als paranoiden Euroamerikaner.

An der very, very letzten U-Bahn-Station in Brooklyn steigen wir aus und fuehlen uns etwas fehl am Platz. Political correctness is a pain in the ass – und trotzdem waren wir so gut wie die einzigen unserer Hautfarbe in dem Viertel. Die Leute waren total freundlich und nett, aber trotzdem fuehlten wir uns etwas allein.

Anton faellt in einen Shoppingwahn und kauft sich eine Hose nach der anderen, tuermt die Shirts in dicken

Einkaufstaschen und macht grosse Boegen um Schuhgeschaefte – er verfiel schon gestern dem Reiz von glaenzenden Schuhen. Schlussendlich kaufe ich mir eine unendlich pimpige Brille, um mein Kostuem als PALEMAN zu vervollstaendigen.

PALEMAN ist der Antihero schlechthin; er traegt ein schwarzes Koestuem, und sobald er es ein wenig hochkrempelt, werden alle seine Feinde von derkaeseweissen Haut – die noch nie eine Melaninfaerbung gesehen hat – zu Tode geblendet. Awesome!

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Den kroenenden Abschluss in diesem Shoppingviertel bildeten drei Kampfprediger, diemit dem Slogan “Jesus is BLACK!” Zustimmung erregten. Und meine Kameralinse. Und obwohl ich ihm mehr oder weniger direkt im Gesicht sass waehrend ich ihn fotografierte, beachtete er mich kein bisschen; wie ein Schauspieler, der seine Rolle aufrechterhaelt. Die Argumente waren relativ nichtssagend, aber bewiesenermassen gab es in Israel damals nur Afroamerikaner (sogar bevor Amerika von den Europaern entdeckt wurde, ist das nicht beeindruckend?) und Suedamerikaner (die segelten wohl auf Kanus in den nahen Osten, das braucht definitiv ne Portion Muskelschmalz und viel Wind).


Wieso lernen wir das nicht in der Schule, ist doch total logisch!

Um dem ganzen ein Ende zu bereiten, bekam ich einen Anruf. “Tobias, schnell, in einer halben Stunde brauchen wir dich online!”
Ich stehe in einem Computerspiele-Laden. Finde einen Starbucks, tippe blitzschnell meine Kreditkartennummer ein und … bin online. Bereit, mit meinen Eltern und 170 anderen Leuten zu skypen.

Meine Mama und mein Papa werden gemeinsam hundert Jahre alt. Das ist ein recht runder Geburtstag. Und deshalb haben sie ne Menge Leute eingeladen, die dann den grossen Sohnemann auf einer grossen Leinwand per Skype-Videokonferenz bestaunen koennen. Gebannt muessen sie wohl auf diesen Gentleman in Brooklyn gestarrt haben, der allerlei Geschichten zu erzaehlen wusste – und fuer mich waren 170 Leute in einem kleinen Loch im Bildschirm, der Webcam, vereint. Ich konnte sie nicht sehen, was das Ganze von einer oeffentlichen Rede in ein Telefonat mit meinen Eltern und eingestreuten Lachkonserven verwandelte.

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Duschen, und ab gehts zum Essen. Wir finden uns wieder ineinem wunderschoenen Thai-Restaurant; die Schwedische Familie mit dem oestrreichischen Rotzloeffel. Das Essen ist billig, klasse dekoriert und total lecker. Das genaue Gegenteil von dem, was man ueblicherweise erlebt.
Auch wenn Liebe durch den Magen gehen mag, Familiensinn tut es nicht. Die – mindestens ne Stunde haben sie dafuer gebraucht – aufgetakelten drei Maedels wollen unbedingt in einen Club gehen, Anton, ich, sein Stiefvater und Frau Mama wuerden gerne auf die Brooklyn Bridge.

Und die Eltern entscheiden, dass die Toechter zuerst auch mit muessen, und nachher in einen Club gehen koennen; ist es schliesslich ja erst Mitternacht. Die drei werden unendlich angefressen, und fuer die naechsten zwanzig Minuten gibt es Diskussionen und beinahe Traenen. Wir stehen an der Strassenecke, die Maedels starren ins Leere und sinnieren romantisch ueber all die notgeilen Bolzen, die sie im Club haetten treffen koennen.
Die Maedels sidn angefressen, dass sie nur ganz kurz in einem Club sind, und nicht wirklich die Brooklyn Bridge sehen wollen. Der Vater ist angefressen, weil die Toechter nichts mit der Familie unternehmen wollen. Und die Mutter ist angefressen, weil es Meinungsverschiedenheiten in der Familie gibt. Eine Dilemmasituation also.

Doch hier kommt der Clou:
Anton macht den smoothesten Move mit Frauen, den ich seit langem gesehen habe. Er winkt eine vorbeifahrende Limousine an den Strassenrand, verhandelt ein bisschen, und sagt zum Rest: “Okay, ten dollars per person, and we will drive to Brooklyn Bridge with a limo!”
Und ploetzlich sind wieder alle mit der Welt versoehnt, alles ist wieder gut, die Traenen sind getrocknet, es spielt Clubmusik in der Limo und die Brooklyn Bridge ist awesome.

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“Oh shit, it’s nearly 1:10!”
“Damn, let’s get a cab, we have twenty minutes to get there!”

Anton und ich laufen von der Aussichtsplattform in Richtung Bruecke, erwischen einen verrueckten Taxifahrer und kurven quietschend und beschleunigend von Spur zu Spur zum Times Square. Der Times Square bei Tag ist unvergleichlich mit dem bei Nacht – wenn es dunkel ist, und die ganzen leuchtenden Reklamen die Strassen hell scheinen lassen, dann ist es erst richtig beeindruckend.

Wir gehen in ein Kino namens AMC 25. Gestern kam “Batman – The Dark Knight” heraus, und heute sehen wir uns ihn an. In Oesterreich gibts diese Luschenkinos mit drei Vorstellungen am Tag – im AMC 25 gab es um 1:30 inb der Frueh sechs (!!) Vorstellungen nur fuer den Batman-Streifen.

Und der Film war der Hammer. Sehr, sehr sehenswert, allein schon, weil sich Heath Ledger – der den Joker spielt – ins Jenseits befoerdert hat.

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