Es ist der 3. Juli. Etwas klingelt, es ist etwas draussen, ausserhalb von meinem Kopf – ich wache auf und bekomme eine Voicemail um 6 Uhr in der Frueh… von einer Gedenkdienst-Stelle in Detroit. Vielleicht ist es noch nicht zu spaet.

Finde ich bis 6. Juli keine Stelle, ist alles vorbei. Der blog wird geschlossen, ich verlege mein Ticket nach Oesterreich auf Mitte Juli, und fliege nach Hause. Vielleicht nach Muenchen, dort wuerde sich eine weitere Gedenkdienststelle bereiterklaeren, mich aufzunehmen. Muenchen ist eine tolle Stadt. Aber die Kultur ist deutschsprachig. Die Kultur ist so aehnlich zu dem, was ich seit 18 Jahren gewohnt bin – und ich will mehr ueber die Welt wissen, mehr erfahren, mehr erleben, weit, weit weg von Zuhause.

6000 Meilen, 9000 Kilometer von allem was ich wusste, alles was ich kannte, alles was ich liebte, sitze ich auf meinem Bett im Luft, die Klimaanlage huellt mich in ein Rauschen. Routinemaessig schreibe ich Mails, verzweifelt, entnervt, ziemlich energielos.

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Ein Licht flackert auf, etwas vibriert, und dann joint der Klingelton.
“Hello, this is Toby speaking?”
“Hey Tobias, Lukas hier!” Es rauscht ganz arg. “Wie gehts dir?”
Lukas, der mich mal besuchen war.
“Ja, geht so… weisst eh, ich such immer noch nach ner Stelle, koennt was mit der in Detroit werden, ich muss da nochmal zurueckrufen, ich hab sie noch nicht erreicht.”
“CHHRZZKRCHHRR”
“Du, es rauscht ganz arg..”
“Tobias, suchst du immer noch nach einer Stelle? CHHHRRKZCHH?”
“Ja, voll, aber es ist halt ur schwer, weil …”
“Magst du zu uns nach Montreal kommen?”
“WAS! MONTREAL?! Ernsthaft?!”
“CHRRKZZ – Ja, du waerst willkommen hier!”
“Switchen wir zu Skype, ich versteh dich kaum!”

Dieser Lukas ist gerade in Kanada als Gedenkdiener, ein einwandfreier Typ, der damals ins Jaccuzi in Hollywood gehopst ist. Und jetzt ruft er mich an, hat durch Zufall erfahren, dass ich gefeuert wurde – ich habe es ihm nicht erzaehlt – und bietet mir an, das zu vermitteln.
Legt die romantische Musik auf, Kinder, denn das ist so herzerweichend. Wie ein schlechter Film.

Diese Phrase verwende ich zu oft in meinem blog. Mit Recht.

Wir skypen. Er ist gerade an seinem Arbeitsplatz, und seine Chefin kommt dazu, spricht mit mir, spricht mir ihr Beileid aus und meint, klar Tobias, komm rueber, wir koennen deine Faehigkeiten gebrauchen!

Was genau macht ihr denn dort, frage ich Lukas. Webdesign im Sommer, Arbeit mit Schulklassen im Winter. Genau das, in was ich gut bin: Kunst, und vor Leuten sprechen. Geil.

Lukas gibt mir alle Anweisungen, was ich fuer das kanadische Visum alles brauche und schreibt mir eine lange step-by-step-email.
Ich schwebe auf Wolke sieben und sehe die wunderschoenen schwarzen Fetzen, die die vierte Wand meines Zimmers ersetzen. Was fuer schoene Fetzen das doch sind.

Und hiermit schliesst sich der Kreis. Zwar muss ich den Blog bald umbenennen, aber ich bleibe am selben Kontinent. Meine vielleicht groesste Sorge war, dass ich die Freunde, die ich hier in Los Angeles gewonnen habe, nie mehr wieder sehen wuerde.

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Und jetzt?

Jetzt werde ich packen. Zelte abbrechen. Mein Auto verkaufen. Versicherungen kuendigen. Einen Flug nach New York buchen, und von dort aus mit einem Auto nach Montreal fahren.
Ich werde dem Museum of Tolerance alles geben, was je darin entstanden sind – viele Zeichnungen, die ich noch nicht veroeffentlicht habe. Geduldet euch ein wenig, ihr werdet sie auch zu Gesicht bekommen.

Ich werde mich von meinen Freunden verabschieden, und im Winter, wenn es in Kanada bitterkalt ist, zurueck kommen und sie besuchen. Ich werde mein Surfboard verkaufen, und meinen Neoprenanzug muss ich auch loswerden.

Ich werde ein kanadisches Visum beantragen, und mir das amerikanische als Andenken behalten. Bleibt mir nicht viel anderes uebrig, schliesslich ist jenes Q1-Visum in meinen Pass getackert worden.

Q1 steht fuer kulturellen Austausch. Und den habe ich betrieben.

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