Ich stehe im Staffroom und zeige Eleanor eine Zeichnung, die ich gerade fertig gemacht habe.
“Alex’ Vision: The Museum of sporty Tolerance” heisst sie.
Auf der Zeichnung sieht man eine Version des Museums, die voller Sportgeraete, Laufbahnen, Radfahrern usw. ist. Komisch, verrueckt, abgedreht.

“You’re so creative! I love it!”, sagt sie.
“Yeah, that’s what I noticed too!”, sagt Rina. “And those guiding drawings, be sure to copy them for us!”
“I will.”, antworte ich und ruecke die Zeichnungen zurecht, die ich in den Touren benutzen wollte, bisher aber noch nicht die Gelegenheit dazu hatte.

Das Telefon klingelt.

“Museum of Tolerance, Eleanor speaking, how may I help you?”
Ich sehe sie an.
“Yes, he’s standing right in front of me!”, sagt sie und nickt.
“Shall I send him over? Okay, alright, thank you!”, beendet Eleanor das Gespraech.

Ich soll also zu Liebe, der Direktorin des Simon Wiesenthal Centers, und somit hoechste Vorgesetzte des MOT, gehen. Gut, denke ich mir, packe mein Clipboard, und mache mich auf den Weg.

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Der heutige Tag war wie ein Abschied – das sind viele meiner Tage hier in Los Angeles: Intensiv, voller Emotionen, Menschen, Erlebnissen… erinnerungswuerdige Tage.
Ismael, ein netter Latino aus dem Putzteam, zeichnete mir eine Karte von El Salvador, und zeigte mir, wo er herkam.
Monica verabschiedete sich, sie fliegt einen Monat lang nach Guatemala, um in einem Waisenhaus zu arbeiten.
Lydia war schon im Flugzeug nach Fiji, um dort einen Sozialdienst fuer vier Wochen zu machen.
Und ich? Ich habe dem Tools for Tolerance-Department mein Bestreben mitgeteilt, am Programm teilnehmen zu wollen. Am Montag ist Ende der “Busy Season”, ab da haben alle Schulen Ferien, und im Museum gibt es eine kleine Feier fuer die Tourguides.

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Alex haelt mich auf.
“Toby, what’s going on?”
“Oh, I have to go to Liebe. I don’t know whether it is something good or bad..” Ich oeffne die Glastuere nach draussen. “It’s like walking to the Gilloutine, you never know if it comes down to you or not.”, sage ich spasshalber und quetsche ein Laecheln hervor.
“Yes.”

Ich ueberquere Pico Boulevard, sechs Spuren hat diese enorme Strasse, und eine haltende, brummende Karawane aus Blech fukelt in der tief stehenden Sonne. Wie warm es doch ist, denke ich mir.

Die nette Security-Dame Betty, die ich anfangs nur mit Smalltalk begruesste, in letzter Zeit aber besser kennengelernt hatte, schickt mich in den zweiten Stock. Der Aufzug fuehlt sich traege an, die gefaelschten Holzpaletten spiegeln sich im metallenen Handlauf, der mich umgibt. Ich steige aus, gehe durch das Sicherheitstor im 2. Stock. Hier arbeiten nur wichtige Leute, Leute, die sich Gedanken machen, wie man die Institution weiter vergroessert, den Finanzen, die Filmabteilung – kurz gesagt: The guys from the second floor. So nennen wir sie ehrfuerchtig.

Und da steht sie: Eine sehr modebewusste Dame, in einem creme-lila Anzugkleid, mit geuebt gesetztem Lippenstift, einem freundlichen Flackern in den Augen und einer sehr autoritaeren Ausstrahlung. Die Redefertigkeit wird von diplomatischen Gesten unterstrichen.
Sie beendet ihr Gespraech mit einer anderen Mitarbeiterin.
“Toby, please, come in.”

Ich betrete das Buero. Ausblick auf eine Wand, trotzdem angenehm eingerichtet, viel Holz, und eine Menge Papier – Zettel und Buecher, wohin das Auge blickt. Das ist das Buero einer sehr belesenen Frau, einer starken Repraesentation eines der maechtigsten NGO’s der Welt. Und nichts desto trotz hat sie eine bescheidene Art, mit dir umzugehen.

“I wanted to show you something, Liebe.”
Ich treffe ihren Blick. Kalt.
Mein Herz wird schwer und schlaegt erbarmungslos gegen meine Lungen. Meine Stimme zittert, ich versuche mich zu beherrschen. Ruhig. Es ist alles in Ordnung. es ist alles in Ordnung.

Ich zeige ihr meine Skizzen, die den Gruppen helfen sollen, sich schneller zusammenzufinden und die Gruppenfuehrung zu vereinfachen.
“That is a very good idea, Toby. I like it. But I have bad news for you.”

Ich gebe mich unerwartet, doch sie hat mich bestimmt schon durchschaut. “Really? What is it?!”
Amateurhaft. Sie muss schon tausende Menschen gesehen haben, die sich verstellten, um die Ruhe zu bewahren. Meine knie werden weich, obwohl ich sitze.

“I fear we have to terminate your internship at the Simon Wiesenthal Center.”

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Mein Atem erstarrt. Mein ganzer Koerper scheint sich zu verkrampfen, zu winden. Meine Luftroehre verdreht sich zu einem Strick. “I … I … terminate? What … how …” Ich finde meine Worte nicht. Unter meinem Kinn ziehen Muskeln in Richtung meiner Augen, mein Rachen verengt sich, und ein taubes Gefuehl verbreitet sich in meinem Gesicht.

“The decision was made. We have to terminate your internship.”

Ich stosse Luft aus. Sacke ein. Mein Koerper lehnt sich vorwaerts, mein Daumen streichelt unbarmherzig und quetschend meine andere Hand. Ich fuehle, als muesste ich mich uebergeben.

Alles, alles, aber wirklich auch alles haengt an diesem Job. Ich fuehlte mich, als ob gerade jemand den seidenen Faden, an dem meine Seele hing, gekappt haette.
Flashbacks. Alex’ trauriger Blick, als ich ihm winkte und ueber die Strasse ging. Eleanors Blick, als ich mich auf die andere Strassenseite begab. Meine Vorstellungen. Meine Traeume. Liebe’s Blick, als sie mich heute Mittag im Museum sah. Betty, als sie mich hochsendete. Liebe, als sie mich in der Sicherheitstuere sah.

“Can’t we … talk about it? I mean, there must be a … a way, to, to, to think it over, to..”
“To reconsider it?”
“Yes, that was the word I was .. searching for.” Ich beisse in meine Lippe. Wieder ueberkommt mich ein Schwall Luft aus meinem Inneren.
“I am very sorry that it took this end. The decision was made by the human resources management and by security. It is too dangerous for us, and for you too.”, sagt sie, etwas mitleidig, aber standfest.

“I don’t understand! Too dangerous?”
Eine Traene rinnt meine Wange hinab. Tobias, fasse dich. Es ist nicht fair. Nicht fair fuer Liebe, die dir nur eine Botschaft ueberbringt. Weine nicht, das gibt ihr schlechte Gefuehle, die sie nicht verdient hat.
Ich huste trocken, doch es reisst meinen gesamten Koerper mit sich.

“But they don’t know all the stuff .. they … they always … always .. just .. see.. Liebe … I” – und das war genug fuer mich. Ein letzter Schwall Luft stoesst auf, durchbohrt mich schier. Meine Augen krampfen sich zusammen, ich beuge mich, mein Mund verzieht sich zu einer starren Grimasse, meine Sicht ist verdellt, schwummrig, nebelig. Ich spuere die Feuchtigkeit in meinen Augen, und meine Sicht ist von seifenblasenartigen Wirbeln verzerrt.
Ich will es stoppen, einatmen, diesem Ausbruch einen Einhalt gebieten. Doch es steckt ein Ventil in meinem Hals – alles hinaus, und nichts hinein. Ich japse. Und dann verengt sich alles – meine Lungen, meine Augen, mein Mund, meine Nasen – und ich weine. Ich weine.

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Zum ersten Mal seit fuenf Jahren weine ich. Meine Stimme erstickt, mein Gehirn wird von Emotion zerquetscht.

Ich versuche weiter, mit Liebe zu verhandeln. Aussichtslos, ich kann keinen Satz zu Ende bringen.

Es war eines meiner groessten Probleme: Ich hatte geglaubt, das Weinen verloren zu haben. Ich dchte, ich koennte diese Emotion nicht mehr stark genug fuehlen, dachte, ich haette mich genug verhaertet, um staerker zu sein, aber einen Teil von mir dafuer einzubuessen.

Die Direktorin sieht mich an. Mit einer Geduld, die nur ein Engel haben kann. Ich stammle, sie sieht mir in die Augen und wartet, bis ich meinen Satz zu Ende bringe. Ich keuche Wortfetzen, die von Schluchzen aufgesogen werden.

Ich sah mir immer gerne traurige Filme an, mit dem Hintergedanken, ich koennte endlich bei einem der Filme weinen. Wie es Maedchen immer konnten. Sah ich trauernde, von Weinkraempfen geschuettelte Menschen, spuerte ich Neid. Wollte es ihnen gleichtun. Ich brachte es zustande, einige wenige Traenen hervorzuquetschen. Das kann jeder, dafuer braucht man nur zu gaehnen.

“They … always .. just … they … believe me, I …” – und es erdrueckt mich abermals.

Aber egal, was passierte, ich konnte es nicht. Ich konnte nicht mehr weinen. Das letzte Mal, als ich bitterlich weinte, war, als ich 14 war. Ich hatte zum ersten Mal auf eine Englisch-Schularbeit die Note 4 erhalten – zu der Zeit brach eine Welt fuer mich zusammen. Die Welt, in der ich mich meinen Kindern erzaehlen hoerte “.. und als ich im Gymnasium war, hatte ich NIE eine 4! Nie! Ich war ein guter Schueler.”
Ich hatte geweint. Meine Klassenkollegen, auch die, die mich nicht mochten, waren gekommen, um mir sanfte Klapser auf die Schultern zu geben und mir gut zuzureden.
Doch jetzt? Niemand. Ich war alleine, alleine in einer riesigen Institution, im vielleicht wichtigsten Zimmer des Gebaeudes, und ich fuehlte mich machtlos. Wehrlos.

Ich war mehr als eine halbe Stunde in Liebe’s Buero. Meine Gedanken, meine Gefuehle kreisten um drei Bilder, drei von Grund auf ehrliche Bilder – und doch nur eines dieser Themen sagte ich zu Liebe.

  1. Der Drang, zu handeln, der Machtlosigkeit zu entfliehen. Ich moechte hier bleiben. Der Job ist mir so wichtig geworden, seitdem ich hier bin. Ich bin leidenschaftlich, und auch wenn ich nichts bezahlt bekomme, ist es so ein gutes Gefuehl, diese Kinder lernen und diskutieren zu sehen, zu sehen, wie man etwas in ihnen veraendern und gemeinsam verbessern kann.
  2. Die Bewunderung von Liebe, die an Stellen unseres Gespraechs wortwoertlich minutenlang zuhoerte, waehrend ich vielleicht zwei oder drei Saetze hervorbrachte. Diese Geduld, Ausdauer, und gleichzeitig diese Unverwundbarkeit, nichts, an dem ich mich festhaelten haette koennen.
  3. Die Erleichterung, auf die ich fuenf Jahre meines Lebens gewartet hatte. Die Erleichterung, dass die Welt mich nicht verbittert und hart genug gemacht hatte, um mir meine Emotion der Trauer zu rauben. Die Erleichterung, dass die gesellschaftlichen Ansprueche an einen Mann – Standfestigkeit und Kontrolle der eigenen Emotionen – nicht genug Macht ueber mich ergriffen hatten. Ich war stolz, dass ich weinte.

Waehrend mein Koerper vollkommen unkontrollierbar wurde und in einen Weinkrampf verfiel, blieb mein Gesit relativ klar, und ich konnte mich selbst von aussen betrachten. Es war ein seltsames Gefuehl, wie ein Saeugling zu stottern, und gleichzeitig eine tiefe Einsicht in die eigene Emotionswelt zu haben. Ich versuchte, so viel wei moeglich zu observieren, um spaeter daraus zu lernen, zu wissen, wie es sich anfuehlt und wie es aussieht.

Ich empfand es als unfair gegenueber meiner Chefin, diesen weinenden Teenager leiden zu sehen, obwohl sie ja nichts dafuer konnte – sie war ein Bote, und die Schuld und Verantwortung an der ganzen Miser trug ich allein. Ich bat sie, mir fuenf Minuten Pause zu geben, sie willigte wohlwollend ein, brachte mich in die Lobby, gab mir ein Glas Wasser und wartete in ihrem Buero auf mich.
Das ist eine echt grosse Geste, die ich unglaublich respektabel finde: Sie, die Direktorin, wartet, um mir den Abschied einfacher und fassbarer zu machen, um meiner Seele eine kurze Pause zu geben.

Ich schreibe einen Zettel mit meinen Argumentationspunkten, fuer den Fall, dass ich wieder die Sprache verliere. Als ich das Buero wieder betrete, merke ich, dass es aussichtslos ist: Ich bin Gast in einem Weltbild, das ich noch nicht komplett verstanden habe. Ich verabschiede mich von ihr. Es ist vielleicht das letzte Mal, dass ich die Direktorin des SWC sehen werde. Sie geleitet mich zur Tuer hinaus und schliesst sie leise.

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Im Museum begegne ich Kenny, der mein schmerzverzerres Gesicht sieht. “What happened, Toby?!”
Wir fahren in die Parkgarage hinunter und ich erzaehle ihm alles. Breche wieder ins Weinen aus. Die Abschiedsumarmung tut echt gut – Kenny zieht nach San Diego, und ich werde ihn wohl laenger nicht sehen.

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An dem Punkt, als ich mit dem Auto wieder das schwindende Tageslicht erblicke, werde ich urploetzlich ruhiger. Schreie kurz. Horche in mich. Bruelle. Horche. Ich bin den Kummer schon etwas los geworden – doch meine Gedanken sind nun sehr ungeordnet, verzweifelt:

Was passiert mit mir, was passiert mit meinem Gedenkdienst? Was passiert mit dem Visum? Was passiert mit den Freundschaften, die ich knuepfte, was passiert mit meinen Plaenen? Das Theaterstueck? Meine Roommates? Was passiert mit meinen Arbeitskollegen?
Ich will nicht entschwinden.

Ich will nicht ins Vergessen geraten – so, als ob ich nie da gewesen waere…
Ich fuehle mich, als waere ein Teil von mir gestorben.

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