Es gibt dieses eine Wort in Wienerisch, das heisst

zach.

Zach bedeutet: So zu Tode langweilig, dass es echt anstrengend wird.
Und zach war diese Woche. Nicht nur zach, um ehrlich zu sein, war es niederschlagend, erdrueckend. Ein Soap-Opera-Drama der Superlative, und zwar ausserhalb der glaenzenden Mattscheibe mit seinen platten amerikanischen Serien und den widerlichen Shows.

Wird man von einem ueblichen Job gefeuert, verliert man hoechstwahrscheinlich die Einkommensquelle (ausser man ist nebenberuflich Zuhaelter oder Strichjunge). Das kann dramatisch sein, doch als junger Mensch, in den vielen Staaten der Welt, wird man von den eigenen Ersparnissen, Eltern, Freunden oder dem Wohlfahrtssystem aufgefangen.

In meinem Fall ist das etwas anders:
Der Gedenkdienst ist an zwei Dinge gebunden: Die Arbeitsstelle und die Traegerorganisation. Meine Traegerorganisation, die groesste und stellen-reichste in Oesterreich, ist Auslandsdienst.at
Der oesterreichische Auslandsdienst ist fuer jedermann zugaenglich, der unter 28 ist. Hat man eine Zivildienstpflicht-Bescheinigung vorzuweisen, wird man staatlich unterstuetzt, kann aber auch “selbstfinanziert” ins Ausland gehen und dort arbeiten.

Meine Arbeitsstelle war das Museum of Tolerance. Da mein Internship terminiert wurde, faellt folgendes flach:

  1. Mein Gedenkdienst. Finde ich nicht bis zum 6. Juli eine neue Stelle, muesste ich zurueck nach Oesterreich und Zivildienst leisten.
  2. Meine Finanzierung: Unvollendete Auslandszivildienste werden NICHT unterstuetzt. Sprich, finde ich bis zum 6. Juli nichts, bekomme ich keine finanzielle Unterstuetzung vom Staat, die ich dann an meine Eltern zurueckzahlen koennte.
  3. Mein Aufenthalt in Los Angeles oder den USA: Ohne Gedenkdienst keine Arbeit. Ohne Arbeit keine Arbeitserlaubnis, und ohne Arbeitserlaubnis kein Visum fuer Kulturellen Austausch. Und ohne Visum muss man das Land verlassen.
  4. Meine Kollegen: Ich arbeite nicht mehr mit ihnen, habe nur von ein paar die Handynummern.
  5. Meine Freunde: Muss ich das Land verlassen, kann ich nur ueber Facebook oder Skype Kontakt halten. Und da ich nicht weiss, wann und ob ich einmal wieder zurueck komme, macht das wenig Sinn.
  6. Meine Rolle im Theaterstueck “An ideal Husband” – 6. Juli ist meine Deadline, und am 19. Juli waere die Eroeffnungsperformance.
  7. Mein Auto, meine Wohnung, meine Traeume.

Und ihr seht schon – alles ist miteinander verknuepft, alles haengt voneinander ab – und wenn einer der Kloetze aus dem Jenga-Stapel gezogen wird, faellt alles auseinander. Und der ganze Stapel stand nun mal auf einem einzigen Klotz, mit einer eingeschnitzten Inschrift: “M.O.T.”

Und so verlaeuft diese Woche. Zuerst drehte ich dem Blog den Hahn ab, weil ich mich auf andere Dinge konzentrieren musste – wie zum Beispiel den ganzen Tag vorm Laptop sitzen, hektisch telefonieren, ellenlange Emails schreiben, depressive Miene schieben und von meinen Roommates schief angeschaut werden.

Am Abend meines Rauswurfs telefonierte ich mit meinem Boss in Oesterreich, dem Leiter des Auslandsdienstes.
Ich sass hier allein und verloren in einem Land, das ich gerade erst kennenlernte, und musste jetzt zugeben, dass ich versagt hatte. Dass ich nicht genug ueber die Arbeitskultur und erforderliche Diszilpin gewusst oder realisiert hatte. Versagen ist ein bitterboeses Gefuehl, und gegen jede Regel der maennlichen Ueberlebenstriebe.
Ich hatte so viel Schiss, ihn anzurufen, so als waere ich ein Volkschulkind, das die erste schlechte Note nach Hause bringt. Doch entgegen all meiner Erwartungen und Aengste zeigte er sich sachlich, rational, ja sogar verstaendnisvoll und machte mir klar, in was fuer einer Situation ich steckte, und wie ich mich aus dieser befreien koennte.

Naechster Tag: Ich arbeite an der Auslandsdienst-Webseite und fuege 400 neue Links zu einem Ortsregister hinzu, und treffe mich mit Lukas und Valentin, die an den einzigen anderen Gedenkdienststellen in Los Angeles arbeiten. Valentin meinte, meine Chancen waeren sehr gering, und TOR – Spanien gegen Russland. Wir sitzen in einem italienischen Cafe, vollgepackt mit Leuten aller Nationalitaeten, Pizzdaduft streomt durch das mit schwarz-weissen Kacheln ausgelegte Restaurant.
“Ich werde bei uns nachfragen, ob wir dich aufnehmen koennen, ich glaube aber nicht, dass das funktionieren wird. Die Institution, bei der ich arbeite, ist recht klein, und nach deinen disziplinaeren Ausschreitungen.. hm, ich weiss nicht.”
TOR! TOR!
Und Spanien gewinnt.

Einen tag spaeter die schlechte Nachricht: Nein, ich kann nicht mit Valentin zusammenarbeiten. In der Zwischenzeit helfen mir eine Unmenge Leute aus dem Verein, ich bekomme Beileidsmails und Mails voller Ideen und Vorschlaege, aber ich moechte noch auf Lukas’ Nachricht warten: Er arbeitet in einem Institut an der USC, und vielleicht haben die ja eine Stelle frei.

Es ist Mittwoch, 2. Juli. Noch vier Tage. Eine SMS klingelt mich aus der Nachmittags-Trance.

Leider nein, ich rufe dich spaeter an.

Kein Internship neben Valentins Schreibtisch. Kein Internship gegenueber von Lukas’ Computerbildschirm. Und kein Zeichen, dass Security oder Human Ressources des MOT ploetzlich ueber alle Richtlienien springen und mich in Mitleid wieder willkommen heissen wuerden.

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Und das war der Punkt, an dem ich realisierte: selegnA soL wuerde bald in meinem Rueckspiegel stehen.

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