Wenn du ein Tourguide bist, und du fuehrst Schueler herum, dann ist deine Maxime, dass die Schueler so viel vom Museum mitnehmen wie moeglich. Nicht, weil es in der Anleitung so steht, sondern weil es zu deinem persoenlichen Interesse wird.
So auch bei mir: Jede meiner Gruppen soll einen so intensiven Aufenthalt haben, wie nur moeglich. Wir haben taeglich 1100 Schueler, die mit wenigen Erwartungen hereinkommen, und voellig veraendert hinausgehen. Das Museum bewirkt echt etwas, und ich bewundere die Kids fuer ihre Cleverness – war ja selbst noch vor kurzem Schueler.

Gestern hatte ich eine wunderbare Gruppe. Meine 5. Tour, Katholische Privatschule mit Uniformen (Toby, die Maedels sind zu jung fuer dich, 13 bis 14 – ach was?). Anfangs dachte ich, es waere ein recht lauter Haufen, fuehrte sie die Rotunda hinab und begann eine meiner immer besser werdenden, routinierten Einleitungen. Nach 5 Minuten hatte ich die Aufmerksamkeit von ausnahmslos jedem Schueler, und bevor wir loslegten, startete ich meine selbst-entwickelte “Wenn ihr gefragt werdet wollt ihr antworten”-Routine. Werde spaeter mal darueber schreiben.

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Und dann, in der Mitte der Tolerance-Ausstellung, gingen wir ins Point of View Diner. Wir sehen uns ein Video namens “Prom Night” an, in der ein Highschool-Schueler beim Abschlussball sauft, mit der Freundin betrunken in die Karre huepft und nach kurzer Fahrt sich selbst und das kleine Maedchen im entgegenkommenden Auto umbringt.

Man bekommt die Moeglichkeit, zu vorten, wer verantwortlich sein koennte:

  1. Charlie, der Drinker und Driver
  2. Deborah, seine Freundin
  3. Seine Mama
  4. Rayko, der Alkoholverkaeufer

Dann bekommen die Kinder die Chance, die Beteiligten – ausgenommen Charlie, dem sturzbetrunkenen Kerl im Leichenschauhaus – zu interviewen. Und alle schieben die Schuld von sich – die Mutter, die nicht auf Charlie’s Trinkprobleme achtete, die Freundin, die ihm ne FakeID besorgte, keinen Grips hatte und ihn anschliessend Autofahren liess, und der Shopbesitzer, der ihm Alkohol verkauft hat und nebenbei noch dafuer bekannt ist, anderen Kids Drinks anzudrehen.

Und dann gibt es ein zweites Voting.

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Das interessanteste an der Sache ist fuer mich als Tourguide immer das Voting. Bei Voting Nummer 1 bekommt Charlie meist um die 20-30%, und der Shopbesitzer um die 25%, Freundin und Mutter weniger.

Bei Voting Nummer 2 bekommt Charlie meistens 4-8%, Rayko um die 35%, und die Mutter und Freundin teilen sich den Rest. Dass Charlie ploetzlich so wenig hat, hat verschiedene Gruende:

  1. Charlie ist hin. Mitleid.
  2. Charlie ist der einzige, den man nicht interviewen kann. Jeder Interviewte tut so, als haette er nichts mit der Sache zu tun, und dafuer hasst man ihn – und da Charlie nicht vorhanden ist, um die Schuld von sich zu weisen, kann man ihn als Einzigen nicht hassen.
  3. Man hat beim zweiten Voting weniger Zeit und viele Kids vergessen fuer Charlie zu voten.

So. Sachverhalt geklaert. Da sitzt nun also die Gruppe von katholischen Privatschuelern aus dem 8. Grade – bei uns 4. Klasse Gymnasium – vor mir und haemmert auf die Votingbuttons. Als ich das Ergebnis sehe, pfeift es nur so durch meinen aufgeklappten Mund:

17% fuer Charlie

Kaboom! Damit haette ich NIE gerechnet. Ich sage den Kids, dass sie rocken. Sie lachen, und ich erklaere ihnen, was es mit Personal Responsibility auf sich hat. Dann geht’s weiter in der Ausstellung.

Mann, ich liebe diese Kids.

Oh, und nebenbei hat mich die Lehrerin eingeladen, sie ihn San Diego besuchen zu kommen. Die Schule, nicht die Lehrerin. 😉

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