Dieses Wochenende war eine kleine Evolutionsgeschichte; so, wie wenn man eine Kuh, einen Eimer Milch und einen Laib Kaese kauft.

Samstag: Zwei Runden Casting. Ich ueberlege mir, wie toll es doch waere, noch einen Autounfall zu machen, waehrend ich zu einer Audition fahre, die Zeit knapp wird, ich keinen blassen Schimmer mehr habe und den Strassenverkehr verfluche. Doch diesmal nicht!

Casting 1

University of Southern California. “Kids, where do I find the Fluor Tower?”, frage ich zwei merklich aeltere Studentinnen. Ich ernte ein Kichern und eine Wegbeschreibung. Ein Typ empfaengt mich in der Lobby – beziehungsweise ich spreche ihn an -, er ist total freundlich, macht zwei Fotos von mir und schickt mich hoch. Ich werde in einem Workshopraum von einem Studenten und zwei Studentinnen empfangen. Er ist der Director, das eine Maedel spricht den Counterpart, und das dritte haelt die Kamera drauf. Ich spiele eine Szene, bei der ich das Maedel mit “Are you famous yet?” aufreisse, und eine – zeitversetzt-, in der ich komplett am Boden zerstoert bin, weil sie die Scheidung will (bloede Schlampe). Ich merke gerade, dass alle Schauspieler immer von “dem Charakter” reden, wenn sie ueber ihre Rolle in diesem und jenem Film sprechen. Mach ich in Zukunft auch, dann bin ich dabei im Ronald McDonald Club der coolen Kinder..

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Casting 2

Los Angeles Film School. Rufe eine Nummer an, werde in den 6. Stock dirigiert. Treffe einen fetten Gschmuftel-Typen, wir gehen in einen kleinen Konferenzraum. Dort sitzt der Producer – XX-Uebergroesse-Shirt, weisse Kappe, Goldene Halsketten-Ausfertigung des Blink-Bling-Imperiums. Mr. Fat ist der Director. Ich auditioniere fuer den Killerclown. Eine Figur, die zwar nichts zu sagen hat, aber ein paar besoffene Collegekids niedermetzelt. Zuerst moechte er eine Performance, in der man Emotionen sieht. Ich spiele ne Szene, wo ich angerufen werde, dass jemand aus naher Verwandtschaft gestorben sei. Zuerst Unverstaendnis, dann Entruestung, Traurigkeit, Verwirrtheit und zuletzt Wut.

Er sagt, yeah, okay, want it more extreme, exaggerate. Das ist das geile bei Castings: Man kriegt fast immer Kritik und versucht es nochmal. Diesmal moechte er aber die folgende Szene sehen: Ich sitze in einem Lokal, hinter mir tratschen ein paar maedels was. Zuerst gefaellt mir, was sie sagen, doch dann nimmt das Gespraech eine unerwartete Richtung an und ich bin total angeekelt. Klappt recht gut. Und zuletzt: Ich sitze in einem Lokal. Neben mir ein kleiner Bub. Ich darf keine Worte verwenden, und soll ihn zu Tode erschrecken, bis er weint. Ich gebe dem unsichtbaren Jungen saugrausige Grimassen und die besten epileptischen Anfaelle landesweit. Nicht umsonst gehe ich frisch beschwingt und voller Ideen, was ich besser machen koennte, aus dem Gebaeude heraus. Nicht umsonst sah meine Email-Bewerbung so aus:

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Sonntag: Ein Casting, eine Arbeit als “Extra”. Das bedeutet, man ist eine Figur im Hintergrund, unscharf, recht unsichtbar, und sorgt dafuer, dass die Zene realistisch und lebendig wirkt.

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Casting 3

LA Film School. Wiedermal. Ich habe in der Bestaetigungs-Email das komplette Script zugeschickt bekommen und keinen blassen Schimmer, welchen Charakter ich lesen moechte. Bei vielen Castings ist es so, dass nicht verlangt wird, textsicher zu sein. Man kriegt eine Kopie vom Drehbuch in die Hand gedrueckt und liest die Szene gemeinsam mit einem Mitglied der Castingcrew. Ich betrete den 5. Stock. Room 204. Ich bin im Zeitstress, weil in etwa einer halben Stunde der Extra-Dreh ein paar Blocks weiter beginnt. Ein schwarzer Junge, um die 20, ist gerade am Rumbruellen fuer ne Rolle. Ich setze mich auf einen Stuhl und warte. Er kommt dreimal heraus, blubbert draussen die Rolle vor sich hin, und geht wieder rein, um dem Director seine Zaehne zu zeigen. Nach fuenf Minuten ist er fertig, und das dicke Maedchen begruesst mich und ruft mich herein. Der Director ist eine Directorin, schwarz, um die 24, sympathisches Grinsen und die typische Regiekappe auf dem Schopf.

Mein erster Task: Spiele den Bekifften Homie der abhaengt und Leute zulabert. Nach der Amsterdam Experience® ist es natuerlich ein Leichtes, stoned zu spielen.

Rolle Nummer zwei ist der Weiberheld-Superarschloch-Typ, der das College unter seinen Fittichen hat und wie ein Zuhaelter herumkommandiert. Ganz mein Ding.

Zu schnell. Langsamer.
Nochmal, uuuuund Action.
ZU langsam.
Okay, und jetzt mit mehr Gemeinheit. Noch mehr Gemeinheit. Action.
Mehr Gesichtsausdruck. Du jagst ihnen Angst ein. Action.
Ja, geil. Gefaellt mir. Wir melden uns!

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Das ist etwas, was man bei Castings immer zu hoeren bekommt: Awesome. You’ll hear from us!
Es zaehlt nichts, ist nichts wert. Entweder man kriegt den Part, oder nicht. Bin schon gespannt, ob ich etwas von den drei Castings wieder hoere.

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Extra-Work

Ein kleines Restaurant am Sunset Blvd. Die Fenster und die tueren sind mit schwarzen, schweren Stoffen verhaengt, sodass drinnen der Director of Photography die totale Kontrolle ueber das Licht hat. Ich betrete den Saloon, werde von der Crew eingewiesen, und der Dreh beginnt recht bald. Ich sitze an der Bar und brate diverse Damen ohne Worte an. Wenn die Audiospur mitlaeuft, ist man im Hintergrund naemlich still, und bewegt nur die Lippen bzw. den Koerper.
Eine grossartige Gelegenheit, um mal wieder die Zeit mit n paar Maedels gemeinsam totzuschlagen, die nicht 35 sind. Eher 25 – “Oh yeah, and in that time when I finished college… now I’m a teacher!”
Was zum Teufel.. in LA gibts nur Frauen ueber 25 oder unter 16. Die dazwischen sind ausgestorben.

Aber immerhin hat es etwas gutes: Ich habe von der einen Japanerin gelernt, wie man mit der Zunge einen Knoten in einen Kirschenstengel macht. Und von dem einen Nerd weiss ich, dass er ein “Personal Relationship with Jesus Christ” hat. Nice.
Die Arbeit ist unbezahlt, Zeit, nach Hause zu fahren und der Lehrerin noch meine Nummer quer ueber den Arm zu kritzeln.

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Lukas und Alexandre verabschieden sich in einem sentimentalen Meer aus metallenen Traenen… oder so. War ein cooler letzter Tag. Und dann, der kroenende Abschluss von Casting und Filmdreh ist natuerlich der Film selbst… Sebastien und ich sehen uns

Into the Wild

an. Bombastischer Film ueber einen Amerikaner, der Oeff-Oeff-maessig (Einsiedler in Deutschland) in die Wildnis aufbricht, um fernab von der Zivilisation zu leben. Er verbrennt sein Geld und faehrt quer durch die USA. Ergreifender Film ueber zwischenmenschliche Beziehungen, der Suche nach Glueck, elterliche Verlustangst und dem Willen, auf sich allein gestellt zu sein. Ich habe diverse Parallelen zu mir selbst gefunden, mit dem Unterschied, dass das Filmende nicht dem meinen entsprechen wird (da ich 120 Jahre alt werde – kein Scheiss – und bei irgendeiner obszoenen Aktion an meinem 120er, in die definitv Adrenalin oder Orangensaft involviert sein wird, draufgehe). Und dieser Blog ist einer der Gruende dafuer, dass diese letzten Worte Sinn machen:

Happiness is real when shared.

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