Es ist Samstag Frueh. Ich habe zwei Dinge im Kopf:

  1. Heute ist ein Couchsurfer-Pankace-Brunch.
  2. Heute habe ich eine Verabredung mit einer Castingagentur.
  3. .. und beide sind weit weg und zur fast selben Zeit
  4. .. und ich bin zu spaet aufgestanden.

Was tun wenn guter Rat teuer ist? Einfach nicht denken, sondern handeln.

Am Abend zuvor habe ich auch gehandelt; bin draufgekommen, dass mir ein Pickel auf der Nase die Sicht versperrt, bessergesagt im Profil die Nase viel hakiger assehen laesst, als sie ist. Da ich nicht eitel genug bin, um mir einen professionellen Nosejob zum Geburtstag schenken zu lassen und eeeeine Million dafuer zu zahlen, legte ich selbst Hand an.

Dr. Med. Tobias wollte einfach nicht wahrhaben, dass das kein ausdrueckbarer Pickel, sondern irgendwas nicht-ausdrueckbares ist. Blut. Mord und Totschlag. Sodom und Gomorra direkt auf dem Hoecker meiner Nase. ich sehe am Tag des Castings in den Spiegel. Unmenschlich, die treten mich gleich wieder bei der Tuer raus, wenn ich daherkomme, wie als haette ich mir beim Einparken mit einem Cabrio in ihrer Tiefgarage frisch die Nase am Schlagbaum gebrochen.

In der Kueche finde ich ein Lidschatten-Makeup-Set. Daraus laesst sich sicher was zum Uebertuenchen mixen, dann ist meine Nase wenigstens nicht mit dem roten Krustenkrater geschmueckt.

Fehlanzeige.

Lidschatten ist weniger cremig als ich es dachte, und betont die huebsche Kruste nur noch mehr, glaenzender, auf hundert Meter weit sichtbar. Salbe drauf. Der Lidschatten geht runter. ACH VERFLUCHT NOCH MAL! Gesicht gewaschen und ohne Nosejob, ohne Parfum und ohne doppelten Boden, dafuer mit Tirolerhut auf dem Kopf und dem Schweiss im Ruecken bei der Tuer rausgestuerzt. Scheiss drauf, es zaehlen doch eh nur innere Werte … hab ich mal in ner Frauenzeitschrift gelesen.

In der Hand schwinge ich Waffeln, Waffelsirup und ne Packung Erdbeeren.

Nach einer Sicherheitsrunde Tanken und einem guten Ritt nach Santa Monica stosse ich auf ca. 20 Couchsurfer, die in einem Hintergarten um 12 zu Mittag Party machen.

Wir essen frisch gemachte Pancakes, meine Erdbeeren und tiefgefrorenen Waffeln erfeuen sich ebenfalls hoechster Beliebtheit. Ich kriege geile Stories zu hoeren, rede mampfend mit ner Russin, die sich dauernd hinter ihrer Sonnenbrille versteckt haelt (verstaendlich, von meiner Schoenheit geblendet, wuerde ihr naechster Einkauf Armschleife, Schaeferhund in Damenunterwaesche und Blindenstock enthalten).

Ich erweise mich als hinterwaeldlerischer Pfannkuchen-Dekorateur (man beachte die NASE)…

Ich hoere abgefahrene Stories von einer Studentin aus Washington, die mal waehrend einem Festival in nem Hotel wohnte, das des Nachts von den Festivalbewohnern komplett auseinandergenommen wurde, bemitleide alle Kanadierinnen (davon gabs ne Menge), die bloss auf Urlaub in Los Angeles waren und informiere mich ueber die beste Beschaffung einer Fake-ID (Conclusio: Selbst ist der Mann).

Fotos von Carmen vom Pancake Brunch

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Ding-Dong. Es ist 2 Uhr. Noch schnell alle Couchsurfing-Profile meiner Bekanntschaften in den Notizblock gekritzelt, und ab in den Wagen. Das Casting beginnt um … 2 Uhr. Und ist irgendwo, einige Meilen weit weg.

Ich steige in meinen schwarzen Wagen. Greife Das Lenkrad an. “FUCK!

Man koennte Waffeln drauf braten … 35 Grad im Schatten, schwarzes Auto, schwarzes Lenkrad, und noch dazu aus Leder-Plastik … keine gute Idee. Nichts zum isolieren da. Ich nehme Papier, hilft nichts. Will ausparken. Ein anderer Wagen kommt. Ich fahre weiter rueckwaerts, waerend er mir zusieht, wie ich das Lenkrad herumschubse und abfahre, um die Waerme zu absorbieren. Dann hupt er. “Ja verflucht noch mal, ich bins ja gleich…” TUSCH!

Und natuerlich in den Wagen hinter mir gefahren. VERFLUCHT!

Ich sehe es mir genauer an. Mein Nissan hat hinten Plastikstossstangen. Dem Mustang, dem ich reingefahren bin, waren die so wurscht, dass sogar noch der Staub dranklebte. Schwein gehabt. Beim Rausfahren aus dem Parkplatz verbrenne ich mir die Haende am Lenkrad und springe mit einem sanften Krachen ueber den Randstein. AWESOME!

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2:25. Parkgarage, 8383 Wilshire Boulevard. Ein sehr schmuckes Buerohaus steht da.

Ich gehe hoch. “John Casablancas”, steht auf der grossen, polierten Glastuer. im Eingang daneben steht ein Maedchen. 10 Jahre alt, dunkles, Haar, niedliche backen und ein Headset um. Macht am Wochenende Werbung fuer Mamis Kosmetikladen, der recht gekonnt, direkt neben der Castingagentur, positioniert ist.

Ich trete ein. CAN YOU HEAR THE SILENCE?! –

Nicht wirklich. Ich hoer nur Kindergehopse. Das Stammpublikum sind kleine Rabauken mit ihren niemals-erfolgreichen Eltern, die den eigenen Traum am kleinen Kind verwirklichen wollen. Sie springen herum auf den teuern Sofas, hauen die Mamas auf die Schenkel, gaehnen und strecken sich und rennen schreiend um die Angestellten herum. Ich labere eine von den Tussis an, die hier arbeitet. Sie gibt mir einen Bogen, mit dem Vermerk: Missed the Intro.

“Why are you late?!”

“I had something important to do.”

Sie hat auch ein paar Pickel. Gut mit Makeup ueberdeckt, aber fuer den Akneprofessor Doktor Mangustus Deml ein Kinderspiel, sie zu durchschauen. Eigentlich wollten sie, dass ich ein Foto mitbringe. Irgendwie hat dann aber niemand dort darum gefragt. Gut so, denn ich haette ihnen die Wahl gelassen, und sie haetten sich nie entscheiden koennen, welcher Headshot professioneller gewesen waere… diese Fotos hatte ich in der Hosentasche:

Sie lassen mich warten. Ich war spaet dran, der Letzte. Zuerst gehe ich in einen grossraeumigen Wartesaal. Es spielt leise stark progressive Club-House-Musik, in akustischer Symbiose mit einem Ventilator. Der Raum ist voll mit kleinen Kindern, ein paar BBWs und einer einzigen wirklich scharfen Suedlaenderin.

Am Ende sitzt nur noch ein einziger wirklich scharfer Oesterreicher da.

“Save the best for the last”, sagt die eine Empfangsdame, grinst und lotst mich um die marmorne Empfangstheke herum. Voller Erwartung eines grossen Casting-Saaeles, vier geschlechtsverschiedenen Dieter-Bohlen-Nachzuechtungen im diesigen Licht eines gebrauchten Amateurporno-Scheinwerfers, biege ich im die Ecke. Etwas ueberrascht trete ich jedoch in ein furznormales Buero ein, wo eine wirklich heisse – nein, nicht die aus dem Castingsaal – Lady hockt. Kara. Deinen Namen merk ich mir (peitsch). Sie stellt mir ein paar Fragen. Lacht, weil ich den Punkt “Final Exams Average Grade” mit “I didn’t calculate it, I’m too stupid” beantowrtet hab. “You’re funny.”

Aeh ja, klar.

Sie reicht mir einen Bogen Papier und ringelt zwei Absaetze ein. Das eine ist eine schleimige Werbung fuer Verizon Mobiltelefone. Das andere ist ein – nicht minder schleimiger – Werbetext fuer Nike. Ich nehme Nike. Sie nimmt die Amateurkamera auf dem Ministativ. Ich verlese den text, sie gibt mir einen Bogen in die Hand und sagt, ich soll sie morgen anrufen. Um rauszufinden, ob ich fuer cool befunden wurde.

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Es ist Sonntag. 12:35. Klingeling.

“This is John Casablancas Acting and Modeling School, my name is Kathy, can I help you?”

“Yes. I want to speak to Kara.”

“What’s your name?”
“Tobias.”

“One moment!”

Musik wird eingespielt.

“Kara here, what can I do for you?”

“Hi Kara, this is Toby. Let’s go out for dinner tonight.”

“Okay, where?”

“Mac Donalds”

“Sorry, I’m not interested…”

“Oh that would be a very romantic setting … anyway, what about my submission?”

“Hm I’d require you for some casting training, or what exactly are you looking for?”

“Jobs.”

“Okay, then send me some headshots and resumees, and I’ll had it to some of our clients!”

“Alright. Bye.”

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Verflucht. Ich haette so gerne gehabt, dass sie mich uebers Ohr hauen wollten. Denn John Casablancas Acting and Modeling School ist – wie der Name sagt – eine Schule:

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Heute in der Frueh wache ich auf, das Handy klingelt. Ooooh Wecker, ich drehe es ab. Doch es war kein Wecker, ein Anruf. Joel Amkraut. Er haette Lust in die Wueste zu fahren.

-Magste mitkommen, Toby.

-Noe Joel, ich hab da vielleicht ein Casting bei John Casablancas, dieser Agentur da…

-Oh, haha, hahaha, die sind Abzocker. Die rufen dich n paar Tage spaeter an und sagen du bist der naechste Humphrey Bogart, wenn du noch ein bisschen trainierst. Ich kannte mal so ein Maedel, die hab ich fotografiert, die hat ganz schlechte Erfahrungen mit denen gemacht. Die lassen dich glauben, dass sie ne Agentur sind, aber in Wirklichkeit sind sie ne Schule.

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Ein bisschen Internet-Research ergab das. John Casablancas Modeling and Acting School is a SCAM.

Und genau das ist der Grund, weshalb ich so gerne nochmal dort hinberufen worden waere, scheinbar nichts ahnend, um dann in ein Verkaufsgespraech fuer einen 5000$-Schauspiel-Kurs verwickelt zu werden. Und ich haette so gerne das Gesicht von Kara gesehen, wenn ich in ihrem Buero meine erste Heulkrampf-Performance zum Besten gegeben haette. “Oh, ich habe das Geld fuer den Kurs nicht, und ich wuerde ihn soooo gern besuchen, schneuz, heul, wein!”

Aber dazu kam es nicht. Weil sie wohl durchschaut hatte, dass sie mir keinen Kurs aufschwaetzen kann. Verdammte Sackgesichter. Hoffentlich verschluckt sie sich heute Abend im Burger King.

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